Zwischenbilanz Bundesliga-Hinrunde: Die Tops und Flops

Auch über dieses Trio wurde in der Hinrunde viel diskutiert: Mats Hummels, Robert Lewandowski, Alexander Zorniger (von links). Foto: dpa

Die Hinrunde der Bundesliga ist vorbei, die Profis gehen in die wohlverdiente Winterpause. Schöne Gelegenheit, um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Was hat beeindruckt, was genervt?

 

Entdeckung der Hinrunde: Julian Weigl (Borussia Dortmund)
Neuzugang Julian Weigl wurde als Entdeckung der Saison gefeiert, schon bevor die Saison für Borussia Dortmund so richtig begonnen hatte. Im Eiltempo hatte sich der 20-Jährige in die Startelf katapultiert und Experten wie Mitspieler gleichermaßen verblüfft. Die Lobeshymnen über den 2,5 Millionen-Einkauf vom Zweitligisten TSV 1860 wurden immer lauter. "Julian begeistert mit Unbekümmertheit und Frische sowie der Fähigkeit, die Dinge aufzusaugen und schnell zu lernen. Zudem ist er ein offener, ein herzlicher Junge", schwärmte Trainer Thomas Tuchel über seinen "Sechser" mit der ausgeprägten Spielintelligenz. Weigl imponiert mit einer exzellenten Passquote, einem enormen Laufpensum und Zweikampfverhalten, womit er sich längst als Schlüsselspieler unentbehrlich gemacht hat. Die BVB-Fans sind überzeugt: Weigl wird Dortmunds nächster Nationalspieler.

Foul der Hinrunde: Johannes Geis (Schalke 04)
Als Johannes Geis die Fernsehbilder sah, war er selbst schockiert. "Ich habe mich erschrocken", sagte der Mittelfeldspieler von Schalke 04, "für mich ist es unerklärlich. Ich bin nicht der Typ, der auf den Platz geht, um seine Kollegen zu verletzen." Genau das hatte der 22-Jährige beim 1:3 der Königsblauen am 25. Oktober bei Borussia Mönchengladbach getan: Mit gestrecktem Bein war er André Hahn aufs Knie gesprungen, der Gladbacher erlitt bei dem brutalen Foul eine Fraktur des Schienbeinkopfes und einen Außenmeniskusriss. Der Übeltäter, der sich nach seiner Roten Karte in der Gladbacher Kabine entschuldigte und Hahn im Krankenhaus kontaktierte, wurde für fünf Spiele gesperrt. Hahn nahm die Entschuldigung an: "Damit ist die Sache auch okay." Schalke gewann ohne Geis kein einziges Spiel und rutschte nach dem besten Bundesliga-Saisonstart seit 44 Jahren aus den Europacup-Plätzen heraus.

Flop der Hinrunde: Alexander Zorniger (VfB Stuttgart)
Hach, was waren sie glücklich beim VfB Stuttgart. Zweimal waren sie nur äußerst knapp dem Abstieg entronnen, zweimal hatte Huub Stevens sie gerettet, nun war Alexander Zorniger da. "Stuttgarter Weg", Balljagd-Fußball, Manchester City im Vorbereitungsspiel 4:2 zerlegt, endlich, endlich würde alles besser werden. Hurra! Die Revolution dauerte nur 13 Spieltage, dann bliesen sie im Roten Haus in Bad Canstatt wieder einmal in höchster Panik zum Rückzug. Zorniger, der Protagonist der Erneuerung, steht nun für grandioses Scheitern. Der kantige Schwabe, stur bis zur Selbstaufgabe, begriff nicht, dass er mit seinem mutigen Ansatz die eigene Mannschaft total überforderte. Allerdings: Die Mannschaft scheint nicht mehr drauf zu haben als Abstiegskampf. Jürgen Kramny ist der zwölfte Trainer der vergangenen zehn Jahre beim VfB. Fragt sich nur: Wie lange?

