Weltmeisterschaft 2014 Vor Frankreich: Interne Diskussion um Löws Konzept - Sieben erkältet

Das bisherige WM-Konzept von Joachim Löw wird vor dem Viertelfinale im DFB-Trainerstab kontrovers diskutiert. Lahms Rückversetzung auf die rechte Abwehrseite ist die Option gegen Frankreich. An Özil will der Bundestrainer festhalten. Sieben Spieler sind erkältet.

 

Santo André - Die heftigen Algerien-Nachwehen könnten vor dem Viertelfinal-Kracher gegen die "Grande Nation" eine abrupte Korrektur des WM-Konzepts von Joachim Löw auslösen. In der Sportlichen Leitung der deutschen Nationalmannschaft wird vor allem der bislang wie in Stein gemeißelte Turnierplan mit Kapitän Philipp Lahm im Mittelfeld heftig diskutiert. Zudem plagen sich vor dem Duell gegen Frankreich gleich sieben Spieler mit einer Erkältung herum - was die bisherigen Personalplanungen eh über den Haufen werfen könnte.

"Es ist nicht so, dass wir von diesen Dingen nicht abweichen", berichtete Torwartcoach Andreas Köpke am Mittwoch aus dem internen Zirkel um Cheftrainer Löw. "Wir halten nicht stur an einer Linie fest", versicherte der Europameister von 1996 und verriet: "Natürlich wird kontrovers diskutiert." Auch unter den Spielern, für die in den K.o.-Runden aber eines über allem steht, wie Torwart Manuel Neuer deutlich verkündete: "Am Ende zählt der Erfolg, das ist das A und O."

Womöglich müssen die DFB-Mediziner am Freitag mit über die Startelf entscheiden. "Sieben Spieler sind irgendwie leicht grippeerkrankt", sagte Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch dem ARD-Hörfunk und sprach von Halsweh. "Es ist nicht so schlimm im Moment. Ich will es nicht dramatisieren", ergänzte Löw, wies aber auch darauf hin: "Bei Mats Hummels hat es sich am zweiten Tag zum Negativen entwickelt. Das hoffe ich jetzt nicht."

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Taktisch und personell müsse man sehen, "was gegen Frankreich das Beste ist", sagte Köpke vor der Abreise der Nationalmannschaft nach Rio de Janeiro. Dort soll am Freitag (18.00 Uhr MESZ/ARD) im Fußball-Tempel Maracanã gegen die auch ohne Franck Ribéry bisher auftrumpfenden Franzosen das Halbfinal-Ticket gegen Gastgeber Brasilien oder Kolumbien gebucht werden. Die internen Debatten könnten dazu führen, dass Lahm doch wieder auf die rechte Verteidigerposition wechselt. Dann könnten Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Toni Kroos das zentrale Trio im Mittelfeld bilden.

"Wir dürfen das vor einem WM-Viertelfinale aber nicht öffentlich machen. Da entscheiden Kleinigkeiten", sagte Köpke zu den internen Überlegungen und betonte: "Wir werden zu Lösungen kommen, von denen wir überzeugt sind." Offenbar gibt es im Trainerstab unterschiedliche Ansichten. Löw hatte zuvor noch erklärt, dass eine Rückversetzung von Lahm auf die rechte Abwehrseite nur im "Notfall" infrage komme.

"Ich habe meine Entscheidungen getroffen - auch was die Rolle von Philipp Lahm betrifft. Und dazu stehe ich bis zum Schluss", sagte der Bundestrainer in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit". Da war Lahm während des Spiels nach rechts gewechselt.

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In dem laut DFB aber schon vor dem Achtelfinale gegen Algerien geführten Interview machte Löw auch deutlich, dass er weiter auf die bisher noch nicht überzeugende Kreativkraft Mesut Özil setzt. "Weil ich weiß, dass er Spiele mit einer einzigen Aktion entscheiden und beeinflussen kann", begründete der Bundestrainer seine Treue zum gebürtigen Gelsenkirchener.

