Zum Tod des Altkanzlers Schmidt und Vogel: Zwei wie Pech und Schwefel

Seite an Seite in schwerer Stunde: Hans-Jochen Vogel (links) und Helmut Schmidt im deutschen Terrorherbst 1977. Foto: dpa

Der Genosse aus der Bierstadt München und der kühle Hanseat: Hans-Jochen Vogel und Helmut Schmidt hatten nie viel gemein. Trotzdem wurden sie zu Freunden. Münchens Alt-OB erinnert sich.

 

München/Hamburg - Vor ein paar Tagen bekam Hans-Jochen Vogel das letzte Mal Post von Helmut Schmidt. Es war die redigierte Fassung eines Geleitworts zu „Es gilt das gesprochene Wort“, einer demnächst erscheinenden Sammlung von Reden, die Vogel im Bundestag gehalten hat. Schmidt beschreibt den Münchner Alt-OB darin als wichtigen Freund. „Das hat mich natürlich besonders berührt“, sagt Vogel.

Einen Tag, nachdem Schmidt in seiner Heimatstadt Hamburg gestorben ist, im hohen Alter von 96 Jahren und nach langer Krankheit, sitzt Vogel im nobel herausgeputzten Speisesaal des Augustinums und erinnert sich an seinen Freund Helmut.

Schmidt hat ihn hier besucht, zwei, drei Jahre ist das her. Der Altkanzler saß damals schon im Rollstuhl. Er war zur Sicherheitskonferenz nach München gekommen und hatte danach eine Art Abschiedsrunde gemacht. „Abschließende Besuche“ nannte er das. Schmidt war klar, dass seine Gesundheit ihm keine großen Reisen mehr erlauben würde. Es war das letzte Mal, dass sich Schmidt und Vogel persönlich gesehen haben.

Geld für die U-Bahn? Schmidt riet damals: Biersteuer hoch!

Die beiden SPD-Granden unterhielten sich damals anderthalb Stunden. Schmidt sprach über seine Lieblingsphilosophen, über Marc Aurel, Max Weber und Karl Popper. Und natürlich ging es auch um die alten Zeiten.

Vogel hatte Schmidt in Bonn kennengelernt. Anfang der Sechziger Jahre muss das gewesen sein. Genauer will sich Vogel da nicht festlegen. So gut sein Gedächtnis noch funktioniert, selbst mit seinen 89 Jahren, die eine oder andere Jahreszahl ist da eben doch verschwommen.

Anfang der Sechziger Jahre jedenfalls, in München stand gerade der Bau der U-Bahn an, da trafen die beiden das erste Mal aufeinander. Natürlich duzten sie sich sofort, für Genossen keine Frage. Ob der Bund nicht etwas zum Tunnelbau beisteuern wolle, fragte Vogel seinen Parteifreund da bei einer Veranstaltung. Und der antwortete in der später so berühmten Schmidt-Schnauze-Manier: „Ihr müsst halt einfach die Biersteuer erhöhen.“

Von da an wurde die Beziehung zwischen den beiden immer enger. Schmidt wurde später Bundeskanzler, Vogel sein Justizminister. Es waren raue Zeiten: RAF-Terror, Deutscher Herbst, die Stammheimer Prozesse. Schmidt und Vogel standen im ständigen Kontakt, das schweißte die beiden zusammen. „Ich war froh“, erinnert sich Vogel, „dass ich ihm in dieser schwierigen Phase beistehen konnte.“

Er würde den Begriff Freund „nur außerordentlich sparsam“ verwenden, sagt Vogel. Aber Helmut Schmidt sei definitiv einer gewesen.

Segeln am Brahmsee? Das war so gar nicht Vogels Metier

Vogel besuchte Schmidt gerne in dessen Ferienhaus am Brahmsee. Der Altkanzler segelte im Urlaub gerne, das war nicht so sehr Vogels Metier. Und auch als Schachpartner habe er sich nicht wirklich ebenbürtig gefühlt, sagt der Alt-OB. Aber Loki Schmidt habe immer wunderbar gekocht. Dazu die tiefgründigen Gespräche. Sie hätten stets herrliche Tage verbracht dort oben im hohen Norden.

Das bayerische Lebensgefühl hat Vogel seinem Hamburger Freund dagegen nie so richtig nahebringen können. Auf die Wiesn gehen: Mit Willy Brandt ging das, mit Helmut Schmidt eher weniger. Der trank lieber Cola statt Bier. Und als Vogel einmal helfen wollte, dem Dauerqualmer Schmidt das Rauchen abzugewöhnen, mit bayerischem Schnupftabak, da endete nach kurzer Pause auch dieser Versuch wieder bei der Zigarette.

Einmal jedoch, erinnert sich Vogel, da sei Schmidt ihm zuliebe doch zum Bajuwaren geworden – zumindest für eine Viertelstunde. Es war im Wahlkampf 1980. Vogel kandidierte in seinem Wahlbezirk im Münchner Norden wieder für den Bundestag. Nach einer Veranstaltung kehrten die beiden noch im alten Mathäser am Hasenbergl ein. Dort landete dann ein Trachtenhut auf dem Kopf von Helmut Schmidt. Und immerhin: Gleich wieder abgesetzt hat ihn der Altkanzler damals nicht.

Schmidt habe durchaus Respekt gehabt für München, schätzt Vogel. Der U-Bahnbau, die Olympischen Spiele 1972 – das seien alles Dinge gewesen, die ihn beeindruckt hätten. „Aber er war halt durch und durch Hamburger“, sagt Vogel. München-Euphorie war da schwer zu wecken.

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Nun ist dieser beeindruckende Hamburger tot. Was Vogel als Andenken bleibt, sind die vielen Schmidt-Bücher, die ihm sein Freund unter anderem auch als Gegengeschenk für den Schnupftabak mitgebracht hat. „Er wird mir fehlen“, sagt Vogel mit gesenkter Stimme.

Der Briefwechsel, der ihnen immer Freude bereitet hat: plötzlich abgebrochen. Der Gedankenaustausch: nicht mehr möglich. Es sei aber nicht nur ein persönlicher Verlust, sagt Vogel. Schmidt werde eine empfindliche Lücke hinterlassen. „Für mich ist derzeit niemand ersichtlich“, sagt Vogel, „der sich mit dieser Autorität in gesellschaftliche Debatten einschalten könnte.“

In absehbarer Zeit wird Schmidt mit einem Staatsakt beigesetzt – natürlich in Hamburg. Eigentlich erlaube ihm seine Gesundheit eine solche Reise nicht, sagt Vogel im Speisesaal des Augustinums. Er werde sich trotzdem auf den Weg machen. „Das ist für mich ein ganz besonderer Fall.“

 

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