Flucht der Hinrunde: Lucien Favre (Borussia Mönchengladbach)
Als Max Eberl am Morgen nach der Derbypleite beim 1. FC Köln (0:1) mit seinem Hund Hunter Gassi ging, war die Welt bei Borussia Mönchengladbach noch in Ordnung. Dann klingelte um 7.20 Uhr das Handy des Sportdirektors, am anderen Ende war der Berater von Lucien Favre und verkündete den Rücktritt des Trainers. Es war das Ende einer Ära. Vier Jahre lang war der Schweizer mit der Borussia von Erfolg zu Erfolg geeilt, mit dem Erreichen der Champions League als Krönung. Doch dann folgten fünf Liga-Niederlagen in Folge. Favre zweifelte, grübelte und warf schließlich hin, obwohl er den gesamten Verein hinter sich wusste. Für viele wirkte der Abgang wie eine Flucht, er war das unschöne Ende einer Erfolgsstory. Favre hat sich seither nicht mehr zu Wort gemeldet, noch immer sind viele Fragen offen. In Gladbach übernahm André Schubert - und führte die Borussia wieder nach oben.

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Fünferpack der Hinrunde: Robert Lewandowski (FC Bayern)
Fünf Tore in 8:59 Minuten: Bayern Münchens Torjäger Robert Lewandowski hat sich beim 5:1 des Rekordmeisters im Bundesligaspiel gegen den VfL Wolfsburg mit seiner unglaublichen Gala einen Eintrag in die Fußball-Geschichtsbücher gesichert. "Das war ein historischer Abend für mich", sagte Lewandowski. Er habe "ein paar Tage, Wochen gebraucht, bis ich das realisiert habe". Das Kunststück war dem 27 Jahre alten Polen am 22. September gelungen: drei Treffer in 3:22 Minuten, vier in 5:42 und fünf in 8:59 - von der 51. bis zur 60. Minute, und das als Einwechselspieler. Vier Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde gab es dafür. Nur eine Bestmarke stellte "Lewangoalski" an jenem denkwürdigen Abend nicht ein: Dieter Müller hatte vor 38 Jahren für den 1. FC Köln sechs Tore im Spiel gegen Werder Bremen (7:2) erzielt.

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Handtor der Hinrunde: Leon Andreasen (Hannover 96)
38. Minute, der Ball segelt in den Kölner Strafraum, Leon Andreasen steht goldrichtig. Doch er schlägt den Ball mit der Hand ins Tor. Die meisten der 48.500 Zuschauer hatten das gesehen. Doch: Die Pfeife von Schiedsrichter Bastian Dankert bleibt stumm, Andreasen sagt nichts. Und Hannover 96 gewinnt am Ende durch den irregulären Treffer 1:0 - nicht nur in Köln ist die Aufregung groß. Der Express schreibt von einer "0:Hand-Niederlage". Hitzig werden die grundlegenden Fragen des Spiels diskutiert: Gibt es noch Moral und Fair Play? Sind die Schiedsrichter zu überheblich? Und wieder mal: Braucht es den TV-Beweis? Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) leitet gegen Andreasen wegen des Verdachts eines "krass sportwidrigen Verhaltens" ein Ermittlungsverfahren ein, doch der Däne wird nicht bestraft. Tatsachenentscheidung. Schiedsrichter Dankert ist nach der Partie untröstlich: "Nach dem Studium der Bilder muss man sagen, dass das auf diesem Niveau nicht passieren darf, solche Fehler zu machen."

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"Motzki" der Hinrunde: Mats Hummels (Borussia Dortmund)
Mats Hummels fühlte sich unverstanden, zu Unrecht kritisiert und falsch bewertet. Seine Reaktion war Schweigen. Sieben Wochen verweigerte sich der Weltmeister den Medien und seiner Aufgabe als Kapitän von Borussia Dortmund. Der 27-Jährige, ansonsten auch nach der bittersten Niederlage ein kompetenter Gesprächspartner, wurde seinem Status als Führungsperson auf und außerhalb des Platzes nicht gerecht. Sein pikierter Rückzug wurde im Umfeld des BVB kontrovers diskutiert. Trainer Thomas Tuchel versuchte, den Abwehrchef in diversen Gesprächen wieder in die Spur zu bringen. Als er den Nationalspieler im Heimspiel gegen Stuttgart (4:1) zunächst 80 Minuten auf die Bank setzte, blühten die Spekulationen um einen Denkzettel. Tuchel dementierte energisch. In Dortmund wünschten sie sich den allseits souveränen Mats Hummels zurück. Sein Tor beim 4:1 gegen den VfB Stuttgart wirkte wie Balsam für das "angenackste Selbstbewusstsein" des Nationalspielers.

