Löwen-Investor im AZ-Interview Hasan Ismaik: "Beim TSV 1860 wird es nie zu einer Insolvenz kommen"

Würde eine Insolvenz der Löwen nicht zulassen: Hasan Ismaik Foto: imago images/Sven Simon

Nach den Klartext-Statements von Sechzig-Manager Gorenzel meldet sich nun auch Investor Ismaik zu Wort. Im AZ-Interview bedauert er die Corona-Pause und fordert finanzielle Unterstützung vom DFB.

 

AZ-Interview mit Hasan Ismaik: Der jordanische Geschäftsmann ist seit 2011 Hauptanteilseigner bei den Löwen.

AZ: Herr Ismaik, wie gehen Sie mit der Corona-Krise um?
HASAN ISMAIK: Ich habe den ganzen Tag über in meinem Büro verschiedenste Nachrichten-Kanäle laufen, um über alle Aktualitäten informiert zu sein. Ich bin sehr besorgt. Auch bei uns in Abu Dhabi wird die Coronakrise sehr ernst genommen. Die Kindergärten, aber auch alle Parks und öffentlichen Strände sind geschlossen. Wir dürfen dieses Virus nicht unterschätzen. Ich bin mir sicher, dass Gott uns beschützen wird. Wir werden Corona besiegen. Dennoch sollten wir alle vorsichtig sein und die sozialen Kontakte einschränken. Was ich aber prophezeie: Durch das Coronavirus sehe ich eine große Veränderung auf die Gesellschaft zukommen.

Ismaik: TSV 1860 hat in der Corona-Krise einen Vorteil

Wie bedrohlich ist die Lage für den TSV 1860?
Natürlich überschattet die Corona-Krise im Moment alles. Mit dieser Epidemie konnte kein Mensch rechnen. Saki Stimoniaris, mein Bruder Yahya, Anthony Power und Andrew Livingston sind im ständigen Kontakt mit der Geschäftsführung beziehungsweise mit dem Aufsichtsrat. Wir werden alles tun, damit wir auch diese Krise meistern. 1860 hat einen großen Vorteil im Vergleich zu manch anderem Klub: Wir sind durch die Geschichte des Vereins bereits krisenerprobt. Dabei baue ich auch auf unsere treue Löwenfamilie.

Der sportliche Lauf der Löwen wurde jäh unterbrochen.
Wenn die Drittliga-Saison zu Ende gespielt werden sollte, bin ich überzeugt, dass wir nach 38 Spieltagen etwas zu feiern hätten. Ich finde unsere Entwicklung herausragend. Ich bin sehr stolz auf Michael Köllner, aber auch auf die Mannschaft. Seit ich bei Sechzig bin, habe ich noch nie so eine charakterstarke und willige Mannschaft auf dem Platz gesehen. Dass wir seit 14 Spielen unbesiegt sind und damit die konstanteste Mannschaft in den ersten drei Profiligen in Deutschland sind, kommt nicht von ungefähr. Ich hoffe sehr, dass wir die Saison zu Ende spielen dürfen.

Ismaik: "Der Konsolidierungskurs ist eine Mogelpackung"

Wie bitter wäre ein Saisonabbruch?
Oberste Priorität hat die Gesundheit der Menschheit. Erst wenn wir diesen Kampf gewonnen haben, können wir uns wieder dem Sport widmen. Angesichts der momentanen Lage spielt es keine Rolle, ob wir aufsteigen oder Geld verlieren. Was nützt es uns, wenn wir aufsteigen, aber am Ende unsere Freunde oder Familienmitglieder verlieren? Fußball ist jetzt sekundär. Wir sollten nicht über materielle Dinge oder Geld reden, sondern darüber, wie wir gemeinsam diese Krise überstehen. Und ich spreche ganz bewusst von gemeinsam.

Konsolidierung vs. Investitionskurs: Von Zusammenarbeit kann bei den Gesellschaftern kaum die Rede sein.
Der Konsolidierungskurs ist eine Mogelpackung. Es ist einfach Tatsache, dass 1860 ohne Fremdgelder nicht überleben kann. Ein Gegenkonzept wurde mir bis heute nicht vorgelegt und selbst ein umgebautes Grünwalder Stadion wird uns nicht helfen, am Ende des Tages auf eine schwarze Null zu kommen. Und zum Stadionthema habe ich eine klare Meinung: Wenn wir alle diese Krise gemeistert haben, müssen wir endlich ein gemeinsames Stadionprojekt erarbeiten – gemeinsam mit der Stadt. Ich bin mir sicher, dass Oberbürgermeister Dieter Reiter wieder gewählt wird. Ich glaube, er würde in seiner Amtsperiode auch gerne ein Münchner Derby erleben. Deswegen baue ich auf seine Unterstützung. Wenn er als Oberbürgermeister bestätigt ist, müssen wir uns alle treffen. 1860 braucht eine echte Chance.

Können die beiden Gesellschafter die aktuelle Notlage nicht als Chance begreifen, um sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen?
Von meiner Seite immer. Ich wäre längst nicht mehr bei 1860, würde ich nicht an eine gute Zukunft glauben. Es reicht nicht, wenn der Sportbereich vorlegt, aber wir im wirtschaftlichen Bereich der Musik hinterherrennen.

Ismaik: "1860 ist immer noch ein Premiumprodukt"

Wie lässt sich der drohenden finanziellen Schieflage aus Ihrer Sicht begegnen?
Wir haben bereits vor längerer Zeit über eine Kapitalerhöhung gesprochen, die ich mir nach wie vor wünsche. Aber bislang, zumindest ist mir nichts anderes bekannt, treten wir bei diesem Punkt auf der Stelle. Was nicht passieren darf, ist, dass Anteile für kleines Geld verkauft werden. 1860 ist auch als Drittligist immer noch ein Premiumprodukt. Ich setze aber auch auf alle Partner, Sponsoren und Fans, die in guten wie auch schlechten Zeiten immer an der Seite des Vereins gestanden haben. Auf diese bedingungslose Treue setze ich auch in Zeiten der Corona-Krise.

Inwieweit sehen Sie Verbände und Staat in der Pflicht?
Ich hoffe natürlich auf die Unterstützung und Solidarität des DFB. Der DFB ist der reichste Verband der Welt. Er kann jetzt das zurückgeben, wozu die deutschen Vereine ihn gemacht haben. Die Versorgung für die Dritte Liga ist ungenügend. Hier muss man die Hebel ansetzen. Es darf nicht sein, dass bei der ersten Erschütterung die Drittliga-Klubs in dramatische Schieflage geraten und da spreche ich nicht nur von 1860. Vielleicht ist jetzt auch ein guter Zeitpunkt, um sich ernsthaft mit 50+1 auseinanderzusetzen. Mehr will ich zu diesem Thema aber nicht sagen. Deutschland ist eine Fußballnation. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der DFB, aber auch die Bundesregierung ein Interesse daran haben, dass die durch die Corona-Krise gebeutelten Vereine wie Tulpen einknicken.

Sie könnten die Löwen theoretisch auch selbst vor einer drohenden Insolvenz bewahren.
Bei 1860 wird es nie zu einer Insolvenz kommen. Reicht Ihnen das?

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