VfB-Fan im AZ-Interview Cem Özdemir: "Fußballprofis sind keine Ersatzpolitiker"

Grünen-Politiker Cem Özdemir und Niko Kovac vom FC Bayern. Foto: imago/Jan Huebner

Grünen-Politiker Cem Özdemir ist leidenschaftlicher Fan des VfB. Im Interview mit der AZ spricht er über die Misere der Stuttgarter – und äußert sich deutlich zu den beiden brisanten Fällen von Mesut Özil und Franck Ribéry.

 

München - Cem Özdemir wurde in der Nähe von Stuttgart geboren und ist leidenschaftlicher Fan des VfB. Die AZ hat vor der Partie des FC Bayern gegen die abstiegsbedrohten Schwaben (15.30 Uhr, Sky und im AZ-Liveticker) mit dem Grünen-Politiker gesprochen.

AZ: Herr Özdemir, haben Sie sehr gelitten am vergangenen Samstag?
CEM ÖZDEMIR: Ja. Auch wenn ich immer gerne im Stadion bin, das war kein schöner Nachmittag. Es war saukalt, meine Kinder und ich haben wahnsinnig gefroren. Das wäre ja noch zu verschmerzen gewesen, aber auch das Spiel hat uns alles andere als erwärmt. Die erste Halbzeit gegen Mainz war schlicht nicht erstligatauglich. Und selbst wenn es am Ende nach dem 0:3 noch eine dramatische Aufholjagd gab: Mehr als das 2:3 war nicht drin. So habe ich mir den Auftakt der Rückrunde nicht vorgestellt.

Was läuft denn da falsch?
Die Mannschaft hat viel Potenzial und sie hat die treuesten Fans, die an Extreme gewöhnt sind. Dass das momentan nicht ausreicht, liegt meines Erachtens nicht nur an der Mischung der Spieler. Es ist keine richtige Spielphilosophie zu erkennen. Und wie sollte sie sich auch entwickeln, wenn die Trainer keine Zeit bekommen, ihre Ideen langfristig umzusetzen? Mainz ist das beste Gegenbeispiel. Die haben die Geduld, auch mal längere Durststrecken durchzustehen und halten an ihrem Trainer Sandro Schwarz fest. Und beim VfB? Hannes Wolf und Jan Schindelmeiser? Entlassen. Tayfun Korkut? Weg. Das ist leider schon lange so. Denken sie an Bruno Labbadia oder Jogi Löw, Letzteren haben sie im Jahr nach dem Pokalsieg gefeuert. Da kann sich keine Kontinuität entwickeln.

Özdemir: "Das Foto von Matthäus mit Putin war genauso kritikwürdig"

Heißt, der VfB neigt gerne panikartig zu überstürzten Trainerentlassungen?
Ja, darin ist der Verein Deutscher Meister. Gegenwärtig allerdings leider auch nur da.

Acht Niederlagen in elf Spielen: Wie lange wird sich Markus Weinzierl noch halten?
Ich finde Diskussionen über einzelne Akteure momentan wirklich nicht hilfreich. Wir alle müssen gemeinsam für das Ziel kämpfen: Oben bleiben. Ein Motto, das es schon einmal gab, im Zusammenhang mit dem Bahnhofsprojekt in Stuttgart, mit dem unser aktueller VfB-Präsident ja auch zu tun hatte.

Wolfgang Dietrich war Sprecher des Tiefbauprojekts von Stuttgart 21, das die Gegner mit dem Slogan "Oben bleiben" verhindern wollten.
Womit sie leider keinen Erfolg hatten, weshalb sich die unvernünftigere Lösung durchsetzte, die weniger bringt, viel später kommt, aber dafür deutlich mehr kostet. Ganz unschwäbisch also. Ich hoffe, dass wir mit dem Ziel, oben zu bleiben, beim VfB erfolgreicher sind als bei Stuttgart 21.

