Europawahl 26. Mai 2019 Éric Bourguignon: Franzose kandidiert für die Linkspartei

"Ich mache Politik gerne im Stehen", sagt Éric Bourguignon, der hier auf einem Parteitag spricht. Foto: ho

Éric Bourguignon (45) ist Franzose, lebt in München und will für die Linke nach Brüssel. Die AZ stellt den Kandidaten vor.

 

München - Eine Gemeinschaft, die kein Geld für militärische Zwecke ausgibt und keine Waffen mehr in Krisengebiete liefert. Eine tolerante, entschleunigte Gesellschaft mit fairen Arbeitsbedingungen, die ihren Energie- und Rohstoffkonsum besser kontrolliert und aus dem Austausch zwischen den Kulturen Kreativität schöpft. Eine Union, die ihre Grenzzäune nicht immer weiter hochzieht, sich in der Außenpolitik für Frieden, Abrüstung und Entwicklungshilfe auf Augenhöhe einsetzt.

Wenn Éric Bourguignon über seine Vision eines linken Europas spricht, zeichnet er dieses Bild. Natürlich sei das eine Utopie, sagt der 45-Jährige. Und die Gefahr, dass die Gemeinschaft nach rechts rutsche sei äußerst real. "Aber", sagt der Münchner, "dann müssen wir eben weiter kämpfen."

Éric Bourguignon: Europäer kandidiert für die Linke

Éric Bourguignon kandidiert bei der Europawahl für die Linkspartei – und ist selbst so europäisch wie vermutlich nur wenige, die derzeit um die Stimmen der Wähler werben. Bourguignon ist Franzose, hat fünf Jahre in Großbritannien gelebt und wohnt mittlerweile seit einem Jahrzehnt in München. Mit seiner deutschen Lebensgefährtin hat er zwei Kinder, die zweisprachig aufwachsen.

"Ich bin linksradikal", sagt er über sich. "Und das bedeutet: Ich bin radikal sozial unterwegs und ein starker Befürworter des Parlamentarismus."

Politisch aktiv sei er eigentlich schon immer gewesen, sagt der Mann, der beruflich zivile Forschung, Industrie und EU-Fördergeld zusammenbringt: in Frankreich in trotzkistischen Gruppierungen, in England als Individuum ("ich war linker als Labour") und nun eben als dunkelroter Genosse.

Linker in Disskussionen und am Bahnhof konfroniert mit der Rechten

Bourguignon gehörte im Sommer 2015 zu den Ersten, die am Hauptbahnhof Decken und Essen sammelten, als über Nacht Zehntausende Geflüchtete dort ankamen. Er hatte im Internet davon gelesen, dass die Züge aus Ungarn unterwegs waren und sich sofort auf den Weg gemacht. "Es war eine verrückte Nacht", erinnert er sich an die chaotischen Stunden und lächelt. Allerdings habe man schon damals gespürt, welche Verantwortung da auf Deutschland zukomme – und dass sich die Stimmung bald ändern würde.

Denn schon in dieser ersten Nacht hätten sich Rechte am Bahnhof aufgebaut, um die Neuankömmlinge und ihre Unterstützer einzuschüchtern.

Vier Jahre später sitzt die äußerste Rechte auch in Bayern im Parlament – und Bourguignon bekommt es bei Podiumsdiskussionen regelmäßig mit Vertretern der AfD zu tun. Dann freut sich der Feminist, wenn er das Publikum davon überzeugen kann, dass es sich bei den Rechtspopulisten in Wirklichkeit um die "Anti-Frauen-Partei Deutschlands" handelt, wie er die Alternative nennt: Die Partei plakatiere zwar Slogans wie "Mehr Sicherheit für Frauen und Töchter!" – unter 30 Listenkandidaten seien aber gerade einmal fünf weiblich.

Allerdings, sagt Éric Bourguignon, würde das Thema Frauenrechte bei Wahlkampfveranstaltungen generell zu selten aufgegriffen. "Viele junge Frauen sagen mir: Wir haben doch alles erreicht. Aber das stimmt nicht!" Es gebe weiterhin einen Gender-Pay-Gap und sexuelle Belästigungen auf der Straße, aber auch in Betrieben, so das Verdimitglied. "Dabei gehört Diskriminierung neben Frieden sowie Arbeit und Soziales zu den drei wichtigsten Themenkomplexen überhaupt – egal, ob Frauen, LGBT, Ausländer oder Menschen mit Einschränkung benachteiligt werden – oder auch Ältere, wenn sie ihre Wohnung verlieren."

Einzug ins Europaparlament unwahrscheinlich

Wenn man ehrlich ist, braucht es allerdings ein mittleres linkes Wunder, damit es Éric Bourguignon ins Europaparlament schafft. Er hat Listenplatz 22. Die Linke, die aktuell sieben Abgeordnete in Brüssel stellt, müsste ihre Umfrage-Ergebnisse (zuletzt rund sieben Prozent) also mindestens verdreifachen.

Doch das ficht den fröhlichen Franzosen nicht an. Der Wahlkampf habe ihn kreuz und quer durch den Freistaat geführt, erzählt er. "Und wenn es mir nicht gelingt, nach Brüssel oder Straßburg zu kommen, bin ich doch zu einem der besten Kenner Bayerns geworden – das ist eine Bereicherung, ein Gewinn!"


Gysi kommt auf den Marienplatz

Am Montag bekommen die Europa-Wahlkämpfer der Linken auf dem Marienplatz prominente Unterstützung: Zwischen 16 und 18 Uhr werden neben bayerischen Kandidaten Kathrin Flach-Gomez, Anna-Maria Dürr und Éric Bourguignon auch die Spitzenkandidaten der Partei Özlem Demirel und Martin Schirdewan erwartet. Zudem spricht Gregor Gysi, Präsident der Europäischen Linken.

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