Nach Landtagswahl 2018 SPDler rebellieren gegen Natascha Kohnen

Florian Post (SPD) fordert den Rückzug der SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (links). Foto: dpa/Daniel von Loeper

Die Wahllokale haben gerade erst geschlossen. Und schon werden in der SPD die Stimmen nach einem Rückzug Natascha Kohnens laut. In vorderster Reihe der Abgeordnete Florian Post. Was ihn so aufbringt.

München - Schon in ihrer ersten Erklärung nach Bekanntwerden des desaströsen SPD-Ergebnisses bei der Landtagswahl – die Sozialdemokraten liegen erstmals bei einem wichtigen Urnengang unter zehn Prozent – sagt Spitzenkandidatin Natascha Kohnen, man werde in den kommenden Tagen im Landesvorstand über alles reden. "Und ich meine über alles."

Redebedarf sehen auch einige von Kohnens Parteifreunden, allen voran der Bundestagsabgeordnete für den Münchner Norden, Florian Post. Er sagt der AZ bereits wenige Minuten nach dem Schließen der Wahllokale: "Haltung und Anstand kann nie ein Wahlversprechen sein." Die Gesamtverantwortung für die Wahlniederlage trügen Präsidium und Landesvorstand. Er fordert schnelle personelle Konsequenzen – und meint damit offensichtlich auch und gerade die Spitzenkandidatin. "Wer im Amt bleiben will, weil er denkt, dass man auch nach so einem Ergebnis noch nicht genügend Zeit hatte, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, der macht mir Angst."

Post: Ursachen für SPD-Debakel liegen in Bayern

Jetzt den eingeschlagenen Weg fortzusetzen sei "geradezu so, als ob man dem Kapitän der Titanic gleich das Kommando über das nächste Passagierschiff anvertraut hätte". Eine Verantwortung der Bundes-SPD? Sieht Post nicht. "Niemand von der Bundes-SPD hat sich in die Landtagskampagne eingemischt", sagt er. "Weder inhaltlich, noch im Stil". Es sei "offensichtlich, dass die Ursachen sehr wohl in Bayern liegen". Er fordert baldmöglichst einen Landesparteitag, um "den dringend notwendigen Neuanfang inhaltlich und personell zu ermöglichen."

Dem Vernehmen nach wollen sich am Abend noch weitere SPD-Funktionsträger gegen Kohnen positionieren. Nach AZ-Informationen könnten als Nachfolger Kohnens an der Spitze der Bayern-SPD der Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch aus der Oberpfalz, der Landtags-Fraktionschef Markus Rinderspacher und die beiden Großstadt-OBs Dieter Reiter (München) und Ulrich Maly (Nürnberg) gehandelt werden.

Doch das ist Zukunftsmusik. Am Sonntag regiert bei der bayerischen SPD vor allem der Schmerz. Den Gesichtern der Genossen bei der Wahlveranstaltung im bayerischen Landtag ist abzulesen, was auch die Prognose auf den Bildschirmen verrät: Ein Debakel zeichnet sich für die ehemalige Volkspartei ab. Bei gerade mal zehn Prozent stehen die Sozialdemokraten um 18 Uhr; in den weiteren Prognosen und Hochrechnungen sinken sie auf 9,8 und 9,5 Prozent ins Einstellige ab. Das hätten sich die Genossen für diesen Sonntagabend ganz sicher anders gewünscht.

Die SPD landet hinter den Freien Wählern und der AfD

Erhofft hatte sich die SPD einen Platz vor der AfD und den Freien Wählern, doch sie landet nun auf dem fünften Platz. "Es ist echt traurig; wir haben das nicht verdient", sagt die Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias, die in Schwabing auf Stimmenfang unterwegs war. Die 53-Jährige hat Tränen in den Augen und ein paar warme Worte für SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen: "Sie war die Richtige – wir haben einen guten Job gemacht." Vielleicht seien die Hauptthemen Wohnen und Familie nicht bei den Wählern angekommen.

Keinen halben Meter entfernt steht Genosse Peter Paul Gantzer und sieht das anders. "Absturz kann man nur sagen, Absturz – und schuld sind wir selber", sagt der Landtagsabgeordnete. "Keine Schuldzuweisungen an den Wähler. Wir müssen uns selber an die Brust klopfen und fragen, was haben wir falsch gemacht?"

Christian Ude fordert "grundlegende Konsequenzen"

Natascha Kohnen sieht einen Teil der Schuld in Berlin. Dort war bereits im Vorfeld die traditionelle Wahlparty im Willy-Brandt-Haus abgesagt worden, offiziell aus Kostengründen. SPD-Chefin Andrea Nahles erklärt: "Wir müssen gemeinsam aus dieser Situation wieder hinausgehen - das wird ein langer Weg."

Bei der letzten Landtagswahl in Bayern holten die Sozialdemokraten noch 20,6 Prozent. Spitzenkandidat war damals Christian Ude. Der frühere Münchner Oberbürgermeister sieht seine Partei "im freien Fall" und mahnt, grundlegende Konsequenzen seien erforderlich. Zu viele Wähler seien verloren gegangen. "Da muss alles auf den Prüfstand, was man überhaupt überprüfen und korrigieren kann." Rückhalt klingt anders.

Alle Informationen finden Sie in unserem Newsblog zur Landtagswahl 2018

Lesen Sie hier: Ergebnisse und Wahlbeteiligung der Münchner Stimmkreise

 

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