Exklusives AZ-Interview Uli Hoeneß: "Ich bin auch demütiger geworden"

, aktualisiert am 05.11.2016 - 14:24 Uhr
Wird aller Voraussicht nach am 25. November auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern wieder zum Präsidenten gewählt: Uli Hoeneß. Foto: dpa

Exklusiv in der AZ: Uli Hoeneß spricht über seine schwere Zeit, sein Engagement für die Basketballer, die Zukunft der Fußball-Abteilung, Schweinsteigers Schicksal – und seine Rückkehr ins Präsidentenamt. "Der FC Bayern wird noch stärker, wenn Karl-Heinz Rummenigge und ich wieder das große Gespann werden."

 

München - Der 64-Jährige spielte für die Fußballer des FC Bayern, war Welt- und Europameister. Anschließend formte er als Manager und Präsident den Verein zu einem internationalen Spitzenklub. Von Juni 2014 bis Februar 2016 verbüßte er eine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung.

AZ: Herr Hoeneß, für den FC Bayern stehen jetzt zwei Topspiele an: Am Samstag für die Fußballer gegen Hoffenheim und am Sonntag für die Basketballer in Bamberg. Welches ist für Sie das wichtigere?
ULI HOENESS: In der Fußballabteilung sehen wir zumindest national schon jetzt, wo wir stehen. Da haben wir uns nach anfänglichen kleinen Problemen gut gefangen. Nach dem Frankfurt-Spiel, das nicht so gut war, sehe ich einen kontinuierlichen Aufwärtstrend. Auch das Spiel in Eindhoven war ein ausgezeichnetes Fußballspiel. Ich habe zu Hause mit meinem Enkel und meiner Frau auf der Couch gelegen und gedacht: Wow, das ist eine schöne Unterhaltung. Wenn wir so weiterspielen, sehe ich die Meisterschaft überhaupt nicht gefährdet. Und bei den Basketballern wissen wir am Sonntag ziemlich genau, wo wir derzeit stehen. Für uns heißt es jetzt in Bamberg gegen den Meister "Butter bei die Fische", wie es so schön heißt. Da ist schon eine gewisse Spannung da.

Werden Sie vor Ort sein?
Ja, ich bin mit Herrn Stoschek (Bambergs Aufsichtsratsvorsitzender, d. Red.) verabredet, wir werden ein Glas zusammen trinken, und unsere Mannschaft wird hoffentlich das bessere Ende für sich haben.

Im Gegensatz zum Fußball sind Sie beim Basketball schon voll zurück im Geschehen.
Die Fußball-Abteilung läuft ja prima. Beim Basketball wäre ein gewisses Vakuum entstanden. Ich habe Karl Hopfner gefragt, ob ich mich deshalb schon etwas aktiver einschalten kann, weil es keinen Sinn macht, bis 25. November (der Termin der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, d. Red.) zu warten. Am 25. November ist jeder Transfer gelaufen und die Sponsorensuche abgeschlossen. Bei der Fußballabteilung kann ich erst richtig anfangen, wenn ich wieder im Aufsichtsrat bin.

"Ich war schneller unter dem Korb als jeder andere"

Wie sieht ihre Rolle beim FC Bayern Basketball nun aus?
Ich will, dass diese Sportart sich durchsetzt und werde alles in meiner Macht Stehende tun, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Alle, die mit mir im Fußball zusammengearbeitet haben, haben sich auch dem Charme des Basketballs nicht verwehrt. Ich habe noch keinen gefunden, dem es keinen Spaß gemacht hat. Das zeigt, dass Fußball in München die Nummer eins ist, aber danach Basketball eine gute Chance hat.

Wo kommt Ihre Leidenschaft für den Basketball eigentlich her?
Die war eigentlich immer schon da. Ich habe damals in Ulm im Schubert-Gymnasium in der Schulmannschaft gespielt.

