Christopher Rüping über "Dionysos Stadt"

Mammutprojekt: Christopher Rüping inszeniert „Dionysos Stadt“ zur Eröffnung der Kammerspiele-Saison, hat aber noch kurz Zeit für einen Wiesnbesuch mit der AZ
| Michael Stadler
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Christopher Rüping und Wiesnbedienung Babsi Schiller im Biergarten der Fischer Vroni.
Bernd Wackbauer Christopher Rüping und Wiesnbedienung Babsi Schiller im Biergarten der Fischer Vroni.

Die Schicksalsgötter haben es bisher nicht so gewollt: Obwohl er schon seit zwei Jahren in München wohnt, hat Christopher Rüping, Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, noch kein einziges Mal das Oktoberfest besucht. Jedes Mal kamen Endproben dazwischen, da war keine Zeit zum Feiern.
Auch jetzt steckt er mitten in den Proben, gar für ein Mammutprojekt: In „Dionysos Stadt“ bringt er gemeinsam mit einem kleinen Ensemble mehrere antike Dramen auf die Bühne, nach dem Vorbild der antiken Dionysien, bei denen tagelang Theater gespielt und gefeiert wurde. Immerhin zehn Stunden soll das Publikum zur Eröffnung der Saison in den Kammerspielen bespielt werden. Das verspricht ein Theaterrausch zu werden, und dann ist es doch an der Zeit, Christopher Rüping trotz allen Stresses aufs Oktoberfest, Ort des Rausches und der großen Inszenierungen, zu entführen.

Im Biergarten neben dem Festzelt der Fischer Vroni findet sich nachmittags leicht Platz. Die Tracht von Rüping ist der dunkle Kapuzenpulli, aber er wird dennoch in die bayerische Feiergemeinschaft herzlich integriert. Bedienung Babsi bringt zwei Maß und steht gerne für Fotos zur Verfügung. Dann geht’s zur Bierbank, an deren Ende ein Bayer so laut Tabak schnupft, dass der ganze Tisch vibriert.

CHRISTOPHER RÜPING: Das sollte ich vielleicht auch mal probieren.

AZ: Vielleicht später… Herr Rüping, Sie haben heute noch Abendprobe. Ist da zuvor Alkoholgenuss überhaupt erlaubt?
Ja, erlaubt auf jeden Fall. Die Frage ist nur, wie produktiv die Probe dann wird. Aber das werden die Kollegen und ich dann schon rausfinden.

Ich würde ja vermuten, dass Ihnen als nüchterner Hannoveraner das Oktoberfest eher suspekt ist.
Dazu kann ich wenig sagen, weil ich zum ersten Mal hier bin. Tatsächlich ist mir aber jede Form von Uniformierung suspekt. Ich bekomme Beklemmungszustände, wenn Horden von Menschen in Dirndl und Lederhosen auf mich zukommen. Und die Bierpreise hier sind mir auch suspekt. Gleichzeitig erfüllt es mich hier und jetzt mit einer großen Zuneigung zur Gattung Mensch, dass es offenbar ein Bedürfnis gibt, an einem Ort zusammenzukommen, gemeinsam Bier zu trinken, in der Sonne oder im Zelt zu sitzen, laut zu sein und sich selbst zu vergessen.

Wann hatten Sie selbst das letzte Mal einen Rausch?
Also, einen durch Hilfsmittel induzierten Vollrausch hatte ich zuletzt während der Sommerferien. Ich war mit meiner Freundin in der Normandie. Wir haben in einem kleinen Teil eines riesigen Schlosses gewohnt, das über der atlantischen Steilküste gelegen war. Wir konnten uns nachts auf die Terrasse setzen und auf den Atlantik gucken. An einem Abend tranken wir zu zweit zwei Flaschen Pastis.

Was passiert mit Ihnen im Vollrausch?
Kommt auf den Kontext an. Ich werde weder aggressiv noch müde, eher naiver, kindlicher. Aber das war auch ein Zweierrausch. Interessanter finde ich, wie sich bei einem kollektiven Rausch eine Form von Schwarmintelligenz bildet. Das eigene Rechenzentrum hat dann nicht mehr die Kapazitäten, sich auch noch selbst von außen zu begutachten. So lässt man schneller die Hüllen fallen, öffnet sich neuen Erlebnissen und findet vielleicht zu einem anderen Teil vom Selbst.

Im Theater als Ort der Begegnung mit sich und anderen wäre so ein Rausch fast wünschenswert.
Das wäre doch der Traum. Bei den antiken Dionysien wurde übrigens Wein umsonst ausgeschenkt, um einen kollektiven Rausch möglich zu machen. Darin liegt schon mal ein Unterschied zum Oktoberfest: Bei den Dionysien hat der Staat Geld verschleudert, hier wird Geld umgesetzt. Die Dionysien waren zutiefst antikapitalistisch, das Bruttoinlandsprodukt ist während dieser Zeit in den Keller gegangen: Die Zuschauer wurden für ihr Kommen bezahlt. Handelsbeziehungen wurden ausgesetzt, Kriege unterbrochen. Es gab wohl die Überzeugung auf Staatsseite, dass diese dionysische Festzeit von zentraler Bedeutung für das Überleben der Demokratie war.

Dabei gingen die Dionysien zwischen fünf und sieben Tage.
Fünf Tage eher. Die Tageszahl schwankt, je nachdem, was man dazu zählt. An einem Tag wurde eine Penisskulptur von Dionysos’ Geburtsort aus in einem großen Zug nach Athen getragen. Dann gab es eine Art Vollversammlung mit diversen Abstimmungen. Gefährlich mächtige Bürger wurden beispielsweise aus der Stadt verbannt. Dann gab es einen Tag, an dem nur Chorwettbewerbe stattfanden. Dann einen Tag, an dem nur Komödien liefen, fünf oder sechs Komödien hintereinander durch. An drei Tagen fanden dann Dichterwettstreite statt. Jeweils drei Tragödien und ein Satyrspiel aus der Feder eines Autors wurden vorgespielt. Am Ende gab es eine Abstimmung, welcher Autor der Beste war, und eine Preisverleihung.

