Das Singspiel am Nockherberg Der leidende Durchdrehhofer – und sein Geselle Söder-Skrupellos

In seinem Kopf geht es rund: Horst Seehofer (gespielt von Christoph Zrenner) in einer Rettungsweste, die ihn vor einem nahenden Unwetter schützen soll. Foto: Fotos: AZ/BR

Beim Singspiel kommt der Ministerpräsident nicht gut weg: müde, fahrig, verwirrt. Sein Finanzminister dagegen wird immer stärker.

 

So intim war man noch nie mit Horst Seehofer. Man kann jetzt quasi in ihn reinschauen, dahin, wo das Hirnschmalz liegt: in den Kopf und die Gedankenwelt des Ministerpräsidenten. An diesen Ort, von dem man schon weiß, dass es dort derzeit gewaltig werkeln muss, obwohl man sich dann oftmals wundert, was dabei herauskommt. Und was sieht man jetzt? Streit und Unsicherheit, Hektik, Chaos – und die arge Sehnsucht nach einer guten Idee.

Die Szenerie des Singspiels beim Starkbier-Anstich am Mitwochabend auf dem Nockherberg ist die Privatwelt Horst Seehofers. Der bayerische Ministerpräsident steht im Zentrum des Stückes – und wird trotzdem nicht als Gewinner aus der Aufführung herausgehen. Vielmehr spürt man danach, wie Markus Söder einmal mehr erstarkt ist und was Seehofer alles zusetzt.

Die Flüchtlinge werden im Stück zum Wetter

An erster Stelle sind das die Flüchtlinge, die nach Bayern kommen. Sie sind das bestimmende Thema des Singspiels. Für die Flüchtlinge wählen die Macher des Stücks, der Autor Thomas Lienenlüke und Regisseur Marcus Rosenmüller die Allegorie eines Wetters, womit im Bairischen ein Gewitter gemeint ist. Es naht, wird mehrmals in einem musikalischen Wetterbericht angekündigt (verantwortlich für die Musik: Gerd Baumann) und liefert die Grundstimmung.

Hauptfigur ist Seehofer, gespielt von Christoph Zrenner. Er ist aber gleich mehrfach da, denn das Bühnenbild ist aufgeteilt. Unten ein Hobbykeller mit einer Modelleisenbahn, die durchs nachgebaute Bayernland fährt. Darin: der Mensch Horst Seehofer. Auf einer höheren Ebene: sein Gehirn. Es ist im Sinne des Psychoanalytikers Sigmund Freud geteilt: Auf der einen Seite gibt ein Schauspieler den „Eshofer“, seine Trieb- und Gefühlswelt, auf der anderen Seite sitzt der „Überichhofer“, die Vernunft.

Und in Seehofers Kopf spukt es: Immer wieder kommen Politiker zum Vorschein, drängen sich aus Schubladen heraus ins Bewusstsein Seehofers und quälen ihn. Anton Hofreiter gibt die Moral, Ilse Aigner wehrt sich gegen das Vergessen und Karl-Theodor zu Guttenberg streicht ein Beratungshonorar ein. Auch Pegida ist da, als aufgeregtes Hendl, das „Wir sind das Volk“ gackert. Die Figur Seehofer macht das fertig. Er wäre gerne ein ruhiger Landesvater, doch er wirkt fahrig, erschöpft, unsouverän, mehr ein Getriebener denn einer, der die Geschicke eines Landes lenkt. Die Figur Seehofer sagt: „Mein Bayern verändert sich viermal im Jahr - Sommer, Frühling, Herbst und Winter. Alles andere macht mich nervös.“

Das Wetter kommt immer näher, in seinem Refugium, dem Keller, behelligen ihn Markus Söder, Joachim Herrmann und sogar Sigmar Gabriel, während in seinem Kopf immer mehr Durcheinander herrscht. Am Ende des Stückes steigt Seehofer sich selbst in den Kopf und brüllt seinen Verstand an, dass er endlich eine Lösung wolle. Für was?, fragt sein Über-Ich zurück. Seehofer: „Das ist mir wurscht! Hauptsache: Lösung!“ Dann bricht in seinem Kopf Chaos aus – und aus dem wegen seiner Meinungsflexibilität verspotteten Drehhofer wird der zum Nervenbündel demontierte Durchdrehhofer. Das drastische Ende. Aber ein verfrühtes. Nach einem sinnbildlichen Tanz zweier heller Figuren mit einer dunklen ist das Gewitter verzogen, alle Politiker stehen in einer Reihe und reden durcheinander. Die Moral: Schau her, es ginge so friedlich, es ist alles machbar – wenn ihr euch ned bloß allerweil raufen müsstet.

Eine wahre, wenn auch erwartbare Botschaft. Die Stärke des Stückes liegt in den Charakteren. Noch mehr als in den letzten Jahren haben diese nämlich an Tiefe gewonnen. Es geht nicht mehr nur ums Wadlbeißen.

Der eine müde und angestrengt, der andere listig bis hinterfotzig

Da ist zum einen Seehofer, der Müde, Überanstrengte. Sein vor Stärke strotzender Kontrahent ist Markus Söder, wieder hervorragend gespielt von Stephan Zinner. Er trägt die Kluft eines Gesellen, soll Seehofers Dach sturmfest machen, intrigiert dabei aber nur gegen Joachim Herrmann. Während dieser, verkörpert von Michael Vogtmann, eher dumpf wirkt („Wie viel Wetter verträgt Bayern? Das Wetter muss sich an unsere Leitkultur anpassen!“), tritt Söder listig bis hinterfotzig auf. Auch wenn sein Fischen in der politischen Rechten thematisiert wird – die Figur Söder wirkt stark, souverän und siegesgewiss. Dabei ist ihm alles recht: Söder-Skrupellos. Einstellung, Auftritt, Wirkung: Markus Söder spielt Horst Seehofer an die Wand.

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Auch die anderen Figuren sind Charaktere: Angela Merkel (Antonia von Romatowski) singt im „Chor der Gutmenschen“, wünscht sich offene Herzen und Verstand. Dafür wird sie in die Zwangsjacke gesteckt. Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer) hat einen Syrer daheim, lässt ihn im Stall arbeiten, wo keine Wertsachen rumliegen. Sein Lohn: ein Lächeln. Aber kein warmes Lächeln, denn das könne ja als Aufforderung missverstanden werden, „seit Köln“ müsse man da aufpassen. Sie habe ihm deshalb den Handkuss mit einer Armlänge Abstand beigebracht. Bitter – aber Lacher gibt es dennoch.

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Ebenso bei anderen harten Pointen. Etwa als Dieter Reiter (gutmütig-hoffnungsvoll gespielt von Gerhard Wittmann) im Hobbykeller auftaucht und Seehofer ein Flüchtlingsheim für seine Modelllandschaft schenkt. Darüber gibt es dann allerdings Streit. Man könne es grundsätzlich dort nicht platzieren, sagt Söder. „Warum?“, fragt Reiter, und Herrmann antwortet: „Weil man im Keller keine leichtentflammbaren Gegenstände lagern darf.“

Insgesamt gibt es aber mehr Lacher als Schocker – und am Schluss des Stückes großen Applaus.

Vom Nockherberg berichten: Sophie Anfang, Kimberly Hoppe, Christian Pfaffinger, Michael Schilling, und Daniel von Loeper (Fotos)

 

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