Welche Position?
Wenn wir gekontert haben, war ich schneller unterm Korb als jeder andere. In der Schule war Basketball wichtiger als die Fußballmannschaft. Aber meine professionelle Leidenschaft war immer der Fußball. Als ich als Profi nach München kam, bin ich regelmäßig zum Basketball gegangen, zum USC München, wo Holger Geschwindner (der spätere Nowitzki-Mentor, d. Red.) mit seiner Mannschaft sein Unwesen getrieben hat. Und wann immer ich in den USA war, habe ich dort Basketball-Spiele angeschaut.

Auch mal die Chicago Bulls und Michael Jordan?
Ja, mein Lieblingsspieler war aber Scottie Pippen.

Haben Sie den Traum, Dirk Nowitzki für den FC Bayern zu gewinnen, schon aufgegeben?
Wenn er irgendwann mal aufhört und sagt, dass er sich doch vorstellen kann, noch ein, zwei Jahre in Deutschland zu spielen, würde ich mich in den nächsten Flieger nach Dallas setzen. Aber sein Gehalt ist wesentlich höher als unser gesamter Etat. Die Grundeinstellung zu Dirk Nowitzki ist positiv in jeder Form. Wie ich gelesen habe, will er aber mit seiner Familie in den USA bleiben.

Sehen Sie in der Rivalität zu Bamberg gewisse Parallelen zu der Konkurrenz-Situation mit Borussia Dortmund in den vergangenen Jahren?
Fair ausgetragene Rivalität finde ich immer wunderbar, weil das die ganze Sportart beflügelt. Durch die Tatsache, dass der FC Bayern in Basketball investiert und sich richtig reingehängt hat, hat der Sport profitiert. Es wurde nie so viel über Basketball gesprochen wie jetzt, da wir zurückgekommen sind. Umgekehrt begrüße ich es, dass wir vor allem mit Bamberg richtig starke Gegner haben. Um besser zu werden, braucht man Widerstand und Reibung. Ich glaube, dass wir dieses Jahr eine Mannschaft haben, die möglicherweise sogar besser ist als unser Meisterteam von 2014. Die Situation Bayern-Bamberg ist schon so ähnlich wie Bayern-Dortmund im Fußball.

Neben sieben neuen Spielern ist mit Sasa Djordjevic auch ein neuer Trainer gekommen. Sein Vorgänger Svetislav Pesic pflegt engen Kontakt zu ihm, schaut sogar regelmäßig beim Training vorbei.
Das ist eigentlich die ideale Konstellation, dass die beiden sich so gut verstehen. Ich habe Sasa Djordjevic zwei Mal kurz getroffen und werde demnächst mit ihm Essen gehen, um ihn noch näher kennenzulernen. Aber der erste Eindruck war hervorragend: ein Weltmann mit einer Aura und Ausstrahlung. Es ist bemerkenswert, dass Svetislav Pesic sich nicht zurückzieht und sich nicht zu schade ist, seinem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. So stelle ich mir den idealen Übergang von einem zum anderen Trainer eigentlich vor.

Im Fußball wäre so etwas fast unvorstellbar, oder?
Zwischen Jupp Heynckes und Pep Guardiola wäre das auch möglich gewesen. Und ich glaube, wenn Carlo Ancelotti eine Frage an Guardiola hätte, würde der seine Erfahrungen mit dem Team weitergeben.

Wie stehen Sie zum Thema Hallenneubau? Es gab ja bereits Pläne für ein gemeinsames Projekt mit dem EHC Red Bull München und einer Multifunktionshalle.

Das Präsidium um Karl Hopfner und Rudolf Schels hat den Hallenneubau abgelehnt. Ich habe damals meine Meinung geäußert, die war ein bisschen anders. Die Pläne sind zunächst auf Eis gelegt. Das neue Präsidium wird das Thema aber noch einmal neu bewerten. Ich bin da ziemlich offen.