Gerade die aufgeführten Dramen von Dichtern wie Euripides eigneten sich wenig zur Weltflucht.
Ja, aber genau das ist ja so interessant: dass die Griechen den Rausch für eine ganze Stadt, einen ganzen Staat planten, aber die Berauschten dann mit Geschichten voller Blut und Leid konfrontierten. Das Oktoberfest hier lässt einen den Tod vergessen, man ist völlig im Hier und Jetzt. Die Griechen aber veranstalteten diese Riesenfestivals und zwangen den Leuten gleichzeitig die Beschäftigung mit Krieg, mit Liebe und Eifersucht, mit dem Tod auf. Was für ein Spagat! Vielleicht, und das wäre eine große Hoffnung, ermöglicht einem diese Gleichzeitigkeit von Rausch und Theater, von Selbstvergessenheit und Selbstbespiegelung einen unverkrampfteren Umgang mit den großen Fragen der Menschheit. Womöglich waren deshalb die Dionysien ein Erfolgskonzept, das später sogar die Römer klauten.

Womit man auch bei der guten alten Katharsis ist.
Natürlich. Aber Katharsis nicht nur gedacht als intellektueller Prozess. Wenn man fünf Tage lang mit denselben Leuten zusammen ist, sich betrinkt und mit den großen Fragen auseinandersetzt, dann ist das auch ein physisches Erleben, eine körperliche Hingabe, eine Investition von Zeit, Kraft und Geld, die eine Verschwendung bedeutet. Auf dem Oktoberfest kann man das zum Teil erleben. Und wir wollen das mit „Dionysos Stadt“ versuchen: das intellektuelle und physische Erleben zusammenzubringen.

Steckt bei dem Projekt eine Lust dahinter, einen Rauschzustand herzustellen?
Was am Ende der 10 Stunden entstehen wird, weiß ja keiner. Aber wir schaffen Angebote für Entgrenzungen verschiedener Art. Es gibt im Foyer der Kammerspiele mehrere Bars und einen Club im Steinfoyer. Wer will, kann durchtanzen. Es gibt Streetfood-Wägen auf der Maximilianstraße. Man kann in den Spielpausen ins Blaue Haus gehen. Es gibt eine eigene Kaffeemaschine und eigens für unsere Produktion designte Longdrinks, die man bestellen kann. Die Überlegung am Anfang war die: Wir geben diesen jahrtausendealten Texten jetzt mal den Rahmen, für den sie geschrieben wurden, und finden gemeinsam heraus, wie sie dann auf uns wirken. Euripides, Aischylos oder Sophokles haben für ein Fünf-Tages-Event geschrieben, bei dem die Zuschauer zehn oder noch mehr Stunden ihren Texten ausgesetzt waren.

Im Grunde behandeln alle Dramen, ob und wie ein Einzelner sich seines Schicksals erwehren kann.
Aus unserer privilegierten Position heraus ist der Schicksalsbegriff ja eigentlich überholt. Es gibt kaum etwas, was wir nicht selber gestalten können, alles scheint in unserer Hand zu liegen. Wenn man in seinem Leben aber damit konfrontiert wird, dass nahestehende Menschen schwer krank werden und diese Krankheit weder kausal auf etwas zurückzuführen noch heilbar ist, dann stellt sich die Frage, ob wir wirklich alles kontrollieren können. In manchen jüngeren antiken Texten ist das Schicksal auch gar nicht mehr eine äußere Kraft, sondern eine internalisierte: Die Figuren spüren in sich selbst das Verlangen, zu morden, zu lieben, abzuhauen, frei zu sein. Wir würden sagen, das ist Teil unseres freien Willens, aber in der Antike sind es letztlich die nach innen gewanderten Rachegöttinnen. „Dionysos Stadt“ zeichnet diesen Verlauf nach, in dem die Schicksalskräfte nach und nach ins Innere, Private wandern.

Welche Texte spielen Sie denn genau?
Ich finde es eigentlich schöner, wenn das Publikum ohne Vorwissen ins Theater kommt, ohne irgendwelche Erwartungen an einen bestimmten Stoff. Wir werden traditionellerweise drei Tragödien aufführen und ein Satyrspiel. Da nur ein einziges Satyrspiel überliefert ist, das für uns nicht in Frage kam, mussten wir uns hier etwas einfallen lassen. Das Satyrspiel ist eine Verlängerung, so eine Art Resonanzraum zu dem, was vorher passiert ist. Es wirft nochmal ein anderes Licht auf die Stunden zuvor und stellt neue Bezüge her. Wir haben dazu einen zeitgenössischen Text gewählt.

Wie haushalten Sie mit den Energien Ihres Schauspielteams?
Ich habe den Schauspielern am Anfang freigestellt, in wie vielen Teilen sie mitspielen, aber am Ende wollten sie eigentlich immer dabei sein. Insgesamt ist es für alle eine wahnsinnige Kraftanstrengung, eine Verschwendung im schönsten Sinne des Wortes. Das soll dann auch ein Erlebnis für alle sein: für die Schauspieler, für die Techniker, für die Zuschauer. Es ist genau das, was in den Kammerspielen laut mancher Politiker nicht mehr stattfinden soll: ein Live-Experiment mit offenem Ausgang.

Kammer 1, Karten unter Telefon 233 966 00

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