Tröstet es Sie ein bisschen, dass der 1. FC Nürnberg als Heimatverein von Markus Söder noch schlechter dasteht und der CSU-Chef noch mehr leiden muss als Sie?
Ich gehöre nicht zu denjenigen, deren Schmerz überwunden wird, wenn sie wissen, dass auch andere diesen Schmerz verspüren. Das hilft mir also gar nicht. Der Club gehört genauso in die Bundesliga wie der VfB, um beide Klubs wäre es jammerschade.

Ein Foto mit einem Politiker und zwei Fußballern sorgte 2018 für mächtig Wirbel, auch Sie haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan vor der WM mit scharfen Worten für das Bild mit dem türkischen Staatschef Erdogan kritisiert. Wie bewerten Sie im Nachhinein den von allen Beteiligten desaströsen und vor allem monatelang dauernden Umgang in der Erdogate-Affäre?
Es ist klar, dass sich deutsche Nationalspieler nicht für den Wahlkampf autokratischer Herrscher einspannen lassen sollen. Klar ist aber auch, dass der DFB in dieser Angelegenheit, vorsichtig formuliert, nicht immer glücklich agiert hat. Der Eindruck, Mesut Özil sei quasi im Alleingang für das Ausscheiden verantwortlich, war nicht gut und vor allem auch falsch. Ich habe mich zwischenzeitlich mit DFB-Präsident Reinhard Grindel getroffen und wir hatten ein gutes Gespräch. Jetzt gilt es, den Blick nach vorne zu richten und Vertrauen zurückgewinnen, insbesondere bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Sonst geschieht das, was die Erdogans dieser Welt am liebsten hätten, nämlich, dass sich diese Jugendlichen von der deutschen Nationalmannschaft abwenden. Gestatten Sie mir hier bitte noch eine Fußnote.

Nur zu.
Das Foto von Lothar Matthäus mit Wladimir Putin war mindestens genauso kritikwürdig. Als Ehrenspielführer der Nationalmannschaft trägt Matthäus auch nach seiner Karriere noch Verantwortung. Putin tut alles dafür, Demokratien wie unser Land zu spalten.

Özdemir fordert mehr Engagement von Fußballern

Hat denn der DFB – wie von Özil behauptet – ein Rassismus- und Integrationsproblem?
Der Fußball an sich hat gelegentlich eines, leider auch in den unteren Ligen. Dort dürfen wir niemanden allein lassen, auch Flüchtlinge müssen wir dort fördern, denn eigentlich hat der Fußball doch eine enorme Integrationskraft. Auf dem Platz zählt, was du kannst – und nicht, wo du herkommst. Rassismus darf keinen Platz haben, nicht im Fußball, nicht in der Gesellschaft. Leider gibt es das fast überall auf der Welt. In anderen Ligen wie in Italien geht es auf den Rängen noch übler zu und bei manchen Vereinen gibt es null Problembewusstsein. Da sind wir bei den meisten Vereinen weiter. Unsere Vereine haben in den vergangenen Jahren viel für Integration getan.

Müssten aber nicht auch Fußballer als Vorbilder für die Jugend mehr in die Verantwortung genommen werden, noch deutlicher Haltung zeigen?
Natürlich sind Fußballprofis Vorbilder. Ich muss nur in das Zimmer meines Sohnes schauen, da ist alles vollgepflastert mit seinen Idolen, wenn auch leider keiner vom VfB aktuell dabei ist.

Sagen Sie jetzt nicht, dass stattdessen da einer vom FC Bayern hängt.
Doch. Ein altes, handsigniertes Trikot von Claudio Pizarro aus seiner Münchner Zeit. Ich bin auch wahrlich kein Vater, der sein Kind zum Bayern-Hasser erzieht. Wenn wir als Bundesliga europäisch relevant sein wollen, geht das nur mit Dortmund und Bayern, da müssen wir froh sein, die beiden Klubs zu haben. Aber zurück zum Thema, Vorbilder sollten Fußballprofis schon sein. Viele Spieler engagieren sich schon für die Gesellschaft. Aber da könnte noch mehr kommen, das wäre für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der in unserem Land gefährdet ist, gerade heute sehr wichtig. Und sie sollten auch bedenken, neben wem sie sich ablichten lassen. Aber sie sind keine Ersatzpolitiker.

