Es war einmal in Amerika Steakhaus in den USA: Auf Gerd Müllers Spuren in Florida

Das Restaurant im Jahr 1982: Gerd Müller und sein Geschäftspartner Hans Huber (l.) vor "Gerd Müller’s Ambry". Foto: imago

Vor 40 Jahren flüchtet Bayerns Bomber nach Florida – und eröffnet mit "Gerd Müller’s Ambry" in Fort Lauderdale ein Steakhaus. Die AZ hat das Lokal besucht. "Kaum noch einer fragt nach ihm."

 

München/Fort Lauderdale - Umbruch – das Bayern-Wort des Jahres, jetzt schon. Ende der 70er Jahre steht der FC Bayern schon einmal vor einem der größten Einschnitte in seine Geschichte. Nach drei Triumphen im Europapokal der Landesmeister von 1974 bis ‘76 bröckelt das erfolgreiche Bayern-Gerüst.

Gerd Müller, der legendäre "Bomber der Nation", hat in der Saison 1978/79 Stress mit dem ungarischen Trainer Pál Csernai, der sich erdreistet, den Mittelstürmer am 3. Februar 1979 beim Auswärtsspiel in Frankfurt auszuwechseln. Knapp zehn Minuten vor Schluss! Als die Eintracht 2:0 führt! Ohne Verletzung! Für Müller eine Majestätsbeleidigung. Csernai senkt über das Idol einer Nation einfach so den Daumen und sagt: "Müllers Leistungen reichen für die Bundesliga nicht mehr aus. Der Verein kann es sich deshalb nicht leisten, ihm noch eine Chance zu geben." Eine Woche später, beim 4:0 im Münchner Olympiastadion gegen Borussia Dortmund, steht Müller, damals 33 Jahre alt, ein letztes Mal in der Startelf, bleibt aber ohne Treffer.

17. März 1979: Gerd Müller flüchtet nach Florida

Nach 453 Spielen und 398 Toren für den FC Bayern ist Feierabend. Müller flüchtet. Das Ziel: Florida und ein Engagement für zweieinhalb Jahre bei den Fort Lauderdale Strikers in der NASL (North American Soccer League). Eine Operettenliga. Egal, Hauptsache Fun. Und 800.000 Dollar Gehalt. Er verdiene "auf keinen Fall schlechter als bei Bayern", behauptet Müller und ist froh, "bei denen" raus zu sein. Vertrieben. Am 17. März 1979 fliegen die Müllers nach Amerika, "schon ein bisserl traurig, wenn man so lange bei einem Verein gespielt hat", sagt er. Sie suchen in Florida ein Haus und eine deutschsprachige Schule für Tochter Nicole. Ein Neubeginn voller Unsicherheit nach 14 Jahren an der Säbener Straße.

Am 28. April, also vor genau 40 Jahren, feiert Müller im heimischen Lockhart-Stadium sein NASL-Debüt gegen die Tampa Bay Rowdies (1:2), bleibt dabei aber ohne Tor. Erst im dritten Match trifft er beim 4:0 am 12. Mai gegen die Toronto Blizzards. Abseits des Soccers finden die Müllers eine Aufgabe.

1984 kehrt Gerd Müller nach München zurück

Mit dem befreundeten Gastro-Ehepaar Hans und Hannelore Huber übernehmen sie das damals gut besuchte Steakhaus "The Ambry", taufen es "Gerd Müller’s Ambry". Der Torjäger wird zum Grüß-Gott-Onkel, ist selbst sein bester Gast, vor allem am Tresen.

Als die Müllers 1984 Fort Lauderdale verlassen und nach München zurückkehren, bleiben die Hubers. Mittlerweile heißt das Restaurant wieder schlicht "The Ambry". Doch was ist draus geworden? Ein Ortsbesuch, 40 Jahre nach Müllers Flucht in die USA.

Das "Ambry" liegt weder im touristisch attraktiven Zentrum von Fort Lauderdale, wegen seiner Wasserstraßen und Kanäle "das Venedig Floridas" genannt, noch zwischen den Hochhäusern "downtown", sondern etwas außerhalb des Stadtkerns, an einem der schier unendlichen Boulevards. 3016, East Commercial Blvd. Auf dem Dach des "German-American Restaurant" zwei US-Flaggen, zwei deutsche. In unmittelbarer Nähe ein Tauchergeschäft namens "Scuba Network" sowie ein Massage- und Wellness-Center. Die kulinarische Konkurrenz, der Italiener "Zuckerrello’s" liegt direkt gegenüber.

Dinner Special: "Hackbraten home made"

Neben dem Eingang steht ein Maibaum in Weißblau, samt Schild "Weizenbiergarten". Plastikschilder von Bierbrauern verraten Auszüge aus der Getränke-Karte. Als "Dinner Special" gibt es "Hackbraten home made".

Mittwochs ist Stammtisch für die deutsche Community. Leberkäs, Gulaschsuppe, Weißwürste, Salat vom Buffet. Dazu deutsches Bier. Nachtisch? Apfelstrudel, freilich. Oder Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Auch auf Schwarzwälder Kirschtorte stehen die Gäste.

Parken ist wichtig in den Staaten, vor dem "Ambry" gibt es genügend Platz. Ab 16.30 Uhr füllt sich der Parkplatz. Die Schnäppchenkunden kommen, das "Early-Bird-Special" ab 17 Uhr lockt.

Vor dem Eingang des Backsteingebäudes bildet sich eine Schlange. Die Inhaber geben den Hungrigen nach, öffnen schon ein paar Minuten früher. Hinter der massiven Holztür herrscht bayerische Gemütlichkeit in gedämpftem Licht. Heimelig. Zünftig. Eine Wand ziert eine Sammlung von offiziellen Wiesn-Maßkrügen. Einer der Räume, der TV-Raum, ist voll mit Fußball-Devotionalien. Ein buntes Sammelsurium von Schals, Wimpeln, gerahmten Fotos, Zinntellern – nur einzelne Stücke erinnern an den berühmten Mann, dem das Restaurant einst gehörte.

Viele Stammgäste kennen Gerd Müller nicht

Hier ein Foto, dort ein Autogramm, mehr Bayern & Bomber ist nicht mehr. "Kaum noch einer fragt nach Gerd Müller", sagt Gaby Huber, die Tochter, die mittlerweile den Service schmeißt. Sohn Hans Huber junior, ein gelernter Metzger, leitet die Küche. "Wir haben viele Amerikaner als Stammgäste, die kennen ihn nicht oder haben ihn nie spielen gesehen."

Fußball wird immer noch geschaut, meist an der Bar. "Auch die Bundesliga, dazu natürlich American Sports. Alles, was halt kommt", sagt Gabi. Hinter dem Tresen entdeckt man einen goldenen Fußball-Schuh aus Müllers Privatbesitz. Als Europas erfolgreichster Torjäger gewann der Bomber ihn zweimal, 1969/70 und 1971/72.

Zeugnisse der Vergangenheit. Über Müllers aktuellen Gesundheitszustand wissen die Hubers in Florida Bescheid. Der 73-Jährige leidet an Alzheimer, er lebt in einem Pflegeheim im Münchner Süden, wird rund um die Uhr betreut und jeden Tag von seiner Frau Uschi besucht. Ehemalige Mitspieler, Freunde und Weggefährten wie Präsident Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge kommen hin und wieder vorbei. Es dauert lange, bis Müller sie dann erkennt.

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