Flugblätter gegen Erdogan in Istanbul bei "Scholl 2017"

Das Zentrum für Politische Schönheit verteilt mit einem Drucker Flugblätter am Gezi-Park in Istanbul
| Robert Braunmüller
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Das Zentrum für Politische Schönheit beim Geschichts- und Sozialkundeunterricht in den Kammerspielen.
Patryck Witt 3 Das Zentrum für Politische Schönheit beim Geschichts- und Sozialkundeunterricht in den Kammerspielen.
Ein Auszug aus dem Flugblatt.
Screenshot 3 Ein Auszug aus dem Flugblatt.
Der Drucker wirft Flugblätter auf die Straße am Gezi-Park.
Screenshot 3 Der Drucker wirft Flugblätter auf die Straße am Gezi-Park.

Am Montag begann die Aktion wie ein verspäteter Aprilscherz. Das Zentrum für Politische Schönheit verschickte mit falschen Grußworten von Ludwig Spaenle und Joachim Herrmann an Bayerische Gymnasien Material für einen Schülerwettbewerb. Freiwillige im Alter von 14 bis 24 Jahren sollten in Diktaturen „ihrer Wahl“ reisen, um auf Kosten der bayerischen Staatsregierung die dortigen Machthaber „nachhaltig zu verunsichern“, so die Aktionskünstler um Philipp Ruch im Internet.

Lesen Sie unseren Bericht über den Polizeieinsatz am Freitag

Am Freitag gab es noch einen Polizeieinsatz wegen eines gefälschten Impressums. Aber sonst schien es, als würde die Aktion an der hiesigen Wurstigkeit scheitern, die man in Anlehnung an Herbert Marcuse auch repressive Toleranz nennen kann. Der Versuch, sich mit dem Pathos der „Weißen Rose“ an demokratisch gewählten Politikern abzuarbeiten, wirkt recht aufgesetzt.

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Das sektenähnliche Gehabe und die penetrante Berliner Arroganz von Ruch & Co. kann einen ärgern. So sehr, dass man sich aus purem bajuwarischem Trotz mit Spaenle und Herrmann solidarisiert. Denn um die zu verarschen, brauchen wir keine hochfahrend moralisierende Belehrung von den Rein’gschmeckten aus dem tiefen Osten.

Nun hat die Aktion „Scholl 2017“ offenbar die Wohlfühlzone der Kammerspiele und des linksliberalen Sozialkundeunterrichts verlassen. Am späten Freitagabend wurde bekannt, dass ein aus der Aktion stammendes Flugblatt in Istanbul mit Hilfe eines ferngesteuerten Druckers hundertfach aus einem Hotelzimmer auf eine Straße am Gezi-Park geworfen wurde. Dort begannen 2013 die Proteste gegen die Regierung Erdogan.

Kritik an Horst Seehofer

Auf der Website Netzpolitik.org ist der Drucker in Aktion zu sehen. Zwei Kameras filmten die Aktion, bis Personen in das Zimmer eindrangen. Der Aktivist des Zentrums für Politische Schönheit hatte zu diesem Zeitpunkt die Türkei bereits wieder verlassen.
Eine unabhängige Bestätigung dieser Vorgänge ist schwierig. Türkische Medien sollen darüber berichtet haben. Dem Vernehmen nach fahndet die Polizei nach dem Aktivisten. Matthias Lilienthal, der Intendant der Kammerspiele, hält die Aktion für authentisch. Der Tonfall, in dem Ruch berichte, spreche dafür.

Man kann sich fragen, ob auf dem Flugblatt gleich zum politischen Mord aufgerufen werden muss. „Tod dem Diktator“, heißt es da maßlos. Und gleich anschließend: „Dieses Flugblatt wurde finanziert aus Mitteln des Freistaats und der deutschen Bundesregierung.“

Schädlich oder mutig?

Warum das? „Jetzt denken Sie mal daran, wenn es den Horst wieder etwas zu sehr in diese Diktaturen zieht! Siehe Putin-Besuch“, teilt uns Ruch dazu mit. Da ist er wieder, der belehrende Tonfall. Als ob es in Bayern keine Kritik an Seehofers Reisen gäbe.
Man kann die Aktion gewiss geschmacklos und angesichts des Falls Yücel schädlich bis dämlich finden. Den wie mit einer Monstranz herumgetragenen Anspruch, es mit den Geschwistern Scholl gleichzutun, ebenfalls.
Trotzdem: Die Aktion mit dem Drucker beweist Mut.

 

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