Seit 2018 Pflicht in der EU Elektronischer Lebensretter: Alle Infos zum eCall-System

Seit April 2018 ist das sogenannte eCall-System Pflicht bei allen in Europa neu zugelassenen Autos. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Unfall auf einer einsamen Landstraße, Fahrer ohnmächtig: Seit 1. April 2018 kann das Auto in solchen Fällen dank des sogenannten eCall-Systems automatisch Hilfe rufen. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen zum elektronischen Lebensretter.

Mehr als 25.000 Menschen sterben jährlich bei Verkehrsunfällen in der Europäischen Union, 135.000 werden schwer verletzt. Um im Fall der Fälle schnellstmögliche Rettung zu gewährleisten, schreibt die EU seit 1. April 2018 verpflichtend für sämtliche neu zugelassenen Autos das sogenannte eCall-System vor. Zwischen 1.500 und 2.500 Menschenleben sollen pro Jahr durch die automatischen Notrufe gerettet werden.

Erst am vergangenen Wochenende löste das eCall-System bei zwei Unfällen in München aus. Feuerwehrsprecher Maximilian Huber zeigt sich im Gespräch mit der AZ zufrieden mit der Neuerung. "Nach der automatischen Alarmierung können wir uns aus der Rettungsleitstelle direkt in das Auto schalten und fragen, wie es den Insassen geht", sagt Huber, auch die Autoindustrie und der ADAC begrüßen die neue Technik. Andere Experten sind derweil skeptisch.

Die AZ gibt einen Überblick über die wichtigsten Fakten zum eCall-System:

Was kann eCall eigentlich?

Nach einem Unfall wählt das Auto automatisch den europaweit geltenden Notruf 112 und stellt eine Telefonverbindung zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle her. Ausgelöst wird das über sogenannte Crash-Sensoren und die Steuerung der Airbags. Melden sich die Insassen nicht - etwa, wenn sie ohnmächtig sind -, kann die Leitstelle direkt einen Rettungseinsatz auslösen. Denn das System übermittelt über Satellit gleichzeitig Daten zum Standort des Wagens und zur Fahrtrichtung - wichtig, um bei Unfällen auf der Autobahn den Notarzt auf die richtige Spur zu bringen.

Welche Vorteile hat eCall?

EU-Kommission und Europaparlament setzen große Hoffnung auf  das System, das schon 2002 gepriesen und schließlich 2015 gesetzlich festgeschrieben wurde. "Mit eCall wird sich die Reaktionszeit der Rettungsdienste in ländlichen Gegenden um 50 Prozent und in städtischen Regionen um 40 Prozent verringern", rechnet die Europaabgeordnete Olga Sehnalova vor. "Das führt zu einer Verringerung der Todesopfer und der Rettung von bis zu 1.500 Menschenleben pro Jahr." Die EU-Kommission schätzte die Zahl im Jahr 2013 sogar auf 2.500.

Welche Zeitersparnis bringt eCall?

Ob die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte am Unfallort tatsächlich halbiert wird ist umstritten. Marco König, Vorsitzender des Berufsverbands Rettungsdienst, hat mit Blick auf die Lage in Deutschland deutliche Zweifel. Im bundesweiten Durchschnitt dauert es nach seinen Worten heute knapp zehn Minuten, bis nach einem Notruf ein Retter am Unfallort ist. Eine Verringerung um 50 Prozent würde bedeuten, dass es nur noch fünf Minuten wären. Kaum realistisch, meint König. Da spielten ganz andere Faktoren eine Rolle als nur der rasche Anruf bei der Leitstelle, etwa die Logistik der Rettungswagen.

Aber nutzt das eCall-System dann wirklich etwas?

eCall gilt seit April 2018 in ganz Europa, und in einigen EU-Ländern liegen die sogenannten Hilfsfristen nach Angaben des österreichischen Roten Kreuzes bei bis zu 20 Minuten. Auch in Deutschland gilt: Jede Beschleunigung hilft. König nennt eine Faustformel: Pro Minute sinkt bei einem lebensgefährlich Verletzten die Überlebenschance um zehn Prozent. "Wenn nur ein Menschenleben gerettet wird, dann ist das eine gute Investition", meint Achim Hackstein, Vorsitzender des Fachverbands Leitstellen. Ob sich eCall wirklich bewährt, wird sich aber wohl erst in einigen Jahren herausstellen. Denn Pflicht wird das System jetzt nur für neue Modelle, die sich dann langsam am Automarkt durchsetzen. Bisher gebe es kaum Erfahrungen, sagt Hackstein.

Wie steht es bei eCall um den Datenschutz?

Datenschützer haben immer wieder schwere Bedenken gegen eCall vorgebracht. Der ehemalige schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert warnte, das Auto könnte zur "Datenschleuder" werden. Das Büro der Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff beruhigt hingegen. Datenschutzrechtlichen Bedenken sei Rechnung getragen worden, sagt ein Sprecher. Der übermittelte Datensatz sei auf ein Minimum begrenzt worden. Bei korrekter Umsetzung des Systems wäre ein Zugriff von außen auf Fahrzeugdaten nur mit einem "extrem hohen Aufwand möglich". Auch der ADAC betont, Autofahrer könnten nicht "getrackt" werden. "Für diesen gesetzlich vorgeschriebenen eCall sehen wir unmittelbar keinen Missbrauch des Datenmonopols", erläutert Sprecher Johannes Boos.

eCall: Welche Kritikpunkte gibt es am System?

Kritischer beäugt aber auch der ADAC Kommunikationsdienste, die Fahrzeughersteller in eigener Verantwortung anbieten. Mercedes-Benz etwa hat schon seit 2012 eigene Notrufzentralen. Boos warnt, einige Hersteller schlössen mit ihren Kunden Verträge mit weit umfangreicheren Datenpaketen als eCall. Bisweilen gebe es Klauseln, dass das Herstellersystem bei einem Unfall Vorrang vor eCall bekomme. Das wiederum sehen auch die Rettungsdienstexperten König und Hackstein kritisch: Automatische Notrufe müssten immer direkt an die Rettungsleitstelle gehen, fordern beide.

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