Nach einem Pflegetag mit Familienanschluss im Campo Bahia schwor Löw seine zuletzt matten WM-Spieler um Torwart-Held Neuer auf den nächsten Fußball-Krimi ein. "Deutschland gegen Frankreich waren immer Spiele auf einem extrem hohen Niveau mit viel Spannung", erklärte der Bundestrainer vor dem heißen Duell mit der "Grande Nation".

"Wir brauchen elf Spieler auf dem Platz, die zu hundert Prozent fit sind", betonte Neuer. Für die Anstoßzeit in der Mittagssonne sind über 30 Grad vorausgesagt. Der 28 Jahre alte Keeper des FC Bayern hatte mit spektakulären Rettungstaten großen Anteil daran, dass die DFB-Elf in Rio gegen die in Brasilien bisher überzeugenden Franzosen überhaupt noch antreten darf. Neuer würde die Rückkehr von Lahm in die Viererabwehrkette auch begrüßen: "Philipp bringt neuen Schwung, macht Druck auf der rechten Seite, bringt mehr Offensivkraft."

Intensiv wurde im DFB-Basiscamp an der Atlantikküste bis zur Abreise in die Metropole Rio in der Nacht zum Donnerstag deutscher Zeit daran gearbeitet, die geschlauchten Spieler wie Bastian Schweinsteiger und die erkälteten Akteure wieder fit zu bekommen. Am Mittwoch konnte der Gladbacher Christoph Kramer wegen Schüttelfrosts nicht an der leichten Einheit mit Fußballtennis und einigen Läufen teilnehmen. Shkodran Mustafi kann wegen eines Muskelbündelrisses in Brasilien nicht mehr spielen, soll aber beim Team bleiben. Jérome Boateng schleppt gleich mehrere Blessuren mit durch das Turnier.

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Löw muss bei einigen Spielern vermutlich bis kurz vor dem Anpfiff auf Grünes Licht von der medizinischen Abteilung warten. "Von daher ist es jetzt zu früh, um über die endgültige Aufstellung zu sprechen", bemerkte der Bundestrainer.

Unabhängig von der Aufstellung sieht Löw im Torabschluss noch ein beträchtliches Verbesserungspotenzial. Dazu muss die Fehlerquote im Spielaufbau deutlich minimiert werden. "Je weiter man kommt, umso weniger können wir uns erlauben. Wir müssen uns auf jeden Fall noch steigern", sagte Manager Oliver Bierhoff vor der Neuauflage des WM-Klassikers gegen Frankreich.

1982 und 1986 gewann Deutschland das WM-Halbfinale gegen den Nachbarn, 1958 ging das unbedeutende kleine Finale um Platz drei verloren. Eingebrannt hat sich vor allem das Drama von Sevilla 1982, das von einem bösen Foul von Torwart Toni Schumacher an Patrick Battiston überschattet wurde. Löw will sich mit der Vergangenheit nicht aufhalten: "Damit beschäftigen wir uns überhaupt nicht."

Vielmehr geht es darum, wie man den aktuellen Qualitäten des französischen Teams beikommen kann. "Man hat ganz genau gesehen in der Gruppenphase oder im Spiel gegen Nigeria, wie stark die Franzosen sind", erklärte der 105-malige Nationalspieler Schweinsteiger in der ARD. "Sie haben sehr gute Einzelspieler in ihren Reihen, die sehr hohe Qualität haben. Aber sie spielen auch als Mannschaft."

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WM-Torjäger Thomas Müller will auf jeden Fall noch ein zweites Mal nach Rio - zum Endspiel. Deshalb zählt für ihn auch im Viertelfinale nur das Ergebnis: "Mir ist es wirklich egal, wie wir die Spiele gewinnen", erklärte Müller.

Die voraussichtliche Aufstellung: Neuer - Lahm, Mertesacker, Hummels, Höwedes - Khedira, Schweinsteiger, Kroos - Schürrle, Müller, Özil

 

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