Buchautor über Hoeneß "Hoeneß? Ein Choleriker mit Herz – aber ohne Humor"

Bis Uli Hoeneß bei den Bayern-Profis wieder auf der Tribüne der Allianz Arena sitzt, wird es wohl noch eine Weile dauern. (Archivbild) Foto: dpa

Der Autor des Buches "Die Akte Hoeneß", Thilo Komma-Pöllath, spricht im AZ-Interview über Hoeneß’ Charakter, was ihn prägte und wie er sich gewandelt hat.

 

AZ: Herr Komma-Pöllath, Sie haben monatelang für Ihr Buch „Die Akte Hoeneß“ recherchiert. Nach allem, was Sie erfahren haben, wie würden Sie Uli Hoeneß beschreiben?

THILO KOMMA-PÖLLATH: Hoeneß ist eine sehr komplexe Person. Das Einzige, was er nicht hat, ist Humor. Er ist ein Choleriker, der sehr viel Herz hat. Einer, der, wenn du ihn zum Freund hast, für dich da ist, wenn du in Not bist. Er ist auch ein Clanführer, mit dem Selbstverständnis einer Nummer 1, der es nicht gewohnt ist, dass man ihn und seine Position hinterfragt. Wer seine Vorrangstellung anzweifelt, hat ihn schnell zum Feind. Und das, wenn es dumm läuft, ein Leben lang. Siehe Willi Lemke. Diese charakterlichen Ambivalenzen machen seine Faszination aus.
Ist er Ihnen sympathisch?

KOMMA-PÖLLATH: Auch, klar. Bei ihm sieht man den Menschen, nicht nur seine Rolle. Das unterscheidet ihn von ganz vielen Promis, Politikern oder Topmanagern. Die füllen ihre Rolle aus, aber wie der Mensch dahinter ist, weiß keiner. So ist es auch bei Karl-Heinz Rummenigge. Diese Authentizität macht Hoeneß zum Menschenfänger, macht ihn so einzigartig. Diese emotionale Echtheit hat man vielleicht so seit Franz-Josef Strauß nicht mehr gesehen. Gerade deshalb muss man ihn kritisch hinterfragen dürfen. Ist das wahrhaftig, was er uns öffentlich zeigt?

AZ: Was war für Sie die größte Überraschung bei den Recherchen?

KOMMA-PÖLLATH: Eigentlich, dass die Anlagen schon seit Kindheitstagen da waren. Er stammt aus ganz kleinen Verhältnissen, musste mitansehen, wie der Vater um drei Uhr früh aufgestanden ist und Tiere geschlachtet hat, wie er den ganzen Tag hart gearbeitet hat und am Ende trotzdem die Zehnerl zusammenkratzen musste, um über die Runden zu kommen. Das war für ihn immer Motivation, es da rauszuschaffen. Viele Leute glauben ja, er hat jahrzehntelang alles richtig gemacht, und dann einen Fehler – die Steuerhinterziehung. Aber wenn man sich mit seinem Leben beschäftigt, sieht man, dass all das lange da war. Diese Hybris, dieser Glaube, dass er die Bundesrepublik mit ihren komplexen Strukturen leiten und besser machen könnte, dass er Politikern Ratschläge geben könnte, nur, weil er einen Fußballverein mit elf Mann leiten konnte, das zeugt von seinem Selbstverständnis. Diese Hybris gepaart mit der Tatsache, dass er 30 Jahre lang nur Bestätigung erhalten hat, hat zu dem geführt, was wir jetzt zum Schluss erlebt haben.

AZ: Wie aber kann ein Mann, der weiß, dass er seit Jahren Steuern hinterzieht, gleichzeitig öffentlich über Menschen herziehen, die Steuern betrügen?

KOMMA-PÖLLATH: Ich habe viel mit Psychologen gesprochen. Hoeneß ist ein Selbstberauscher. Er steigert sich in seiner Cholerik in eine Emotionalität, die punktuell seine Ratio überwältigt. Jeder von uns besteht aus vielen Teilpersönlichkeiten, wenn die im Einklang stehen, funktioniert das. Hoeneß war keine gespaltene Persönlichkeit im pathologischen Sinne, aber das Verhältnis der Teile hat nicht mehr gepasst. Hoeneß ist kein Wutbürger, sondern der vielleicht einzige echte Zornbürger. Der vom heiligen Zorn erfasst wird und glaubt, in diesem Zustand recht zu haben, selbst wenn er weiß, dass es anders ist.

AZ:Glauben Sie, dass Hoeneß heute seine Fehler einsieht?

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KOMMA-PÖLLATH: In der Zeit, bis er in die Haft ging, sicher nicht. Man hört jetzt, dass er leiser auftritt, sich vielleicht ein Leben ohne den FC Bayern vorstellen kann. Ich denke, dass die nächsten ein, zwei Jahre sehr spannend werden. Vielleicht entwickelt er sich ja wirklich zu dem Wohltäter und Philantropen, als der er sich selbst immer verstanden und präsentiert hat.

AZ: Trotzdem muss man Ihre Rolle hinterfragen. Was war Ihre Motivation für das Buch? Wieso kommen die ganzen Kronzeugen gegen Hoeneß jetzt, da er am Boden liegt, hervor und nicht, als Hoeneß noch ein mächtiger Mann war?

KOMMA-PÖLLATH: Laut Rummenigge hat er seine Würde wieder, er hat einen Teil seiner Freiheit wieder, hat einen Job, die Fans stehen hinter ihm, ich sehe nicht, dass er am Boden liegt. Wenn man ein Idol kritisiert, ist man immer ein Stück weit Nestbeschmutzer. Der Kritik stelle ich mich, klar.

AZ: Für umsonst tun Sie es nicht.

KOMMA-PÖLLATH: Nein, und natürlich stimmt es, dass es nur erscheint, weil es einen Markt gibt. Mir geht es nicht darum, den Menschen Uli Hoeneß zu vernichten. Sondern darum, die Legendenbildung um diesen barocken Fußballgott zu hinterfragen. Ein Beispiel: Mit seiner Wurstfabrik zeigte er, dass er ein gnadenloser Kapitalist ist. Jetzt wird dort der Mindestlohn gezahlt, aber Ewigkeiten nichts dergleichen. Man kann nicht Lewandowski Millionen zahlen, aber der polnischen Wurstarbeiterin nicht genug, dass sie gescheit davon leben kann. Ich will den ganzen Hoeneß zeigen, nicht nur die strahlende Oberfläche, denn seine charakterlichen Untiefen sind gewaltig.

 

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