Geburtstags-Interviews mit Gabriele Weishäupl "Das Wiesn-Fieber packt mich immer – das wird sich nie ändern"

Ihr Gesicht wird wohl auf ewig mit der Wiesn verbunden sein: Gabriele Weishäupl – hier im Bier- und Oktoberfestmuseum Foto: API/MichaelTinnefeld

Teil zwei des großen Vorab- Geburtstags-Interviews mit Gabriele Weishäupl, die am Dienstag 70 Jahre alt wird. Heute geht es um den Abschied von der Wiesn, den Zaun, Uli Hoeneß und noch ein paar Geheimnisse.

AZ: Frau Weishäupl, die Wiesn-Welt kennt Sie als strahlende Frohnatur - sind Sie auch privat so?
"Nein, eine Frohnatur bin ich nicht in Gänze. Aber das ist das Bild, das ich als Wiens- und Tourismus-Chefin vermittelt habe. Trübseligkeit will da niemand. Aber in mir drinnen schaut es schon mal anders aus, ernster, nachdenklicher."

Ihr Image war auch immer: taff. Die Eiserne Wiesn-Lady wurden Sie genannt. Sie haben Abmahnungen an Wirte verteilt, Paris Hilton Ihren Dosen-Prosecco verbieten lassen...
"...und Uli Hoeneß seinen FC-Bayern-Fanshop, den er so gerne auf der Wiesn aufbauen wollte. Genau, ach ja. David Copperfield hab ich das Zaubern im Schichtl verboten, das tat mir selbst ein bisserl leid, weil ich ihn sehr gut finde. Aber Paris Hilton war der Knaller, als sie im goldenen Dirndl erschien, hat sie mich sehr beeindruckt. Und der Regine Sixt habe ich die Sambamädels am Eingang zur Damen-Wiesn verbieten lassen, das war zu viel des Guten. Sie hat es sofort verstanden, wir mögen uns bis heute. Sie kommt auch zu meinem Geburtstag, worüber ich mich besonders freue. Die Damen-Wiesn ist eine besondere Geschichte, ein Highlight für die Wiesn. Ganz früher war die Wiesn ein Männer-Fest, mittlerweile ist es 50-50."

Sie haben sich 1985 gegen 40 Männer als Wiesn-Chefin durchgesetzt. Ihr Geheimnis?
"Mein Geheimnis ist mein Motto, das ich oft beherzigt habe und auch anderen Frauen rate: Fürchte dich nicht. Eigentlich ganz simpel, man muss es nur befolgen. Keine Angst haben, reinspringen in eine Aufgabe. Eine Volksfestorganisatorin, von der ich hätte lernen können, gab es keine vor mir, ich hatte deshalb auch Wettbewerbsvorteile."

Haben Sie sich je gefürchtet?
"Ob auf der Wiesn oder nachts im Ausland – nein, nie. Ich fürchte mich nicht. Das ist die reine Wahrheit. Um meinen Sohn, als er klein war, habe ich mich schon mal gesorgt. Aber um mich selbst nie. Ich fürchte mich auch nicht, den 70. Geburtstag öffentlich zu feiern. Gibt ja auch andere Fälle."

Wie oft waren Sie letztes Jahr auf der Wiesn?
"Zehn Mal. Ich bin auch kontrolliert worden, die waren freundlich, haben mich aber natürlich nicht erkannt. Nach vier Jahren ist das vorbei."

Blutete Ihnen das Herz beim Anblick des Zauns?
"Ich war und bin keine Freundin des Zauns. Vor 20 Jahren hat Hans-Peter Uhl (Anm.: damals KVR-Chef) gesagt, eigentlich müssten wir einen Zaun rumtun. Ein Riesen-Geschrei gab es, bis er sich nach Berlin entfernt hat. Ich fand das jetzt schon befremdlich – auch von der Stimmung her. Ich glaube, wenn jemand etwas Schreckliches plant, wie wir ja erleben mussten in ganz Europa, dann wird der Zaun ihn nicht abhalten. Der Zaun dient den Politikern dazu, dass sie sagen können, wir haben alles getan. Es ist ein ideologisch-psychologischer Zaun, von dem ich nicht überzeugt bin, der aber positive Auswirkungen hat. Die Leute, die sehr viel weniger hingegangen sind, haben sich angeblich sicherer gefühlt. Aber ich habe mich auch gewundert, wie leer es war."

