Günther Gorenzel schlägt Alarm: Es geht ums Überleben

Im AZ-Interview spricht Günther Gorenzel, Sport-Geschäftsführer der Löwen, über Vereinsprobleme in der Corona-Krise und die Zeit nach der Epidemie. "Mit unserem Modell wäre die Existenz gesichert", sagt der Österreicher.
| Matthias Eicher
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Der TSV 1860 hat am Dienstag den Trainingsbetrieb vorerst eingestellt.
firo/Augenklick Der TSV 1860 hat am Dienstag den Trainingsbetrieb vorerst eingestellt.

München - Eigentlich sollte Günther Gorenzel aktuell den Kader für die kommende Saison planen, aufgrund des Coronavirus' liegen die Planungen derzeit aber still. Im AZ-Interview spricht der Sport-Geschäftsführer der Löwen über die Konsequenzen der Krise und darüber, wie damit umgegangen werden kann.

AZ: Herr Gorenzel, wie gehen Sie bei TSV 1860 mit der Corona-Krise um?
GÜNTHER GORENZEL: Das Wichtigste ist erst einmal, dass alle in der Löwenfamilie gesund bleiben und sich an die Vorgaben halten, um Ihr eigenes Ansteckungsrisiko zu minimieren. Für mich, der gefühlt jeden einzelnen Tag meines Lebens an einem Trainingsgelände verbracht hat, ist das wirklich ungewohnt im Home-Office. Alles über Telefon oder Videokonferenzen zu klären, erschwert den Austausch. Ich bin eher ein Freund des persönlichen Gesprächs. Wir versuchen, diese aber nur zu führen, wenn es unausweichlich ist.

Corona-Krise: Gorenzel ruft zu Solidarität auf

Wie lange kann der TSV 1860 ohne den laufenden Spielbetrieb überleben?
Ich habe ja schon letzte Woche vom wichtigsten Spiel unserer Laufbahn gesprochen. Dieses Spiel findet leider nicht am grünen Rasen statt und ist eigentlich auch kein Spiel. Unsere ganze Gesellschaft befindet sich in einer sehr ernsten gesundheits- und wirtschaftspolitischen Lage, der wir alle gerecht werden müssen. Alle Beteiligten sollten sich im Sinne von 1860 solidarisch zeigen. Wir können niemanden zwingen, das ist uns klar. Wir können nur an die Solidarität des Einzelnen appellieren, kurzfristige, kleinere Einschnitte zur Sicherung des Überlebens anzunehmen.

Manche Virologen glauben, dass regulärer Spielbetrieb erst wieder im Jahr 2021 stattfinden kann.
Aktuell ist ja noch nicht einmal abzusehen, welche Auswirkungen Corona auf den Spielbetrieb in der laufenden Saison hat. Unser ganzer Fokus liegt darauf, diese Saison mit dem geringsten finanziellen Schaden für 1860 zu Ende zu bringen und unsere Chance beim Schopf zu packen, noch ganz vorne angreifen zu können. Wir sind in einem sehr positiven sportlichen Trend gestoppt worden, das tut natürlich doppelt weh, auch wenn es in dieser ernsten Lage keine Rolle spielen darf.

Gorenzel hofft auf Fortführung der Saison

Es wurde bereits über diverse Szenarien einer Beendigung der laufenden Saison diskutiert. Welches Szenario favorisiert der TSV 1860?
Ein Abbruch ist für 1860 auf alle Fälle keine Option. Wir müssen zu einem Modus kommen, wie die Meisterschaft zu Ende gespielt werden kann. Egal ob mit stetigen Englischen Wochen oder in Turnierform. Mit etwas gutem Willen ist das sicher umsetzbar. Bei einem Abbruch wäre für uns - neben dem Verlust einer möglicherweise historischen Aufstiegschance - auch der wirtschaftliche Schaden am größten.

Der TSV 1860 hat am Dienstag den Trainingsbetrieb vorerst eingestellt.
Der TSV 1860 hat am Dienstag den Trainingsbetrieb vorerst eingestellt. © firo/Augenklick

Wann und wie entscheidet sich, ob es bei den Löwen zu Kurzarbeit kommt?
Wir wollen alle Mitarbeiter mitnehmen, ihnen die Situation im intensiven Austausch vermitteln und ihnen Lösungen anbieten, denen Sie vertrauen können. Kurzarbeit ist eine Option, die wir gerade diskutieren. Wir haben ein tragfähiges Modell entwickelt, mit dem wir den Fortbestand von 1860 München sichern können. Mit unserem Modell wäre die Existenz Stand heute gesichert. Wir sind gerade in guten Gesprächen, wir wollen und können das nicht von oben herab entscheiden, sondern wir brauchen die Unterstützung und Zustimmung aller. Wir sind ein Team. Es gibt bei uns ja keinen Tarifvertrag wie bei großen Konzernen. Aber wir glauben fest daran, dass wir den besten Kompromiss anbieten, um einerseits das Überleben des Vereins zu sichern, und andererseits die Einschnitte so gering wie möglich für den Einzelnen zu halten. Die Löwenfamilie muss zusammenhalten.

Wie schwer gestaltet es sich in der aktuellen Situation, geplante Vertragsverlängerungen oder Neuverpflichtungen auf dem Transfermarkt anzustreben?
Die Auswirkungen sind noch nicht ganz absehbar, wir müssen uns dieser dynamischen Situation anpassen. Vertragsverhandlungen sind jetzt leider erstmal ein nachgelagertes Thema. Es geht zunächst um das Überleben des Vereins – vielleicht sogar um das Überleben des deutschen Fußballs. Da sind solche Themen, leider für die Jungs, die es betrifft, hinten angestellt. Aber auch das habe ich aus den Gesprächen mit der Mannschaft mitgenommen: Die Spieler wissen, dass es nicht aus der Welt ist.

TSV 1860: Gorenzel hofft auf Hilfe des DFB

Sehen Sie die Verbände in der Pflicht, Finanzhilfe zu leisten?
Für mich ist Fakt, dass der Fußball in Deutschland, in der Form in der wir ihn alle lieben und schätzen, nur dann eine Chance auf Fortbestand hat, wenn nicht stetig Zuständigkeiten weitergeschoben werden und jeder in seinem Verantwortungsbereich konkrete Lösungen anbietet. Gerade die Rolle der 3. Liga als Ausbildungsliga für viele Talente aus den eigenen NLZs sollte dabei nicht unterschätzt werden. Deshalb erhoffen wir uns, nachdem die erste Ankündigung für finanzielle Hilfen verpufft ist, dass auch der DFB Lösungen gerade für die 3. Liga anbietet.

Kann die aktuelle Krise auch eine Chance für die Löwen sein, um endlich einen gemeinsamen Weg beider Gesellschafter und gegebenenfalls mit weiteren Geldgebern zu bestreiten?
Eines muss einem jeden klar sein, der Verantwortung für das Geschehen bei 1860 trägt: Wir brauchen kurz-, mittel- und langfristige Lösungen unter Einbeziehung aller Kräfte, um diese schwere Situation möglichst unbeschadet zu überstehen und die tolle Ausgangsposition, die wir uns in den letzten Monaten sportlich erarbeitet haben, nicht zu gefährden. Ich bin mir sicher, dass sich alle Beteiligten dieser großen Verantwortung bewusst sind und wir auch in dieser schweren Zeit gemeinsam Lösungen finden werden.

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