Fc Bayern Bayern-Legende Paul Breitner wird 60

Wird am Montag 60, möchte aber bittschön jetzt nicht plump als "Sechzger" gelten: Bayern-Legende Paul Breitner. Foto: Andreas Gebert/dpa

Am Montag hat Breitner Geburtstag. Und spricht im dapd-Interview über den größten Moment seiner Karriere, den FC Bayern, Phillip Lahm und den heutigen Fußball: "Da ist gar kein Platz mehr für diese Typen wie mich".

 

München - Er ist Welt- und Europameister, hat alle Titel im Vereinsfußball gewonnen und galt immer als unbequemer Geist.

dapd: Herr Breitner, sie waren als Glücksfee bei der Champions League Auslosung in Monte Carlo. Wird der FC Bayern Sie jemals wieder einsetzen – angesichts der Gegner Manchester City, FC Villarreal und SSC Neapel?

Paul Breitner: Wenn irgendjemand meint, wir wollen wieder interessante Reisen haben und nicht irgendwo in den Osten fliegen müssen, dann bin ich gerne wieder aktiv.

dapd: Hat Ihre Männerfreundschaft zu Uli Hoeneß nach ihrer Rückkehr aus Monte Carlo wieder leiden müssen?

Breitner: Ich muss ja diese Gruppe ein bisschen verkaufen. Normalerweise ist es so, dass du zwei Favoriten hast, einen oft lachenden Dritten, und einen Punktelieferanten. Jetzt hast du zwei Favoriten, Manchester City und Bayern, und zwei gute Dritte. Und die sind jederzeit in der Lage, auch Manchester den ein oder anderen Punkt abzunehmen. Was das Ganze vielleicht auch ein bisschen leichter macht.

dapd: Hat Bayern also die besten Voraussetzungen für einen Final-Sieg im eigenen Stadion?

Breitner: Nur wenn wir auf einen FC Barcelona treffen, der nicht 80 Prozent oder 85 Prozent seiner Leistungsfähigkeit erreicht. Ansonsten ist Barcelona im europäischen Fußball momentan einfach das Maß aller Dinge. Und vorher sind wir in einer Gruppe mit Real Madrid, mit Chelsea, mit fünf, sechs Mannschaften, die die Verfolger bilden. Das ist die Realität.

dapd: Wäre so ein Champions-League-Sieg im eigenen Stadion ein schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk für Sie?

Breitner: Nein, weil ich mir nichts zum Geburtstag wünsche. Ich wünsche mir nur von Ihnen etwas.

dapd: Und zwar?

Breitner: Dass Sie nicht diese dümmliche, ausgelutschte Überschrift hernehmen: Paul Breitner jetzt auch ein Sechzger…

dapd: Wünschen Sie sich auch von Philipp Lahm nichts?

Breitner: Nein, warum?

dapd: Er hat ja erst ein Buch geschrieben…

Breitner: Ich kenne die besagten Passagen, und mich beschäftigen nur die Aussagen, die von den Betroffenen und auch von anderen moniert wurden. Da hat Philipp schlicht und ergreifend gegen einen ungeschriebenen Kodex in diesem Geschäft verstoßen, der im Jahr 2011 der gleiche war wie vor zehn, 20, 40 Jahren. Ich kenne das Buch nicht, es mag sich wunderbar lesen, nur diese Dinge, die gehen einfach nicht.

dapd: Ist das diese neue Art von Führungsspieler? Nicht mehr auf dem Platz zu wüten, sondern neben dem Platz Akzente zu setzen?

Breitner: Wir haben heute einen Fußball, in dem gar kein Platz mehr ist für diese Typen wie mich. Noch niemand hat einen Xavi, einen Iniesta irgendwo stehen und kommandieren sehen.

dapd: Xavi und Iniesta sind also der Prototyp eines Führungsspielers von heute?

Breitner: Sie sind Spieler, die ein Spiel lenken, lassen wir mal das Führen weg. Und zwar nicht über Kommandos, sondern über Bewegung. Über die Art und Weise, wie sie in jeder Situation über ihre Bewegung die Mannschaft ordnen, Laufwege, Automatismen vorgeben.

dapd: Also erfüllen Lahm und Schweinsteiger ihre Rolle genau richtig?