Franck Ribéry hat sich in der Winterpause mit einem Goldsteak ablichten lassen. Haben Sie so etwas schon mal gegessen?
Nein. Als Vegetarier bin ich da auch wahrlich nicht gefährdet und goldenen Tofu bekam ich bislang auch noch nicht angeboten. Ribéry war damit und mit seiner unflätigen Reaktion sicher nicht gut beraten, und natürlich war das Bild skandalisierbar. Aber es gibt Dinge, die ich weitaus skandalöser finde, Verträge, die alle guten Sitten sprengen, organisierte Steuerhinterziehung, Wettbetrug, Summen jenseits von Gut und Böse und natürlich die Fifa und ihren Präsidenten. Dubiose Machenschaften um WM-Vergaben und künstliche Aufblähung von Turnieren, um noch mehr Geld zu scheffeln, das sind die wahren Skandale des Fußballs. Nicht vor allem ein Goldsteak.

Einer der wenigen in der Bundesliga, der politisch und gesellschaftlich klar Stellung bezieht, ist Christian Streich. Ausgerechnet der Trainer des badischen Rivalen aus Freiburg.
Der Streich ist klasse. Das sage ich auch als Schwabe an die Adresse der Freunde in Baden. Wie er sich offen gegen Rassismus und die Ausgrenzung von Minderheiten positioniert, ist großartig. Und tollen Fußball lässt er auch noch spielen. Ich freue mich schon, bald die Laudatio auf ihn zu halten.

Wie denn das?
Er ist in diesem Jahr mein Nachfolger als Träger der Narrenschelle. Wir sind beide der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, aber auch unseren jeweiligen Mundarten sehr verbunden.

Özdemir: "Letztlich verachtet die AfD unser Land"

Wie klasse fänden Sie es, wenn Streich mit Freiburg beim Südwest-Derby kommenden Sonntag drei Punkte aus Stuttgart mitnimmt?
Ich gestehe, da hört die Begeisterung für Freiburg dann auf. Die Punkte werden hoffentlich bei uns bleiben. Aber dennoch: Mehr Christian Streichs würden dem Fußball guttun.

Klar positioniert hat sich auch Peter Fischer, der als Präsident von Eintracht Frankfurt ankündigte, keine AfD-Wähler in den Verein mehr aufnehmen zu wollen. Was für Diskussionen sorgte, ob sich die AfD dadurch nicht noch mehr in ihrer Märtyrer-Rolle der Ausgegrenzten suhlen kann.
Ob die Regelung mit den Wählern durchsetzbar ist, das muss die Eintracht entscheiden. Bei AfD-Funktionären aber bin ich klar bei ihm. Das ist die Partei von Höcke und Gauland, die die Verbrechen der Shoa und den Nationalsozialismus als Fliegenschiss relativieren. Ich denke oft an meinen Deutsch-Lehrer in der Realschule, der sagte: "Wir haben Meinungsfreiheit, jeder darf sagen, was er denkt. Wer jedoch die Verbrechen der NS-Zeit verharmlost, der steht auf der anderen Seite der Barrikade." Letztlich verachtet die AfD unser Land.

Die AfD verliert zwar gerade in den Umfragewerten, jedoch stehen heuer drei Landtagswahlen im Osten an. Was wäre für Sie ein größerer Albtraum in diesem Jahr? Ein Wahltriumph der AfD in Brandenburg, Sachsen und Thüringen? Oder der Abstieg des VfB Stuttgart?
Fußball und Politik sind schon zwei paar Stiefel. Dennoch: Beides darf nicht passieren, beides wird nicht passieren. Ich bin sehr zuversichtlich für die Wahlen und außerdem überzeugt, dass der VfB die Kurve kriegt und oben bleibt. Anders als der Bahnhof unseres Präsidenten leider.

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