Coronakrise Auf längere Sicht kein normaler Spielbetrieb

Womöglich muss man sich den Schlussapplaus im Theater demnächst so vorstellen wie diese Hochzeit in einem Düsseldorfer Autokino, die der dortige Oberbürgermeister selbst vornahm. Ob bayerische Autokinos allerdings demnächst öffnen dürfen, ist unklar. Foto: Fabian Strauch/dpa

Kunstminister Bernd Sibler dämpft alle Hoffnungen für eine Wiederaufnahme des Theaterbetriebs vor dem Herbst

 

Den Triumphmarsch aus „Aida“ könne er sich derzeit nur schwer vorstellen, sagte Bernd Sibler gestern im Kulturausschuss des Bayerischen Landtags. Die Theater können vorerst nicht auf eine Rückkehr zum normalen Spielbetrieb hoffen. Derzeit werde an eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Herbst gearbeitet, die allerdings „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht vor vollen Häusern erfolgen werde, so Sibler.

Die Staatsregierung arbeite zur Zeit an einem „abgewogenen Konzept“ für eine generelle Lockerung der Beschränkungen für kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen. Genau festlegen wollte sich der Kunstminister dabei nicht.

Sibler zitierte den Nürnberger Generalintendanten Jens-Daniel Herzog mit den Worten „Theater lebt von der Verdichtung“. Von diesem Verständnis müsse derzeit leider Abstand genommen werden. Weder der Körperkontakt auf der Bühne noch Musiker in einem Orchestergraben seien derzeit vorstellbar.

Kein Vollbetrieb

Die Andeutungen Siblers machen eher konzertante Opern und kleinere Formate in anderen Bereichen wahrscheinlich. Einen Vollbetrieb der Theater wie zuvor könne es erst wieder geben, wenn eine Impfung gegen das Coronavirus möglich sei.

Nicht in trockenen Tüchern ist auch das vor zweieinhalb Wochen von Markus Söder angekündigte Hilfspaket, mit dem der Staat drei Monate lang alle Künstler, die in der Künstlersozialkasse organisiert sind, mit 1000 Euro unterstützen will. Sibler erklärte, die Ausarbeitung der Förderrichtlinien und die Entwicklung der Software würden in Kürze abgeschlossen. Grüne, SPD und FDP forderten eine Ausweitung der Maßnahmen auf weitere coronabedingt Arbeitslose in der Kreativwirtschaft, wofür Sibler vorsichtig Verständnis durchblicken ließ, ohne direkt Versprechungen zu machen.

Die Stadtbibliothek macht wieder auf

Im Nachgang zur Öffnung der wissenschaftlichen Bibliotheken durch den Minister sind ab kommenden Montag auch wieder die Stadtbibliothek Am Gasteig sowie die Kinder- und Jugendbibliothek geöffnet. Einen Tag später folgen die Stadtteilbibliotheken Pasing, Neuhausen, Giesing und Hasenbergl. Möglich sind dort die Vorbestellung, die Ausleihe und die Rückgabe von Medien – mit Mundschutz und unter Einhaltung strenger Abstandsregelungen. Im Westend, in Laim, Hadern und Fürstenried ist die Medienrückgabe über die Außenautomaten möglich.

Weitere Schritte zu einem Hochfahren des Kulturlebens würden bei einer Konferenz der Kunstminister am 15. Mai beraten, so Sibler. Die Regelung im Einzelnen liegt aber bei den Ländern. Der Minister kann sich Veranstaltungen unter freiem Himmel vorstellen und erwähnte in diesem Zusammenhang die Konzerte in nordrhein-westfälischen Autokinos. Auf den Widerspruch, dass die in Bayern noch geschlossen sind, ging er ebensowenig ein wie auf die Frage verkürzter Theaterferien und eines früheren Beginns der Saison im Herbst.

Zu der seit Mitte März offenen Frage der Abgrenzung zwischen den bis zum 31. August bundesweit untersagten Großveranstaltungen und bereits davor erlaubten kleineren Veranstaltungen äußerte sich Sibler nicht. Auch das zuständige Ministerium für Gesundheit und Pflege schweigt beharrlich. Allerdings stellt sich die Frage seit gestern nicht mehr wirklich: Die Ministerpräsidenten einigten sich mit der Bundeskanzlerin auf die Verlängerung des Kontaktverbots bis zum 5. Juni, was naturgemäß kulturelle Veranstaltungen mit Publikum ausschließt.

Das Autokino als Rettung

Die Frage der Öffnung der Kinos dürfte sich damit fürs Erste erledigt haben. Auch die anderen privaten Kulturveranstalter werden von der Politik weiter im Unklaren darüber gelassen, was mittelfristig stattfinden kann und wie sie Besucher und Künstler informieren sollen. Überdies scheint es zunehmend fraglich, wie unter Hygieneauflagen mit eingeschränkter Besucherzahl mit kulturellen Veranstaltungen mittelfristig überhaupt Geld verdient werden könnte.

Womöglich schreit der schlecht organisierte Kulturbereich immer noch nicht laut genug. Denn mit Lärm und Lobbyismus lässt sich eine Menge erreichen, wie die Lockerungen bei den Biergärten, die Wiederaufnahme des Spielbetriebs bei der Bundesliga und die ziemlich überflüssige Diskussion über Anschubprämien zum Neuwagenerwerb beweisen.

Offenbar bleibt nur das Autokino als Rettung für alle darstellenden Künste. Dann können die Besucher wenigstens die vom großzügigen Hubert Aiwanger gewährte Abwrackprämie den Künstlern spenden, die bis dahin überlebt haben.
 

 

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