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Shootingstar der Hinrunde: Leroy Sané (Schalke 04)
Leroy Sané fällt auf. Nicht nur wegen seiner Koboldfrisur. Der Jungstar von Schalke 04 hat in der Bundesliga-Hinrunde mit Tricks, Dribblings und Toren nicht nur die Herzen der königsblauen Fans im Sturm erobert. Ein Raunen geht durch die Stadien, wenn der 19-Jährige mit hohem Tempo und feiner Technik den Ball nach vorne treibt. Der Sohn des ehemaligen senegalesischen Nationalspielers Souleyman Sané und der deutschen Sportgymnastin Regina Weber ist im Schalker Bubi-Mittelfeld mit Max Meyer (20), Leon Goretzka (20) und Johannes Geis (22) nicht nur der jüngste, sondern auch der auffälligste Spieler. Fünf Tore und fünf Vorlagen hat Sané in den Pflichtspielen der Gelsenkirchener beigesteuert - fast durchweg spielentscheidende. Ohne die genialen Momente ihres Jüngsten hätten die Schalker sieben Punkte weniger auf dem Konto. Auch Joachim Löw hat längst gemerkt, was für ein Offensiv-Hochkaräter da heranwächst. "Er ist eine der positivsten Erscheinungen dieser Saison", sagte der Bundestrainer und spendierte ihm schon das Debüt in der A-Nationalmannschaft.

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Torjäger der Hinrunde: Pierre-Emerick Aubameyang (Borussia Dortmund)
Pierre-Emerick Aubameyang pflegt seine Tore mit einem Vorwärts-Salto zu feiern. Gelegenheit hatte er dazu genügend in der Saison. 18 Treffer stehen für den Gabuner nach 1. Bundesliga-Spieltagen in der Statistik, 27 in 27 Pflichtspielen für den BVB. Der 26-Jährige ist nicht nur erfolgreicher Torjäger, sondern auch Erfolgsgarant, Hoffnungsträger und Publikumsliebling der Westfalen. Zugleich befindet sich der pfeilschnelle Stürmer auf Rekordjagd. Nachdem er bereits saisonübergreifend in zehn Spielen in Folge getroffen hatte (das schaffte nur Klaus Allofs vor 31 Jahren in Köln), hat Aubameyang eine Bestmarke von Gerd Müller im Visier. Der "Bomber der Nation" erzielte 1971/72 insgesamt 40 Tore für Bayern München, nach 17 Spieltagen standen für den Weltmeister von 1974 damals 17 Tore zu Buche. Kein Wunder, dass bereits die großen Klubs in Europa auf Aubameyang aufmerksam geworden sind. Doch der BVB bleibt angesichts des Ende Juli bis 2020 verlängerten Vertrages gelassen.

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Überraschung der Hinrunde: Hertha BSC
In der vergangenen Saison ist Hertha BSC nur wegen der besseren Tordifferenz in der Fußball-Bundesliga geblieben. Für die Spielzeit 2015/16 hatten sich alle in Berlin auf eine Zittersaison eingestellt, doch es kam anders. Die Mannschaft von Pal Dardai steigerte sich von Spiel zu Spiel und steht zum Ende der Hinrunde auf einem Platz für das internationale Geschäft. Der Ungar Dardai und sein "Co" Rainer Widmayer haben aus dem unsicheren Haufen der alten Dame eine Einheit geschweißt, die zuletzt auch spielerisch überzeugte. Klub-Rekordspieler Dardai findet im Team offenbar die richtige Ansprache und wird dank seines konsequenten Stils respektiert. Hinzu kam, dass dieses Mal die Transfers von Manager Michael Preetz einschlugen. Dauerrenner Vladimir Darida, Ex-Bayern-Spieler Mitchell Weiser, Nachwuchsmann Niklas Stark und der schon abgeschriebene Vedad Ibisevic erwiesen sich als Volltreffer. Auch der verletzungsbedingte Ausfall von Keeper Thomas Kraft konnte aufgefangen werden. Der Norweger Rune Jarstein war mehr als ein Ersatz und dürfte nur schwer wieder aus dem Tor zu verdrängen sein.

