Interview Urban Priol: Die CSU sollte nur noch U heißen

Der Kabarettist Urban Priol. Foto: Michael Reichel/dpa

Der Kabarettist Urban Priol ist ein Redner bei der #ausgehetzt-Demo am Sonntag - er freut sich über die neue Politisierung der Zivilgesellschaft.

München - Über 150 gesellschaftliche Gruppen, Vereine, Organisationen, politische Parteien werden am Sonntag vom Goetheplatz aus (13 Uhr) durch München ziehen, um unter dem Motto "ausgehetzt - Gemeinsam gegen die Politik der Angst" zu demonstrieren. Bei der Abschlusskundgebung am Königsplatz spielen ab 15.30 Uhr Bands wie Schlachthofbronx, Hochzeitskapelle, G.Rag & Landlergschwister, Django 3000 und Dreiviertelblut, reden werden unter anderem Luise Kinseher, Urban Priol, Claus von Wagner, Friedrich Ani, Max Uthoff, Maxi Schafroth und Willy Astor (alle Infos zur Kundgebung).

AZ-Interview mit Urban Priol

Kabarettist Urban Priol (57) stammt aus Aschaffenburg. Er leitete von 2007 bis 2013 die ZDF-„Anstalt“.

AZ: Herr Priol, bei der Abschlusskundgebung spricht auch Claus-Peter Reisch, Kapitän des Seenotsrettungsschiffs "Lifeline", der gerade in Malta angeklagt wurde.
URBAN PRIOL: Ich habe Reisch persönlich kennengelernt und bewundere seine Arbeit. Ich habe ihn auch finanziell unterstützt. Der großartige Bayerische Parteivorsitzende hat die Rettung der Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer ja als "shuttle service" bezeichnet. Es ist auch erstaunlich, wie schnell aus dem hehren Satz, "Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen", der Kampf gegen Flüchtlinge selbst wurde und gegen die Menschen, die ihnen helfen. Das ist einfach unerträglich.

Die gesamtgesellschaftliche Stimmung ist aber trotz der unglaublichen Rhetorik laut der letzten Umfragen gar nicht so stark nach rechts gekippt wie die CSU selbst.
Das ist etwas, das mir durchaus Mut macht. Die meisten in der Bevölkerung merken doch, wenn über Wochen eine Gespensterdebatte geführt wird. Die CSU hat aber vor allem das Hase-und-Igel-Prinzip nicht verstanden. Wo immer sie nach rechts hin will, steht schon die AfD und sagt: "Das haben wir doch schon seit Wochen gesagt." Es ist auch schön, zu sehen, wie sich die Männerfreundschaften in der Politik entlarven. Dass sich die Schwarzen einmal so zerlegen, das hätte ich mir auch in den kühnsten Träumen meiner 35-jährigen Bühnenlaufbahn nicht vorstellen können. Ich genieße das im Moment sehr.

Herr Söder hat nun eine verbale Abrüstung versprochen und bei sich selbst schon eingeleitet.
Das hält er vielleicht zähneknirschend bis zum Wahlsonntag um 18 Uhr durch. Danach geht es dann wieder los mit ihm und seinem geistigen Bruder Alexander Dobrindt. Da müssen jetzt bis zur Wahl die Kreidefelsen von Dover herhalten, damit verbal nichts mehr passiert.

Aber lässt sich der als "Crazy Horst" gebrandmarkte Bundesinnenminister auch verbal domestizieren?
Wenn auf einen Menschen der Begriff "loose cannon" passt, dann auf Seehofer. Der ist so unberechenbar, dass er schon leicht Trump'sche Züge annimmt.

Sie als Kabarettist haben allerdings auch nicht jedes Wort bei der Politikerkritik auf die Goldwaage gelegt.
Gegen eine klare Sprache habe ich gar nichts. Aber die Politik ist voller Widersprüche. Verunglimpfung des Burkini einerseits, aber wenn Vollverschleierte die Maximilianstraße leerkaufen, sind die komischerweise auch bei der CSU willkommen. Man sollte einfach alle Menschen, die aus welchem Grund auch immer von zuhause fliehen, als Heimatvertriebene bezeichnen. Das fände ich interessant zu beobachten, wie dann die Diskussion aussähe.

Warum nehmen Sie an der Demonstration teil?
Wir müssen was machen. Ich finde es sehr schön, dass sich langsam wieder eine bürgerliche Demonstrationskultur zu entwickeln beginnt. Das hat man ja schon bei der Demo gegen das PAG gesehen. Das ist ein gutes Zeichen für eine starke Zivilgesellschaft.

Wann haben Sie bemerkt, dass die Sprache der Politik verroht?
Es begann für mich im Januar bei der Klausurtagung der CSU, oder wie ich es nenne: beim alljährlichen Deppenstadl. Dort tauchte der dobrindtsche Kampfbegriff der konserativen Revolution auf. Da dachte ich: Da hat ja einer gar nichts kapiert. Uns einreden zu wollen, dass wir seit 1968 in einer bayerischen Räterepublik hausen, ist ja lächerlich. Wir werden seit 60 Jahren von der CSU regiert. Und im Bund? Ist Angela Merkel jetzt die Rosa Luxemburg 2.0? Was will uns Dobrindt also sagen? Er ist ja immerhin studierter Politologe, da unterstelle ich eine gewisse Allgemeinbildung. Aber der Begriff der konservativen Revolution ist in der Weimarer Republik geprägt worden, diese Revolution hat schließlich zum Aufstieg der NSDAP geführt, das sollte man nicht unerwähnt lassen. Jedenfalls dachte ich mir damals: Oh je, da kommt noch was. Es hat ja dann auch nicht lange gedauert.

Die "Antiabschiebeindustrie" war auch so ein sprachlicher Tiefpunkt.
Rechtliche Möglichkeiten in einem Rechtsstaat in Frage zu stellen, der doch gerade von Leuten der CSU so hoch gehalten wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Eigentlich ging diese Entgleisung auch wieder von der AfD aus, als Jörg Meuthen das mit den "Linksgrün-Versifften" gesagt hat.

Wenn Sie sich mal kurz vorstellten, Sie wären Spin-Doctor der CSU, was würden Sie denen empfehlen?
Ich würde mal versuchen zu ergründen, was an diesem Parteinamen noch stimmt. Christlich ist schon mal weg, sozial ist weg, sie müssten also sagen: Wir sind die U. Ich weiß nicht, ob die Menschen aus der Staatskanzlei mal bei denen über die Schulter schauen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren und das immer noch tun trotz all der Knüppel, die ihnen die Politik zwischen die Beine schmeißt. Vielleicht würden sie dann merken, dass es nicht reicht, Kreuzbeschaffungsbeauftragte in den Amtsstuben zu installieren und gleichzeitig die christlichen Werte mit den Füßen zu treten. Ich würde sagen: Stellt endlich mal wieder den Menschen in den Mittelpunkt oder besinnt Euch meinetwegen auf Eure Berge, Täler und Seen, die ja alle die CSU erfunden hat.

Die CSU ist der Meinung, dass die Demo auch Hetze ist - nur von der anderen Seite.
Es ist doch klar, dass die CSU jeglichen bürgerlichen Protest kleinreden will. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat doch schon mal von den "Unbedarften" gesprochen, die auf die Straße gehen. Mich freut es einfach, dass jetzt wieder mehr über Politik diskutiert wird.

 

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