"Was Mateschitz in Leipzig macht, hat Hand und Fuß"

Wie sehen Sie Red-Bull-Eigentümer Dietrich Mateschitz und sein Engagement im Sport?
Ich kenne Herrn Mateschitz persönlich und halte ihn für einen sehr angenehmen Gesprächspartner. Was er in Leipzig macht, hat Hand und Fuß. Ohne das Engagement von Red Bull gäbe es im Osten jedenfalls gegenwärtig keinen Bundesligafußball. Deshalb kann ich die Verteufelung von Herrn Mateschitz nicht verstehen.

Wie ernst nehmen Sie RB Leipzig als Konkurrenten?
Ich kann mir derzeit noch nicht vorstellen, dass Leipzig uns am Ende richtig bedrängt. Aber wir schauen schon interessiert nach Leipzig. Sollte Herr Mateschitz noch ungeheure Gelder investieren, wäre Leipzig mittelfristig ein ernstzunehmender Konkurrent für den FC Bayern. Ich glaube aber, dass in dieser Saison am Ende Bayern und Dortmund die Meisterschaft unter sich ausmachen.

Für den FC Bayern wäre es die fünfte in Folge. Was würde das für die Liga bedeuten?
Das ist mir ziemlich wurscht. Es ist ein Beweis dafür, dass beim FC Bayern in den vergangenen Jahren sehr gut gearbeitet wurde. Wir sollten uns nicht ständig damit beschäftigen, was andere darüber denken. Wir haben weder eine Erbtante aus Amerika noch den Lotto-Jackpot gewonnen. Unser Stadion, das Nachwuchsleistungszentrum oder unser Gelände an der Säbener Straße – wir haben alles bezahlt und keine Schulden. Das hat sich der Verein in den vergangenen 30 Jahren erarbeitet. Als ich nach München kam, war 1860 noch wichtiger als Bayern München. Wie sich diese beiden Vereine auseinanderentwickelt haben, kann man jedes Wochenende erleben.

Wie sehen Sie die internationalen Kräfteverhältnisse aktuell? Mit Atlético Madrid gibt es in der Champions League ein Duell um den Gruppensieg.
Atlético ist ein extrem starker Gegner, der zwei Mal hintereinander im Finale stand. Wir gehören nachhaltig zu den drei bis vier besten Mannschaften in Europa. Das ist etwas, das wir vor zehn Jahren gar nicht für möglich gehalten hätten. Wenn ich sehe, wie viele Milliarden da von verschiedensten Sponsoren – ob aus Abu Dhabi, Russland, Katar oder den USA – in die Übernahme und Führung anderer Vereine aus großen europäischen Ligen reingedonnert werden und was wir alles aus eigener Kraft erwirtschaften, muss man sich wenig sorgen.

Die großen spanischen Teams geschlagen hat der FC Bayern zuletzt unter Jupp Heynckes. Hat er seinen Nachfolgern mit dem Triple 2013 ein schweres Erbe hinterlassen?
Seit 2013 sind wir zwei Mal Double-Sieger geworden und standen immer im Halbfinale der Champions League. Die zu gewinnen, ist das Allerhöchste. Es muss aufhören, dass uns ständig vorgehalten wird, eine Saison sei nur dann gut, wenn die Champions League gewonnen wird. Das ist hocharrogant und total an den Fakten vorbei. Da geht es um Nuancen. Wenn unser Elfmeter im Rückspiel gegen Atlético reingeht, ziehen wir wahrscheinlich ins Finale ein. Ich lasse den FC Bayern da nicht in eine Ecke stellen. Den Druck halten wir alle nicht aus hier, nur noch eine gute Saison zu haben, wenn wir die Champions League gewinnen.

Eine Vertragsverlängerung mit Robert Lewandowski wäre auf einer anderen Ebene ein Statement an die Konkurrenz, oder?
Ich denke, dass Karl-Heinz das mit Robert bald über die Bühne bringen wird. Man darf ja nicht vergessen, dass der derzeit gültige Vertrag von Robert erst 2019 ausläuft.