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Verlust der Hinrunde: Kevin De Bruyne (VfL Wolfsburg)
Die Rekordablöse für Kevin De Bruyne von mehr als 75 Millionen Euro war für den VfL Wolfsburg nur ein teures Trostpflaster. Wochenlang gab es beim DFB-Pokal-Sieger zu Saisonbeginn nur ein Thema: Geht er? Oder geht er nicht? Am Ende hatte der VfL im Ringen mit den Scheichs von Manchester City keine Chance: Der überragende belgische Mittelfeldspieler, der die Niedersachsen in der vergangenen Spielzeit zum Pokaltriumph und zur Vize-Meisterschaft geführt hatte, ging zurück nach England. Vorausgegangen war ein Wechsel-Theater, das die Wolfsburger und De Bruyne auch sportlich belastete. In den ersten beiden Saisonspielen, die Deutschlands Fußballer des Jahres noch in der Bundesliga absolvierte, war der Belgier nur ein Schatten seiner selbst. Erst in Manchester fand er wieder fast zurück zu alter Form: Drei Tore gelangen ihm in den ersten vier Spielen für die Citizens. De Bruynes Nachfolger beim VfL, Nationalspieler Julian Draxler, hat die Erwartungen bislang nicht ganz erfüllt.

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Vorbereiter der Hinrunde: Douglas Costa (FC Bayern)
Es heiße "Dooglas" Costa bitteschön, und nicht "Duuglas". Das wollte Thomas Müller mal klarstellen. Da war gerade das erste Spiel dieser Saison vorüber, und Costa, für 30 Millionen Euro von Schachtjor Donezk geholt, hatte beim 5:0 von Bayern München gegen den Hamburger SV für offene Münder gesorgt: ein Tor, eine Vorlage, Dribblings, Sprints. Der Kerl sei eine "Rakete", sagte Müller. Zehn weitere Male hat Costa nach dem fulminanten Einstand in der Bundesliga gespielt, er hat nur ein weiteres Tor erzielt - aber für seine Mitspieler elf weitere aufgelegt. Nun aber ist er seit Ende November verletzt, wenig verwunderlich, dass den Münchnern seitdem Esprit und Überraschungsmomente fehlen ohne den unberechenbaren Mann aus Brasilien (24). Dass Costa in München ist, dafür hat vor allem Pep Guardiola gesorgt. Der sagt über den Dribbler: "Er hat das Zeug, einer der fünf besten Außenstürmer der Welt zu werden."

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Wüterich der Hinrunde: Rudi Völler (Bayer Leverkusen)
Rudi Völler ist das Gesicht von Bayer Leverkusen. In der Hinrunde war der Weltmeister von 1990, dem gerne mal die Gäule durchgehen, aber mehr in den Schlagzeilen, als ihm lieb war. Vor allem während der 1:2-Niederlage der Werkself beim VfL Wolfsburg am letzten Oktobertag war Poltergeist Völler voll in seinem Element. Nach dem 0:1, das Schiedsrichter Manuel Gräfe anerkannt hatte, obwohl sein Assistent zu Recht eine Abseitsstellung angezeigt hatte, stürmte Völler wutentbrannt von der Tribüne an den Spielfeldrand. In der Halbzeitpause stellte Völler den Referee nochmals zur Rede - "in geregelten Bahnen", wie der 55-Jährige versicherte. Deshalb wurde der Bayer-Sportchef wohl auch von einer Strafe verschont. Den Titel "Wüterich der Hinrunde" hat sich Völler redlich verdient - diverse Journalisten können ein Lied davon singen. Selbst Oliver Kahn kam im ZDF nicht ungeschoren davon.

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