Bayern-Kapitän im AZ-Interview Lahm: "Ich will mein Glück weitergeben"

Das Highlight der Woche im „Philipp Lahm Sommercamp“: Der persönliche Besuch des Kapitäns des FC Bayern. Foto: Acktun/Philipp Lahm Stiftung

Philipp Lahm spricht im AZ-Interview über sein Sommercamp, Sohn Julian, Bayerns Identität, den Abschied von Schweinsteiger, seine Rolle im Team und die Spiele in Rio 2016.

 

München - Die Kinder waren gerade viel zu sehr beschäftigt, um den Weltmeister zu bemerken. Die Neun- bis Zwölfjährigen saßen im Kreis zusammen und sammelten Eigenschaften, die einen guten Freund auszeichnen. Zuhören können, vertrauenswürdig, ein guter Spielgefährte sein...

Dass Philipp Lahm bereits hinter ihnen stand und lauschte, wurde erst klar, als sich ein kleiner Junge umdrehte und feststellte: „Da ist ja Philipp Lahm.“ Genau der Lahm, der das „FTI-Philipp Lahm Sommercamp“ ins Leben gerufen hatte und ihnen im Laufe der Woche über kleine Videoeinspieler begegnet war.

„Servus, darf ich mich setzen?“, sagte der leibhaftige Lahm. Er durfte. Und dann gingen die Fragen los: Von verschossenen Elfmetern bis zum WM-Triumph, oder was man tut, wenn man während des Spiels mal aufs Klo muss – die Kids wollten wirklich alles von dem Bayern-Kapitän wissen, der antwortete geduldig. Lahms Ankunft war der Höhepunkt einer aufregenden Woche im Sommercamp. Die AZ begleitete Lahm bei seinem Überraschungsbesuch und sprach exklusiv mit ihm.

AZ: Herr Lahm, seit 2009 veranstalten Sie das Sommercamp, das kein Fußballcamp ist – warum?

PHILIPP LAHM: Weil nicht jedes Kind gerne Fußball spielt. Es ist in drei Bereiche aufgeteilt: in Bewegung, Ernährung und Persönlichkeitsentwicklung. Das sind drei wichtige Themen, bei denen ich überzeugt bin, dass alle Kinder davon profitieren, wenn sie sich damit beschäftigen.

Wie wichtig ist es Ihnen, soziale Verantwortung zu übernehmen?

Sehr wichtig. Durch meinen Besuch 2007 in Südafrika habe ich viel gesehen. Ich war Pate des SOS-Kinderdorfes und habe auch Townships besucht. Dort ist es noch mal sichtbarer, wie nahe Reichtum und Armut beieinander sein können. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich meine Stiftung gegründet.

Die nun das Sommercamp veranstaltet.

Man vergisst manchmal, dass es auch hier in Deutschland Kinder gibt, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Ich möchte über Projekte wie das Sommercamp einen Teil des Glücks, das ich mit meiner Familie und dem Beruf, den ich ausführen darf, hatte, an diese Kinder weitergeben. Das ist mir einfach ein Bedürfnis.

Der FC Bayern steht für „Mia san Mia“. Ist dieses Leitmotiv auch hier anwendbar?

Klar. Alles, was ich so erlebt habe, steckt ein bisschen in diesem Sommercamp, auch das „Mia san Mia“. Hier geht es auch darum, eigenständig zu handeln und Selbstbewusstsein zu entwickeln, das auch nachhaltig sein soll. Die Kinder müssen hier in der Gruppe funktionieren, zusammenfinden und zusammenarbeiten.

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Gibt es eine bessere Motivation, als in all diese strahlenden Kinderaugen zu schauen?

Nein, deshalb mache ich das auch. Ich habe bisher nur wenige Sommercamps und nur aus nachvollziehbaren Gründen nicht besuchen können, zum Beispiel, als unser Sohn geboren wurde oder ich gerade von der WM zurückgekommen bin. Ansonsten war ich immer hier. Es macht einfach Spaß, hierher zu kommen und den Kindern mit dem Besuch noch mal eine Freude zu machen – und dieses Lächeln zu sehen.

Ihr Sohn Julian wird demnächst drei Jahre alt, spielen Sie mit ihm auch schon ein bisschen Fußball?

Ab und zu kommt das schon vor. Er weiß, was man mit dem Ball machen kann: werfen und schießen (lacht). Die Kinder hier dürfen übrigens natürlich auch Fußball spielen. Es ist nur eben kein Themenschwerpunkt. Das Wichtigste ist, viel auszuprobieren und herauszufinden, was einem überhaupt Spaß macht.

