Gebäude wird abgerissen Nach 35 Jahren: Die Büchergalerie im Westend muss raus

Inge Kindermann führt die Büchergalerie seit 35 Jahren. Damit will sie eigentlich noch nicht aufhören Foto: Bernd Wackerbauer

Die Büchergalerie in der Ligsalzstraße ist der letzte Buchladen im Westend. Jetzt hat die katholische Kirche der Besitzerin den Mietvertrag gekündigt. Das Gebäude soll abgerissen werden.

 

München - Das Westend kommt. Seit Jahren heißt es das. Was die Mietpreise angeht, mag das am meisten zutreffen. Viele der charmant abgeranzten Ecken des früheren Arbeiterviertels gibt es nicht mehr. Nun droht einer weiteren Institution im Viertel das Aus: Die Büchergalerie in der Ligsalzstraße muss ausziehen – nach 35 Jahren.

Anfang September 1985: "Mit Freibier, Bratwürsten und 250 Litern Gulaschsuppe, mit Karussell und Schiffschaukel wurde eine neue Ära auf der Schwanthalerhöhe gefeiert", heißt es in der Münchner Stadtchronik. Die Trappentreustraße ist nun verkehrsberuhigt – ein neues Idyll in einem Viertel, das wenige Ruhezonen habe, sagt der damalige Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) beim Festakt. Es ist die Zeit der Anti-Atomkraft – und der Friedensbewegung. Junge Akademiker ziehen aus Schwabing in die maroden, aber günstigen Altbauten in Haidhausen und dem Westend. Sie starten Protestaktionen, bringen Kultur und Kunst in die Bezirke.

Gebäude sanierungsbedürftig - Neubau nach "München Modell" 

Eine von ihnen ist Inge Kindermann. Auf 30 Quadratmetern eröffnet sie damals in der Ligsalzstraße 25 einen Buchladen, die Büchergalerie Westend. "Ich hab mir damit einen Lebenstraum verwirklicht", sagt sie. Das Geschäft führt sie noch immer. Und würde das auch künftig weiter tun, wär da nicht ihr Vermieter: Das Erzbistum München und Freising hat vor einiger Zeit die Immobilie gekauft, mitsamt der vermieteten Wohnungen und dem Ladengeschäft im Erdgeschoss. Zu Ende Juni hat die katholische Kirche Buchhändlerin Kindermann den Gewerbemietvertrag gekündigt – weil das komplette Haus abgerissen werden soll.

"Es hat sich herausgestellt, dass das Gebäude in einem äußerst maroden Zustand ist", sagt eine Sprecherin der Erzdiözese. Offen liegende Leitungen, unzureichende Bäder und fehlende Zentralheizung seien nur einige wenige Baustellen. Eine Sanierung sei unwirtschaftlich, deshalb sei ein Neubau "nach dem München Modell" geplant. Wie der aussehen soll, ist noch nicht klar. Man befinde sich in den Planungsvorbereitungen, so die Sprecherin. Der Lokalbaukommission liegen jedenfalls keine Anträge zu dem Gebäude vor.

Kindermann sucht neue Fläche: "In Zeiten von Corona schwierig"

Den Zustand des Haus kennt Buchhändlerin Kindermann nur zu gut. Sie arbeitet nicht nur in der Ligsalzstraße 25, sondern lebt dort auch seit mehr als drei Jahrzehnten. Dass saniert werden muss, stellt sie nicht in Frage. Nur, warum ihr Buchladen nicht bis zum Start der Bauarbeiten im Haus bleiben darf, versteht sie nicht.

"Das wird sich bestimmt noch lange hinziehen", sagt sie. Ihr Mietvertrag für die Wohnung sei nämlich noch nicht gekündigt, ein Anhaltspunkt dafür, dass bis zum Neubau noch Jahre vergehen könnten. "Ich fänd es einfach schade, wenn der Laden so lange leer stehen würde," sagt Kindermann. Da die Hausverwaltung bislang kein Einlenken signalisiert hat, sucht die 64-Jährige nun nach einer neuen Gewerbefläche im Viertel. "Das ist gar nicht so einfach, denn die Mieten sind sehr teuer – und in Zeiten von Corona noch schwieriger." Ihre Kundschaft hat derweil eine Unterschriftenaktion gestartet, damit sie weiter in der Ligsalzstraße bleiben kann.

Das Ende vom persönlichen Lebenstraum einer Buchhändlerin ist eng verknüpft mit dem Wandel der Innenstadtviertel. Kleine Inhaber-geführte Läden weichen größeren Ketten, einladende Schaufensterfronten werden mit Milchglasfolie beklebt, hinter der Architekten oder Agenturmitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen. So ist das zwar nicht nur im Westend; im Fall der Büchergalerie aber eine besondere Zäsur. Nachdem im Herbst 2017 die Buchhandlung Kunst- und Textwerk – ebenfalls in der Ligsalzstraße – dicht machte, schließt nun der letzte Buchladen im Westend.

Während der Ausgangsbeschränkungen war der Laden ein wichtiger Ankerpunkt im Viertel. "Unser Lieferservice wurde so gut angenommen, den behalten wir bei", sagt Kindermann. Ihre Bücher bringt sie ihren Kunden also weiterhin nach Hause – solange sie es eben noch kann.

Lesen Sie hier: Gebäude in der Hochstraße - Darf man dieses Haus abreißen?

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading