Städtische IT auf Prüfstand Geht's dem Limux-Pinguin jetzt an den Kragen?

Etwa 1300 Verwaltungsgebäude muss die städtische IT miteinander vernetzen. Da kann auch mal was schief gehen – allerdings passiert das zu oft, sagen kritische Stimmen im Stadtrat. Kleines Bild: Pinguin "Tux", das Limux-Maskottchen. Foto: imago/dpa/AZ

Serverausfälle, Computerabstürze, langsamer Service – das ist einer Metropole wie München nicht würdig, finden einige Stadträte. Die städtische EDV kommt deshalb komplett auf den Prüfstand.

 

München - Die Attribute sind nicht immer die gleichen – sie klingen aber allesamt nicht gerade positiv. „Hölle“, „Katastrophe“, „peinlich“ – das sind so die Beschreibungen, die man zu hören bekommt, wenn man sich unter Stadträten nach der städtischen IT erkundigt.

Man muss nicht lange bohren, um auf solche Äußerungen zu stoßen. Der Verdruss über die Computertechnik ist im Rathaus mittlerweile so groß, man muss nur gemütlich durch die Flure schlendern. Irgendwo wird man auf jeden Fall jemanden schimpfen hören.

"Diese Panne schießt den Vogel ab"

Oft genug richtet sich der Ärger dabei gegen Limux, das Betriebssystem mit dem drollig dreinblickenden Pinguin als Logo. Als die Stadt vor mittlerweile gut zwölf Jahren Microsoft Lebwohl sagte und ankündigte, künftig mit der frei verfügbaren Open-Source-Software zu arbeiten, war die Euphorie noch groß. Inzwischen jedoch ist der Limux-Pinguin eher eine Hassfigur.

Vor gut einem Jahr, im Dezember 2014, titelte die AZ: „Diese Panne schießt den Vogel ab“. Da war für mehrere Tage der Mailserver der Stadt ausgefallen, das Rathaus somit elektronisch nicht erreichbar. Danach wurde viel darüber spekuliert, ob die Stadt den Limux-Pinguin nun davonjagt. Wirklich getan hat sich seither allerdings wenig.

Dabei blieb das Mail-Desaster nicht der einzige Zwischenfall. Im Kreisverwaltungsreferat zum Beispiel ist vergangenen Juli das System zusammengebrochen – totales Blackout! In den Bürgerbüros ging daraufhin nichts mehr.

Nicht immer konnte man dabei die Schuld auf Limux schieben. Trotzdem gibt es im Rathaus Stimmen, die vehement eine Rückkehr zu Microsoft fordern. Stadtrat Andre Wächter (Alfa) beispielsweise hält das Limux-Experiment für gescheitert. „Der mehr als zehnjährige Testbetrieb hat gezeigt, dass das System nicht funktioniert“, sagt er.

Kompatibilitäts-Probleme mit Windows

Das Grundproblem von Limux ist, dass nicht jede Software ohne eine extrige Anpassung damit läuft. Die meisten Programme sind für Windows geschrieben und müssen von der städtischen IT erst aufwendig für Limux fit gemacht werden. Das klappt meistens – manchmal aber eben auch nicht.

So richtig konsequent abgekapselt hat sich München von Microsoft deshalb nie. Für den Notfall hält die Stadt in jedem Referat noch ein paar Windows-Rechner parat. Und wie man hört sind diese Arbeitsplätze bei den Angestellten die Beliebtesten. Angeblich hat man mit den Windows-Rechnern einfach weniger Ärger.

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Allerdings gibt es im Stadtrat auch ausgemachte Limux-Fans. Für die sind die Probleme nur selten auf das Betriebssystem selbst zurückzuführen. „Der Fehler liegt auch oft beim Benutzer“, sagt etwa Dominik Krause von den Grünen. Und CSU-Stadtrat Otto Seidl, selbst jahrelang Programmierer, erklärt: „Microsoft ist auch nicht der IT-Himmel.“ Gegen Viren und Trojaner zum Beispiel sei Limux deutlich besser geschützt. „Diese zusätzliche Sicherheit, ist mir schon einiges wert“, sagt er.

Zwar meckert auch OB Dieter Reiter (SPD) immer mal wieder über Limux – weil es in der Außenwirkung eben tatsächlich schwierig ist, wenn man in der digitalen Kommunikation mit Vorständen von BMW und Siemens immer wieder Dateiformate zugeschickt bekommt, mit denen man auf den städtischen Rechnern nichts anfangen kann. Da steht man schnell als ungelenker IT-Hinterwäldler da.

"Microsoft ist auch nicht der IT-Himmel"

Aber vielleicht stimmt es, vielleicht ist Limux wirklich nicht der Grund für die städtische IT-Misere. Tauchen wir also ein in die Weiten der städtischen Datenwelt und machen uns auf die Suche.

