Rüstungsstandort München Waffenstadt: Wie hiesiges Kriegsmaterial in die Welt verschifft wird

1996 wird bei Krauss Maffei in Allach ein Leopard-2-Panzer feierlich an die schwedische Armee übergeben. Foto: Peter Kneffel/dpa

Die Region München ist Nummer eins – auch in der Rüstungsindustrie. Heute liefert man Waffen für die Syrien-Offensive der Türkei. Ein Münchner Geschäft mit Tradition.

 

München - Münchner Produkte – vor allem Panzer des Typs Leopard 2 – seien "bei der völkerrechtswidrigen türkischen Invasion in die kurdischen Gebiete in Nordsyrien (auch Rojava genannt) beteiligt", klagte Thomas Lechner, der OB-Kandidat der Linkspartei dieser Tage. Münchner Waffen und Kriegsgerät in aller Welt – das hat Tradition.

Rüstungsstandort München: Ursprung in der Nazizeit

Wie hoch der Anteil der Waffenexporte aus Bayern tatsächlich ist, dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Sehr hoch ist er auf jeden Fall. 2017 hatte die Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage hin aufgelistet, dass der Anteil bei den sogenannten Einzelgenehmigungen in den Jahren 2014 bis 2016 zwischen 26,4 Prozent und 55,1 Prozent lag, bei Sammelausfuhrgenehmigungen zwischen 26,8 Prozent und 65,5 Prozent. Kanonen, Haubitzen und Mörser sollen nach anderen Angaben zu fast 100 Prozent aus dem Freistaat kommen, bei Maschinenkanonen zu 99 Prozent und auch bei Flugkörpern sind es 84 Prozent.

München als Rüstungsstandort: Das hat auf jeden Fall eine lange Tradition. Der Boom beginnt in der Nazizeit. Nachdem das Ruhrgebiet als "Waffenschmiede des Reiches" von den alliierten Bombern nach und nach zerstört wurde, wird der Nordrand Münchens mit seinen Fabriken zum neuen militärisch-industriellen Komplex ausgebaut. Weit über 11.000 der in München eingesetzten 17.000 Zwangsarbeiter schuften in den Maschinen-, Motoren- und Panzerfabriken zwischen Milbertshofen und Allach für die angeschlagene deutsche Kriegsmaschinerie. Ab 1944 werden Oberschüler des Jahrgangs 1928 an die dortigen Fliegerabwehrkanonen abkommandiert. Einer dieser "Flakhelfer" heißt Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt.

Kalter Krieg: Neuer Boom des Rüstungsstandorts

Zehn Jahre später erhebt sich das militärisch-industrielle Monster wie Phönix aus der Asche, der Kalte Krieg macht es möglich, vielleicht dringlich. Einer jener Germans, die an die Front eilen, heißt Franz Josef Strauß (CSU). Er ist ehrgeizig und durchsetzungskräftig. Der Militärhistoriker Marc Milosch bezeichnet in einer Studie über die Modernisierung Bayerns Strauß’ Wehrpolitik sogar als "obsessiv", also zwanghaft.

Strauß versteht es, abermals Rüstungsindustrie zu konzentrieren, wobei er einige Spezln nicht übersieht. Seit 1955 – im Mai ist die Adenauer-Republik der Nato beigetreten – ist er erster Atomminister, danach Verteidigungsminister von 1956 bis 1962. Scheinbar unerschöpflich ist in jenen Jahren die Kapitalhilfe aus den Bundesministerien für Verteidigung und für Forschung. Damit können teils gigantische, manchmal schier utopische Projekte zur modernen Kriegführung entwickelt und getestet werden, die meisten unter strenger Geheimhaltung.

Im Herbst 1957 sind bereits 887 Militärflugzeuge bei der deutschen Industrie geordert, davon 465 bei Dornier in München. Auch Messerschmitt und Heinkel, die schon Hermann Görings Luftwaffe gut bedient haben und jetzt einen "Entwicklungsring Süd" bilden, bekommen neue Großaufträge. Der Luftwaffenstützpunkt bei Neubiberg wird dermaßen ausgebaut, dass Transportmaschinen und Düsenjäger dröhnend starten und landen können. Beschwerden der Bevölkerung finden hingegen kein Gehör.

Ottobrunn: Denkfabrik für neue Waffensysteme

Unterdessen entsteht im Wald von Ottobrunn auf ehemaligem Militärgelände eine geheimnisvolle Denkfabrik um den genialen Ingenieur Ludwig Bölkow. Messerschmitts Ex-Chefkonstrukteur bekennt sich zwar gern als Pazifist, scheut aber mitnichten innovative, lukrative Bonner Aufträge zur Entwicklung neuer Waffensysteme, flexibler Panzerfahrzeuge, senkrecht startender Flugkörper und Höhenraketen.

Beim Pressetermin im Juni 1961 wird eine "Wunderwaffe" vorgeführt: Die ferngelenkte Panzerabwehrrakete mit hoher Durchschlagskraft ist so leicht und handlich, dass sie, wie einst die unselige "Panzerfaust", von einem einzelnen Soldaten bedient werden könnte.