Zurück zu Ihrem Sohn. Wird er Außenverteidiger oder zentraler Mittelfeldspieler?

(lacht) Keine Ahnung. Wir werden sehen, ob er überhaupt Spaß am Fußball hat. Im Moment gefällt es ihm, ein bisschen an den Ball zu treten. Wegen mir muss er aber kein Fußballer werden.

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Gibt es Gemeinsamkeiten oder große Unterschiede zwischen dem Papa Lahm und dem Kapitän Lahm?

Puh, das ist schwer zu beurteilen. Ich bin immer ich, ob ich jetzt der Kapitän bin oder zu Hause der Familienvater. Klar sind die Rollen ein bisschen unterschiedlich. Das eine ist eben der Beruf, das andere die Familie. In beiden Bereichen lege ich Wert auf Kommunikation.

Wie wichtig ist ihnen das Thema Familie bei ihren Karriereentscheidungen?

Das spielt eine Rolle, klar. Bei meinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft war einer von mehreren Gründen, dass ich eine Familie zu Hause habe. Es ist ein Unterschied, ob man im September, Oktober und November Doppelländerspiele hat, oder dann einfach zu Hause ist. Bei einem Turnier ist man fünf Wochen weg von seiner Familie. Ich habe die Nationalmannschaft immer als etwas Besonderes und Schönes empfunden, irgendwann ist die Zeit aber einfach zu Ende.

Mit Bastian Schweinsteiger hat eine Identifikationsfigur den FC Bayern verlassen. Haben sich die neuen Hierarchien schon ein wenig gefunden?

Wenn so ein Spieler und eine Persönlichkeit wie Basti weggeht, ist das natürlich schade. Ich habe eng mit ihm zusammengearbeitet. Aber wir waren nicht nur zu zweit. Manu, Thomas, David, Jérome (Neuer, Müller, Alaba, Boateng; d. Red.) sind auch schon lange da. Ich sehe da überhaupt kein Problem, weil wir genügend Typen haben, die gerne Verantwortung übernehmen wollen.

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Ist die bayerische Identität noch gewährleistet? Mit Ihnen und Thomas Müller sind noch zwei echte Bayern, mit Badstuber noch ein halber Münchner im Team.

Die ist auf jeden Fall da, weil der Verein eben Spieler aus seiner Jugend hat. Man kann genauso David Alaba dazu zählen, obwohl er Österreicher ist. Er ist schon lange hier und prägt die Identität des Vereins auch mit. Klar ist auch, dass in Zukunft wieder mehr Spieler aus der eigenen Jugend nachkommen müssen.

Auch Münchner?

Am besten Münchner. Aber das ist nicht so einfach. Wir sprechen hier von Spielern, die auf dem absolut höchsten Niveau, auf dem es um Titel wie die Champions League geht, bestehen müssen. Der Anspruch ist hoch und es ist nicht möglich, eine komplette Mannschaft nur aus Münchner Spielern zu haben, die ganz oben mitspielen kann.

Pep Guardiola hat angekündigt, Sie wieder mehr rechts hinten einsetzen zu wollen. Hätten Sie nicht gerne weiterhin in der Mitte mehr Einfluss auf das Spiel?

Ich habe in den letzten Jahren immer Einfluss auf die Mannschaft gehabt, egal ob als Rechtsverteidiger oder im Mittelfeld. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich lieber im Mittelfeld spiele, aber ich habe in den vergangenen Jahren auch unter Pep Guardiola schon rechts hinten gespielt. Deswegen ist die Situation nicht neu für mich.

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Die Absprache ist so, dass Sie nach hinten rücken, oder?

Es gibt keine Absprache. Ich werde dort spielen, wo ich für die Mannschaft am wertvollsten bin und genau dort wird mich der Trainer aufstellen.

Die Kinder hier im „Philipp Lahm Sommercamp“ reisen an den verschiedenen Stationen symbolisch um die Welt. Im nächsten Jahr gibt es auch für Sie ein möglicherweise interessantes Reiseziel: In Rio findet 2016 Olympia statt.

Ich habe in der Nationalmannschaft aufgehört. Wer mich kennt, weiß, dass die Entscheidungen, die ich treffe, wohlüberlegt sind und es für mich dann kein Zurück gibt. Außerdem gehöre ich nicht zu der Generation, für die dieses Turnier eigentlich bestimmt ist. Irgendjemand hat meinen Namen genannt, auch wieder medial gesteuert. Ich habe mich dazu selber nie geäußert. Aber für mich ist das kein Thema.

 

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