Macht es Sie traurig, dass der Terror auch die Wiesn erreicht hat?
"Die Sicherheit ist das wichtigste Thema auf einem Volksfest – war es schon immer. Diese Trauer wegen des Terrors habe ich erstmals so richtig 2009 gespürt, da tauchte im Internet ein islamistisches Video auf, wo ein Krieger mit Maschinenpistole saß und hinter ihm erschien ein Film mit dem Kölner Dom, dem Brandenburger Tor und dem Haupteingang der Wiesn. Wir standen vor dem Computer, sahen das Video, der Kerl sagte, Sicherheit in Deutschland sei nur eine Illusion – wenn ich jetzt drüber spreche, kriege ich sofort wieder Gänsehaut. Da kam bei mir nicht Furcht auf, sondern eine große Portion Wut und Trauer. In dem Jahr hat sich diese Drohung des Islamistischen Terrors gezeigt. In dem Augenblick wussten wir alle, hier kommt vielleicht mal irgendetwas. Die sonst so latente Gefahr wurde konkreter. In dem Moment, wo man Verantwortung trägt, ist das noch viel mehr Verantwortung."

Was wurde eigentlich aus Ihren politischen Ambitionen?
"Ich habe nach dem Ende auf der Wiesn für die FDP kandidiert, war auf Platz 9 in Bogenhausen – und landete auf Platz 3, wegen der Bekanntheit durch die Wiesn, das ist mir klar. Aber leider hat es die Partei nicht geschafft. Das hat mich schon niedergedrückt. Das war schade, ich hätte mich gern für meine Heimat im Landtag eingesetzt. Es wäre eine schöne Krönung gewesen."

Macht es Sie traurig, dass Sie nicht mehr auf den Nockherberg eingeladen werden?
"Ich war 30 Jahre dabei, in den ersten Jahren waren nur Kerle da, der Wahnsinn. Wir Frauen waren nicht mal eine Handvoll, Dinrdl waren verpönt. Ich trug einen Trachtenanzug wie alle. Carolin Reiber war dabei, Petra Schürmann, Antje-Katrin Kühnemann und ich. Aber mit dem Amt verschwindet auch der Einladungskreis, zu dem man gehört. 2012 und 2013, als ich kandidiert habe, wurde ich noch eingeladen, das fand ich nett. Jetzt eben nicht mehr. Aber ich würde mich nie so empören wie unsere Stadträte, das finde ich unelegant. So etwas gehört sich nicht. Für mich ist das Thema Nockherberg abgeschlossen."

Sie verfolgen ihn daheim vorm Fernseher?
"Ja, die ersten zwei Jahre, wo ich nicht eingeladen war und den Fernseher angemacht habe, da habe ich Schmerz empfunden. Ich habe mich an die Stimmung erinnert, wenn man raufging. Dazu dieses Murmeln im Saal, diese gemeinsame Freude, das besondere Erlebnis. Ach ja, ich hatte dann leise Trauer in mir. Aber ich war sowieso in Trauer, weil ich bei der Wiesn gehen musste. Ich wollte bleiben, gerne noch weiterarbeiten. Die Trauer war lang. Gut, die FDP hat mich dann abgelenkt und ich bin ja noch Präsidentin vom Verein Oktoberfestmuseum und Dozentin der Euopaakademie."

Schmerzt das Wiesn-Aus immer noch?
"Die Wiesn hat mich lange verfolgt. Ich denke, wenn ich heuer hingehe – es ist dann fünf Jahre her, dann bin ich durch. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob ich da je durch bin, weil es so ein großer Teil meines Lebens war. Jeder Schmerz kommt in Wellen."

Nichtstun ist für Sie keine Alternative?
"Nein."

Wie wäre es mit einem Hobby wie Golfen?
"Naa. Nix für mich. Ich brauche Aufgaben. Ich beschäftige mich mit sinnvollen Dingen, will nicht nur die Füße hochlegen."

Ein langer Traum von Ihnen?
"Ich habe jahrelang verbreitet, dass ich zur Wiesn-Zeit nach Italien reisen will. Das habe ich immer noch nicht geschafft. Dann wäre das doch heuer was für Sie: Italien statt Oktoberfest!"

Und dann gar nicht auf die Wiesn gehen?
"Nein. Wenn sich die Wiesn anbahnt, verspüre ich dieses Fieber, dann bügel ich meine Schürzen, das geht ganz automatisch. Aufbruchsstimmung, das Herz geht schneller, das Wiesn-Fieber packt mich immer. Das wird sich nie ändern."
 

 

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