OB Vogel: München "ersticke" an Militärflughäfen

Im Juli 1963 – Strauß ist inzwischen in Bonn über die "Spiegel"-Affäre gestürzt – hat sich der Rüstungsstandort dermaßen aufgebläht, dass OB Hans-Jochen Vogel (SPD) klagt: "Die Landeshauptstadt ist von einem Ring von Militärflughäfen umgeben, die gemeinsam mit dem Flughafen Riem die Stadt fast völlig mit Ein- und Ausflugschneisen umschließen." Die Stadt werde auf die Dauer "ersticken".

Am 8. Oktober hebt auf dem Flugplatz Manching der erste Senkrechtstarter der Welt mit Überschallgeschwindigkeit ab. Er soll einmal den amerikanischen Starfighter ersetzen. Entwicklung und Erprobung kosten zwei Millionen Mark. Er wird jahrelang bayerische Urlaubsgebiete durch seinen Schall terrorisieren. Und über 100 deutschen Piloten durch Absturz das Leben kosten.

Entwickelt in München: Nie verwirklichte Kampfflugzeuge

Made in Bavaria soll in den Sechzigerjahren zum Erfolgsmodell im Kalten Krieg werden. Dafür sorgen Politiker und kriegsgestimmte Konstrukteure. Unbekümmert um die Finanzierung kommen sie immer wieder auf fantastische Ideen. So entwickeln sie in der Ottobrunner Denkfabrik einen Senkrechtkurzstarter namens "Rotor Jet" und gemeinsam mit Amerikanern bauen sie 1967 einen "Ultrafighter" (USV); dieser Typ sei auch für den nicht konventionellen Krieg geeignet, versichert der 39-jährige Betriebsleiter uns Pressevertretern voll Stolz.

Schon lässt der Atomkrieg grüßen. Örtlicher Schwerpunkt der Entwicklungen bleibt Ottobrunn. Doch keines der Kampfflugzeuge, auch kein anderes jener Waffensysteme, wird je verwirklicht. Einige Überbleibsel bundesdeutscher Militärfliegerei sind heute im Deutschen Museum zu bewundern.

Wiederstand und Anschläge gegen die Rüstungsindustrie

Mit der Zeit schreitet die "Militarisierung" in Süd-Bayern derart voran, dass gefragte Ländereien von der Bevölkerung immer wieder gegen Okkupations- und Expansionsgelüste des Bundes verteidigt werden. So kommt es 1963 zum "Krautbauernkrieg" von Ismaning, weil Grundstücke "für Verteidigungszwecke in Anspruch genommen werden sollen"; die Bauern reagieren prompt; sie rangieren Ackerfahrzeuge als Barrikaden auf ein Gelände, das als 40 Hektar großer Schießplatz ausersehen ist.

Wirkliche Gefahr droht dem militärisch-industriellen Bollwerk in Bayerns Süden nicht durch besorgte Bauern und Bürger, sondern durch linke Terroristen. Deren erster Anschlag erfolgt 1985, am 1. Februar in München. Das Opfer ist Ernst Zimmermann, Chef der Motoren- und Turbinen-Union (MTU) in Allach. Dort werden zu dieser Zeit zehn verschiedene Strahltriebwerke gefertigt, hauptsächlich für das Kampfflugzeug Tornado ("das größte technologische Projekt seit Christi Geburt").

Auch in der Allacher "Lokomotivenfabrik" Krauss-Maffei entfallen von 2,1 Milliarden Mark Umsatz in 1984 gut zwei Drittel auf Waffenprodukte; vier Millionen kostet der wüstenfähige Leopard-Panzer. Bald nach dem Mord an Zimmermann (es folgt die Ermordung des Siemens-Managers Kurt Beckurts) kann die Landtags-SPD erkunden, dass im Raum München über 100 Firmen und Zweigbetriebe an der Produktion und dem Verkauf von Wehrtechnik beteiligt sind.

Ende des Kalten Kriegs: Umstellung auf zivile Konstrukte

Doch dann kommt – zunächst jedenfalls – alles anders. Das technische Fiasko um einige der neuen Waffensysteme, der Aufstieg einer technik-kritischen Bürgerbewegung und vor allem das im Mai 1989 jäh verkündete Ende der WAA in Wackersdorf (wo atomwaffenfähiges Plutonium hätte produziert werden können) signalisieren insgesamt, dass der Hochrüstung zum Krieg gewisse Grenzen gesetzt sind. Und dann endet der Kalte Krieg. 1990/1991 erlebt der Industriestandort eine große militärpolitische Wende.

Fortan wird – was den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze zur Folge hat – in den Rüstungsbetrieben auf Konversion umgeschaltet, das heißt, gesund geschrumpft, zurückgefahren, auf Weiterbau oder Neubau ganz verzichtet, von militärischen auf zivile Konstrukte umgestellt, etwa auf Verkehrsfliegerei, Raketen- und Raumfahrttechnik.

Trotzdem: In Deutschland bleibt die Region Rüstungsstandort Nummer 1. Welche bayerische Firmen derzeit am Handel mit Kriegswaffen beteiligt sind, will Berlin nicht verraten. Eines ist aber auch so klar: München bleibt ein Rüstungsriese. Aus Tradition.


Siehe auch das Buch "Babylon in Bayern" von Karl Stankiewitz, edition.buntehunde.

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