Breitner: Sie machen es wunderbar, genauso, wie es der heutigen Generation entspricht. Die Art, wie früher Führungsspieler mit anderen umgegangen sind, lässt sich heute keiner mehr gefallen.

dapd: Sie haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Was war der größte Moment ihrer Karriere?

Breitner: Der größte Moment jeder Karriere ist ein WM-Sieg. Dieses Finale muss aber nicht unbedingt das Spiel sein, das am meisten in Erinnerung bleibt. Es gab zwei andere Spiele, die bei mir vom Spektakel her mehr in Erinnerung sind. Das war das zweite Europacup-Finale gegen Atletico Madrid, dieses 4:0. Und dann ein Viertelfinale mit Real Madrid gegen den damaligen englischen Meister Derby County, da haben wir auf der Insel 4:1 verloren. Und dann vor rund 170.000 Leuten im Bernabeu in der Verlängerung 5:1 gewonnen. Das war das Größte, unvorstellbar.

dapd: Hätten Sie rückblickend auf eines der Kapitel – Bayern, Madrid, Braunschweig- verzichten können?

Breitner: Wenn jemand 60 Jahre alt wird und nicht auf das ein oder andere Kapitel in seinem Leben verzichten könnte, dann lügt er. So wie man bei großen Siegen dabei ist, muss man auch deftige Niederlagen einstecken, die bringen oft viel. Ich habe in meiner Sturm- und Drangzeit 1970 bis 1974 oft reichlich Blödsinn gemacht, was mir wiederum geholfen hat, dass sich die Leute mit mir selber nicht mehr sehr beschäftigt haben. Die haben Stoff gekriegt, ich hab Schlagzeilen geliefert, und hab dann meine Ruhe gehabt.

dapd: Der Revoluzzer Breitner war Kalkül?

Breitner: Es war einfach so interessant, gegen etwas zu sein. Ihr könnt ja heute gegen gar nichts mehr sein. Unsere Kinder, unsere Jugendlichen, gegen was wollen die noch sein? Sich so richtig fetzen, streiten, sich aufzulehnen, um daraus zu lernen, sich zu entwickeln? Ich möchte das nicht missen.

dapd: Wenn Sie Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf der Tribüne beobachten, deren Emotion sehen: Waren Sie nie so?

Breitner: Ich war so nie und ich wollte das auch nie. Ich habe mit 31 Jahren meine Karriere beendet, weil ich Schluss machen wollte, und nicht, um dann sofort in irgendeine Funktion in diesen Verein rüber zu wechseln. Und das hat dann dazu geführt, dass in diesen 23 Jahren die Leute nicht verstanden haben, warum macht der Breitner nichts beim FC Bayern? Wollen die ihn nicht? Leute, ich wollte nicht. Fußball ist nicht der absolute Mittelpunkt für mich. Das war er auch nicht als Aktiver.

dapd: Warum sind Sie dann als Scout bzw. Markenbotschafter zurückgekehrt?

Breitner: Ich bin ein Erster. Kein Zweiter, Dritter, Vierter, Fünfter. Was soll ich mich da irgendwo reinquetschen, irgendwo reinpressen, mich wichtigmachen? Als es dann hieß, beratend einzusteigen, habe ich gesagt, ich hab Bock drauf. Und es macht mir sehr viel Freude, diesen Verein zu repräsentieren, damit einen Dank zu zeigen. Der Verein und ich sind quitt.

dapd: Ein Vorfall in der Kabine hat 1983 zum Bruch zwischen Uli Hoeneß und Ihnen geführt. Können Sie als Freunde inzwischen darüber lachen, dass Sie zehn Jahre nicht miteinander geredet haben?

Breitner: Wir haben das abgehakt. Das war eine Momentaufnahme in Singapur, bei einem meiner letzten Spiele, da haben wir uns in der Pause eine Minute gestritten, dass die Fetzen geflogen sind. Dann war das Tischtuch zerschnitten. Nach vielen Jahren haben wir versucht, das Tischtuch wieder zusammen zu nähen. Und das ist uns recht gut gelungen.

dapd: Was wäre aus dem deutschen Fußball geworden, wenn Sie Bundestrainer geworden wären?

Breitner: Ich weiß es nicht, weil ich mir nie Gedanken drüber gemacht hab. In den 17 Stunden, die ich Bundestrainer war, war keine Zeit dafür… Ich bin ein zu nüchtern denkender Mensch als dass ich mir über irgendetwas Gedanken mache, was nicht ist.

 

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