FC Bayern-Boss wird 60 Rummenigge: "Er ist der Patriarch, der Macher"

Traumkarriere: Von 1974 bis 1984 kickte Karl-Heinz Rummenigge für den FC Bayern, im Anschluss wechselte er zu Inter Mailand. Foto: Rauchensteiner/Augenklick/AZ

Karl-Heinz Rummenigge wird am Freitag 60 Jahre alt. In der Abendzeitung spricht Bruder Michael über den Bayern-Boss, ihre Kindheit und die Zeit in München.

 

München - Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag. Die AZ spricht im Interview mit seinem jüngeren Bruder Michael.

AZ: Herr Rummenigge, Ihr Bruder Karl-Heinz feiert heute runden Geburtstag. Neun Jahre älter ist er, korrekt?

Michael Rummenigge: Er will das immer genau haben: achteinhalb. Aber er sieht jünger aus (lacht). Unglaublich, dass der schon 60 wird!

Tja, es geht dahin...

Steil bergab geht es! (lacht) Der Franz ist 70, der Gerd ist 70, der Uli 63 – die großen Ikonen des Vereins kommen jetzt alle in die Jahre. Aber ohne die kann man sich den Klub gar nicht vorstellen.

Wie war im Hause Rummenigge, damals in Lippstadt? Ihr Vater hat auch gekickt, oder?

Aber nicht in Lippstadt, sondern beim Soester SV. Weil er in Soest gearbeitet hat. Der ist jeden Morgen um 5.45 Uhr mit dem Zug zur Arbeit gefahren. Wir drei Brüder haben dann bei Borussia Lippstadt gespielt. Ich bin mit sechs in den Verein, Kalle war schon fast 15, und da konnte man schon sehen, dass er der Beste war. Obwohl: Wolfgang, der Älteste, ein Linksfuß, war eigentlich der beste und schnellste Stürmer von uns. Aber er war ein bisschen fauler, hat später bei Gütersloh 2. Liga gespielt. Auf der Straße haben wir alle zusammen gekickt.

Die Rummenigge-Gang...

Verloren haben wir selten. Die ersten Gastarbeiter bei uns waren Italiener, dann gab es in der Nähe noch eine Kaserne mit Engländern und Schotten, und dann wurden auf einem kleinen Acker die ersten Länderspiele gespielt! Und ich hab’ bei den Großen mitgespielt, musste mich durchsetzen. Wenn man da nicht funktionierte, konnte Kalle schon laut werden – so wie er das mit mir als Profi bei Bayern auch gemacht hat.

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Klingt anstrengend.

Er war immer schon der Beste – und derjenige, der nie verlieren konnte. Nie. Das ist heute noch so, wenn wir in Sylt am Strand kicken: Er wird so lange spielen, bis er gewonnen hat. Das bekommt man aber auch bei Bayern mit auf den Weg. Dieses „Mia san mia“ gab’s ja früher noch nicht, das hat der Hansi Pflügler irgendwann mal eingeführt, ich glaube 1986. Nicht verlieren: Das galt schon in jedem Trainingsspiel. Das zieht sich durch bis zum heutigen Tag, bis zu dem 5:1 gegen Wolfsburg. Unfassbar, der Lewandowski! Dazu gibt’s ja auch ne super Geschichte...

Nur her damit!

Der letzte Bayern-Spieler, der fünf Tore am Stück gemacht hat, war Dieter Hoeneß, 1984. Kalle war schon weg, und beim Stand von 1:1 gegen Eintracht Braunschweig wurde ich in der 60. oder 70. Minute für Dieter ausgewechselt – von den fünf Toren, die er gemacht hat, wurde der Lange vier Mal angeschossen. Der wusste gar nicht, wie ihm geschieht, und wir hatten 6:1 gewonnen!

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Wie war die Zeit mit dem großen Bruder beim FC Bayern?

Ich kam mit 17 nach München – da hat er bei Uli Hoeneß dafür gesorgt. Ein Jahr hab’ ich noch in der Jugend gespielt und bin dann 1982 zu den Profis. Die Fähigkeiten, die Kalle als Spieler und auch außerhalb des Platzes hatte, bescherten ihm den Spitznamen „Macher“. Das ist er einfach! Auch nach der aktiven Karriere.

