Einstiger Löwen-Star im AZ-Interview Olaf Bodden: "Ich bin dankbar, aber ich will kein Mitleid"

"Vielleicht können mir ja die Löwen den Wunsch erfüllen, dass sie es nochmal dahin schaffen, wo wir damals waren", sagt der frühere Löwen-Star Bodden, der seit 2014 im Rollstuhl sitzt. Foto: sampics/AK

Am Montag feiert der einstige Löwen-Star Olaf Bodden, der am Chronischen Erschöpfungssyndrom leidet, seinen 52. Geburtstag. Exklusiv spricht er mit der AZ über sein Leben, den TSV 1860 und seine Träume.

 

München - AZ-Interview mit Olaf Bodden Der ehemalige 1860-Stürmer (1994 bis 2000) feiert am Montag seinen 52. Geburtstag. Ende 1997 bestritt er sein letztes Spiel. Bodden ist am Chronischen Erschöpfungssyndrom erkrankt. Seit 2014 sitzt er im Rollstuhl.

Olaf Bodden: Keine Angst vor Corona

AZ: Herr Bodden, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Wie verbringen Sie Ihren Zweiundfünfzigsten mitten in der Corona-Krise?
OLAF BODDEN: Vielen Dank. Ich feiere im kleinsten Kreis, mit meinen beiden Kindern und meinem besten Freund. Am Dienstag bekomme ich noch Besuch von Karsten Wettberg. Ich kann ja im Gegensatz zu Leuten mit einem normalen Leben sowieso kaum rausgehen, von daher ändert sich nicht viel.

Ihr Chronisches Erschöpfungssyndrom zwingt Sie seit Jahrzehnten zu einem zurückgezogenen Leben.
Damit habe ich mich abgefunden. Ich will auch gar nicht darüber reden, das habe ich schon zehn Millionen Mal gemacht. Ich bin Karsten Wettberg unglaublich dankbar, dass er sich immer wieder für mich einsetzt und Spenden sammelt. Aber ich will kein Mitleid.

Haben Sie aufgrund Ihres geschwächten Immunsystems die Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?
Nein, ich habe überhaupt keine Angst. Es ist schlimm, was in Ländern wie Italien, Spanien oder den USA passiert, ich bin froh, dass wir nicht so viele Todesfälle haben. Aber ich würde behaupten, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre, obwohl ich chronisch krank bin.

Inwieweit machen Sie sich dennoch Gedanken über die aktuelle Lage?
Ich habe ja viel Zeit, in der ich zu Hause sitze oder liege. Ich konnte zuletzt leider auch kaum Besuch empfangen. Da bin ich einige Statistiken durchgegangen: Es gibt auch viele Grippetote. Es sterben mehr Menschen an Krankenhauskeimen, als man denken würde. Es gibt sogar offizielle Zahlen des Statistikamtes, wonach jedes Jahr 110.000 Menschen an Passivrauchen sterben. Hunderttausende wegen Alkohol. Zynisch könnte man sagen: Das Leben ist endlich, wir müssen sowieso alle sterben – unabhängig von Corona. Aber tun Sie mir einen Gefallen: Lassen Sie uns über Fußball sprechen.

Fortsetzung der Saison: "1860 hätte trotzdem eine große Chance"

Gerne. Was sagen Sie zum Lauf Ihres Ex-Klubs 1860 mit 14 Spielen ohne Pleite, der nur durch die Corona-Krise jäh gestoppt wurde?
Ich war sehr überrascht, aber es hat mir viel Freude bereitet. Trainer Michael Köllner muss ein guter Mann sein. Ich wette: Ohne Zwangspause wäre 1860 schon auf einem Aufstiegsplatz oder sogar Erster.

Sie dürften auf eine Fortsetzung der Saison mit Geisterspielen hoffen.
Ganz schwieriges Thema: Die DFL hat ein schlüssiges Konzept vorgelegt. Die Frage ist nur, ob die Politik da mitgeht, wenn bei Köln jetzt schon die ersten Spieler infiziert wurden. Alle Fans würden sich wohl gerne vor den Fernseher setzen, ich auch. Aber es gibt auch Leute, denen der Fußball am Arsch vorbeigeht, die sich fragen, warum der Sport einen Sonderstatus einnehmen soll. Ohne Publikum fehlt zudem der zwölfte Mann, keiner hat mehr Spielpraxis. Die Saison würde gefühlt von vorne anfangen, aber 1860 hätte trotzdem eine große Chance.

Boddens Wunsch: TSV 1860 in der Bundesliga 

In vereinspolitischer Hinsicht sind die Löwen in vielerlei Hinsicht gespalten. Was sagen Sie zum Dauer-Clinch zwischen Kluboberen und Investor Hasan Ismaik?
Ich verstehe nicht, dass die Vereinsführung mit Ismaik offensichtlich gar nicht kooperieren will. Man sieht immer wieder: Ohne Investor geht es nicht. Das Grünwalder ist eine Ruine, da hat man auf der Haupttribüne Betonpfeiler im Gesicht. Es sagt für mich genug über die Zustände bei 1860 aus, wenn ein Klubidol wie Daniel Bierofka selbst die Reißleine zieht. Andererseits: Obwohl Ismaik von einem neuen Stadion spricht und das für mich der Traum eines jeden Löwen sein muss, habe ich keine Ahnung, wie man das finanzieren soll. Man könnte mal anfangen, sich zusammenzusetzen.

Zwischen 1994 und 2000 gingen Sie für den TSV 1860 auf Torejagd. Wie oft schwelgen Sie in Erinnerungen?
Ich denke sehr gerne daran zurück. Wir durften die zweitbeste Phase in Sechzigs Historie prägen. Ich bin ja mit 19 Jahren noch bei der SG Hasselt in der Kreisliga herumgedümpelt. Über Rostock kam ich nach dem Aufstieg zu den Löwen, nachdem ich 1860 bei einem 4:0 drei Stück eingeschenkt habe und Werner Lorant auf mich aufmerksam wurde. Die Bundesligajahre waren ein Segen. Damals wurden Kult-Löwen geboren, allen voran Thomas Miller. 1995/96 hatte ich mit 14 Toren meine beste Zeit. Es ist schade, dass ich die Karriere mit 28 im besten Fußballeralter beenden musste.

Was würden Sie gerne noch erleben?
Erstmal bin ich froh, dass ich zwei gesunde erwachsene Kinder habe. Mein Traum, noch was von der Welt zu sehen, ist nicht allzu realistisch. Vielleicht können mir ja die Löwen den Wunsch erfüllen, dass sie es nochmal dahin schaffen, wo wir damals waren.

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