FIFA-Weltfußballer: Lewandowski und Neuer nominiert

Wie beurteilen Sie eigentlich die Situation von Bastian Schweinsteiger, der bei Manchester United von José Mourinho aussortiert wurde?
Ich habe Bastian immer geschätzt, sehr gestützt und habe bis heute ein sehr enges Verhältnis zu ihm. Ich habe verstanden, dass er die Herausforderung Manchester United sucht. Unglaublich, was da mit ihm passiert ist. Man kann ja einem Spieler sagen, dass man eine andere Vorstellung vom Fußball hat. Ich finde es aber gefährlich, wenn in einem Verein nur die Trainer über Transfers entscheiden. Dann geht der Trainer, der Spieler bleibt und der nächste Trainer kann ihn nicht mehr brauchen.

Aber dann muss der Verein die Größe haben, einen Menschen korrekt zu behandeln. Einen Mann wie Bastian Schweinsteiger nicht mit der Mannschaft trainieren und aufs Mannschaftsfoto zu lassen, ihn wie einen Aussätzigen zu behandeln und auf die Seite zu schieben, das spricht nicht für diesen Verein, sondern Bände für die Situation in diesem Klub. Schweinsteiger ist ein grandioser Mensch und war ein grandioser Spieler für Bayern München. Schade, dass sie ihm das antun.

Wie ist Ihre persönliche Gefühlslage vor der anstehenden Mitgliederversammlung am 25. November?
Ich freue mich sehr darauf. Der Verwaltungsbeirat hat mich als Präsident vorgeschlagen, und jetzt kommt es darauf an, wie die Mitglieder meine Nominierung auffassen. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn ich ein klares Votum bekäme und dafür werde ich mich einsetzen.

"Soziale Themen sind mir noch wichtiger geworden"

Sie haben ja 2014 auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern angekündigt: "Das war’s noch nicht." War Ihnen also immer klar, dass Sie wieder Präsident werden wollen?
Ich war damals emotionalisiert durch den Empfang der Mitglieder, darauf war ich nicht vorbereitet. Ich habe vorher gedacht, vielleicht pfeifen oder buhen ein paar. Dann komme ich da rein, und die Leute feiern mich minutenlang. Ich war fix und alle. Diese ganze Empfindung habe ich in diesem Satz zum Ausdruck gebracht und gar nicht so sehr ans Präsidentenamt gedacht. Ich wollte damit ausdrücken: Mein Leben ist nicht zu Ende, es gibt auch eins danach.

Was können wir von Ihnen jetzt erwarten, haben Sie sich verändert?
Diese Lebensphase hat mich verändert. Also: Ja, ich habe mich verändert. Ich bin nachdenklicher und auch demütiger geworden. Soziale Themen waren mir früher wichtig, aber sie sind mir noch wichtiger geworden. Was ich alles an Schicksalen erlebt habe, hat mich geprägt, und das wird auch in meine Arbeit einfließen.

Klingt ganz nach: "Hoeneß fürs Herz – und Rummenigge fürs Geld."
Diese Aussage von mir wurde ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen und ist nicht fair gegenüber Karl-Heinz. Eines ist klar: Der FC Bayern wird noch stärker, wenn Karl-Heinz und ich wieder das große Gespann werden, das wir waren. Und da ich davon ausgehe, dass es so kommt, ist vom FC Bayern einiges zu erwarten.

Ist es auch Ihre gemeinsame Aufgabe, den Umbruch beim FC Bayern einzuleiten?
Das wird eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre sein. Ich bin 64, Karl-Heinz ist 61. Wir sind mit dem FC Bayern auf dem allerhöchsten Niveau. Das gilt es zu halten und den Übergang in die nächste Generation vorzubereiten. Sowohl in der Führung als auch in der Mannschaft.

 

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