Dabei war es für ihn am Anfang gar nicht so einfach. Beckenbauer sagte: „Das wird nie einer!“

Wenn man als 18-Jähriger 1974 von Lippstadt nach München geht und dir dort von sechs Weltmeistern gesagt wird „Was willste eigentlich hier?“ – da musste meine Mutter nach drei Wochen nach München kommen, hat sich bei Kalles damaliger Freundin und heutigen Frau Martina einquartiert, bis alles wieder gut war. Dann nahm alles seinen Lauf, mit Udo Lattek, mit Dettmar Cramer, der ein Glücksfall war für Kalle, der ihn geformt hat. Und er hat gelernt, aufgesaugt und getan.

Wenn mich die Kinder in meiner Fußballschule fragen, wie man ihn vergleichen kann, sage ich immer: Er ist Ronaldo, ich Gündogan. Wie eine Rakete ist der abgegangen, hat Spiele entschieden! Der Paul Breitner legte die Bälle rein, und Kalle ging ab!

Und als Funktionär lief es ja auch nicht so ganz schlecht.

Ich weiß noch genau, wie er im November 1991 mit Beckenbauer Vize-Präsident wurde, Fritz Scherer war Präsident. Das erste Spiel seiner Vize-Präsidentschaft war das erste von Sören Lerby als Trainer: Bayern – Dortmund: 3:0 für Dortmund. Ich hab ein Tor gemacht, und Kalle kam nach dem Spiel in die Kabine und musste zugeben, dass ich der beste Mann auf dem Platz war. So was konnte er aber auch: Anerkennung von Leistung. Ich kenne wenige Spieler, die nach dem Fußball so eine Karriere hingelegt haben.

Als kleiner Bruder war das doch bestimmt nicht einfach.

Wir waren ja 1983/84 das Sturm-Duo des FC Bayern, und der hat mich auf dem Platz so was von zusammengefaltet! Er hat mir aber auch Dinge erklärt, ich habe viel von ihm gelernt. Er hat mich glaube ich härter rangenommen als seine eigenen Kinder. Ich erinnere mich an ein Spiel in Leverkusen, knochenharter Platz, keine Rasenheizung. Da stellten mir drei Spieler ihre Schuhe hin: Jean-Marie Pfaff, Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge, und ich musste die verschiedenen Stollen drunterschrauben.

Das Spiel geht 1:0 aus, ich werde in der 82. Minute eingewechselt und mache das 1:0 – da haben sie sich ein bisschen gefreut, mich abgeklatscht und gesagt: „Aber beim nächsten Spiel trägst du wieder den Koffer!“ Das war eine gute Schule. Und irgendwann war ich drin im „inner circle“ der Mannschaft, weil die gemerkt haben: Der ist einer von uns. Dann war es aber auch gut, als Kalle 1984 zu Inter Mailand ging. Da konnte ich mich bei Bayern alleine freischaufeln.

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Als ehemaliger Berater von Jérôme Boateng begegneten Sie sich dann auf einer anderen Ebene...

Das hatten mein Agenturpartner und bei Bayern der Herr Dreesen und Matthias Sammer verhandelt. Kalle und ich haben uns da rausgenommen.

Wie oft sehen Sie Ihren Bruder denn?

Ab und zu mal in Sylt, wo er ja ein Haus hat. Er kickt ja leider nicht mehr in der Traditionsmannschaft der Bayern, aber in München oder Dortmund sehen wir uns schon immer wieder mal.

Für wen schlägt Ihr Herz, wenn Bayern gegen Dortmund spielt?

Dann ist es immer ganz gut, wenn die Unentschieden spielen. Sonst kriege ich wieder Ärger mit dem Bruder. Aber es ist toll, wie es läuft beim BVB. Das wird in dieser Saison einen Zweikampf geben. Ist doch besser als wenn Bayern 20 Punkte Vorsprung hat.

Was wünschen Sie dem Bruder zum Geburtstag?

Ruhiger und gelassener ist er ja schon geworden. Gesund ist er auch, gut beinander, hat noch ein super Gewicht. Er ist der Patriarch unserer Familie, und ich kann nur sagen: Mach weiter so!

Interview: Thomas Becker

Michael Rummenigge: Der 51-jährige Bruder von Karl-Heinz spielte für den FC Bayern und Borussia Dortmund. Er betreibt eine Sportmarketing-Agentur und eine Fußballschule.

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