Die Spurensuche führt zunächst auf die Webseite der städtischen EDV. Diese lobt sich dort als starker Dienstleister, der sich mit den Computerabteilungen in jedem modernen Großkonzern messen könne. Es klingt allerdings auch schon ein Aspekt an, der durchaus das Potenzial hat, Probleme zu bereiten.

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Die EDV der Stadt besteht nämlich aus drei Einzelabteilungen: Das Strac kümmert sich um die strategische Planung, die IT@M führt das operative Geschäft und dann hat jedes Referat noch eine dezentrale IT-Abteilung, eine sogenannte Dika. Und wie das bei geteilter Zuständigkeit eben so ist: Die Effizienz wird dadurch nicht befördert.

Als seine Gruppierung 2014 erstmals ins Rathaus eingezogen ist, moniert etwa Alfa-Stadtrat Andre Wächter, hätten sie ein halbes Jahr auf einen Computer warten müssen. Wächter arbeitet bei der Bundesbank, wenn man so will auch eine Behörde: „Wenn ich da einen neuen Mitarbeiter bekomme, hat der am nächsten Tag aber einen Rechner auf seinem Schreibtisch stehen.“

Er habe schon den Eindruck, sagt auch Grünen-Chef Florian Roth, dass sich die städtische IT-Abteilung mehr anstrengen könnte. „Der Service ist relativ langsam“, schimpft er. Anruf also bei einem, der wissen muss, woran es hapert.

"Technische Vielfalt" ist "wirkliches Problem"

Karl-Heinz Schneider ist Chef von IT@M, mit 600 Mitarbeitern die größte Abteilung. Ihm ist die vorgebrachte Kritik durchaus bekannt. Er sagt: Beim KVR-Blackout vergangenen Juli sei kein einziger Limux-PC betroffen gewesen, nur Windows-Rechner. Man könne also nicht grundsätzlich sagen, dass Microsoft-Programme stabiler seien. Und was die Organisation der städtischen IT betrifft: Da sei in den vergangenen Jahren schon viel zentralisiert worden. „70 bis 80 Prozent laufen jetzt besser als früher“, so Schneider.

Um zu verdeutlichen, vor welch komplexer Aufgabe seine Abteilung steht, hat Schneider ein paar Zahlen parat: 17 000 Limux-Computer gebe es bei der Stadt, mit über 600 unterschiedlichen Programmen darauf, verteilt auf 1300 Gebäude und 900 Server. „Unser wirkliches Problem“, sagt Schneider, „ist die technische Vielfalt.“

Dazu kommt die schwierige Personallage. Schneider kommt nicht von sich aus darauf zu sprechen, er ist nicht der Typ, der sich beklagt. Aber es stimme schon: Informatiker seien für die Stadt schwierig zu gewinnen.

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Etwa hundert Stellen sind in der städtischen EDV derzeit offen. In der freien Wirtschaft verdient man in dieser Branche einfach deutlich besser. Vor allem bei jungen Computerspezialisten hat die Stadt deshalb eigentlich keine Chance.

Bei IT@M wird notgedrungen deshalb auch fachfremdes Personal eingesetzt, Mitarbeiter, die umgeschult haben oder bei IT@M ausgebildet wurden. „Wir haben auch Leute, die nicht gelernte Informatiker sind“, sagt Schneider. Übertrieben ausgedrückt: Frühere Trambahnfahrer und Vorzimmerdamen mischen jetzt bei der städtische IT mit. Logisch, dass es da manchmal auch hakt.

Schneider sieht das nicht grundsätzlich als Problem. Aber auch er spricht von einer „Aufholjagd“. „Wir sind in einer Phase, in der wir den ganzen Technik-Zoo aufräumen“, sagt er.

„Wir hinken noch ein bisschen hinterher“, gesteht auch Stadtrat Otto Seidl zu. Die Große Koalition im Rathaus will trotzdem die endgültigen Resultate einer Untersuchung abwarten. Technologie-Experten des Beratungsunternehmens Accenture sind nämlich momentan noch dabei, die IT-Abteilung der Stadt zu durchleuchten. Ergebnisse werden für dieses Frühjahr erwartet. Danach soll entschieden werden: Darf der Limux-Pinguin bleiben? Wird die IT weiter zentralisiert?

2016 könnte es also das Jahr der großen Umbrüche werden. Oberbürgermeister Reiter hat schon mehrfach betont, dass er sich von der städtischen IT eine Leistung erwarte, die einer Metropole wie München würdig ist. Schließlich steckt die Stadt jedes Jahr um die 250 Millionen Euro in die Computertechnik. „Hölle“, „peinlich“ und Katastrophe“ sind da eigentlich nicht die Attribute, die zur Beschreibung fallen dürften.

 

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