AZ-Serie Zukunft Stadt New York als Vorbild: Gratis-Trinkwasser aus Brunnen bald in München?

New York ist von Wasser umgeben – und Trinkbrunnen mit kostenlosem Wasser gibt es auch an vielen Ecken. Foto: Fritz Schumann/dpa

Leitungswasser, das man kostenlos an Brunnen zapfen oder im Lokal auf den Tisch bekommt – anderswo weit verbreitet, bald auch bei uns in München?

 

München - Die jungen Leute oder die mit kleinen Kindern haben meist eine dabei: eine gute, alte Trinkflasche, von der es mittlerweile recht schicke Modelle gibt. Auch Touristen, man kennt es aus eigener Erfahrung, haben beim Sightseeing mal Durst. Wer einmal auf Städtereise in New York City, London oder Rom war, hat bei der Gelegenheit festgestellt: Man muss deshalb keineswegs irgendwo einkehren.

Stattdessen braucht man sich nur einmal eine Flasche zu kaufen, und kann die immer wieder auffüllen – und das ganz umsonst. Egal, ob im Central Park oder am Borough Market – überall gibt es "water fountains", kleine Brunnen aus denen Passanten trinken oder ihre Flaschen füllen.

97 Prozen der Münchner wollen Trinkwasserbrunnen

Die Gratis-Erfrischung zwischendurch gibt es auch in München, aber noch in ganz kleinem Rahmen. Im kommenden Sommer allerdings wird das Projekt Trinkwasserbrunnen bei uns angepackt. In einer Erhebung sprachen sich immerhin 97 Prozent der Befragten für solche aus.

Elf neue Trinkbrunnen hat der Stadtrat im Oktober beschlossen. Dem ging ein zwei Jahre währender Pilotversuch voraus, mit einem Modellbrunnen am Rindermarkt. Enorme Mühe hatte man sich mit dem Projekt gegeben. Mehrmals pro Woche wurde etwa das Wasser untersucht, um Probleme und Bedenken mit der Hygiene auszuschließen. Das Brunnenmodell wurde dann überarbeitet. Diese neuen Fließwasser-Brunnen stehen bereits in der Innenstadt. Sie sind als Trinkwasserbrunnen ausgezeichnet und werden regelmäßig gewartet: der Merkurbrunnen im Tal, der Kräutlmarktbrunnen am Alten Rathaus oder die acht Brunnen auf dem Viktualienmarkt.

Stadtrat wünscht sich Gratis-Trinkwasser am Stachus

Für den Stachus wünschen sich die Stadträte auch einen Trinkwasserbrunnen. Wird ein solcher neu installiert, will man das Druckknopf-Modell vom Rindermarkt übernehmen. Die insgesamt zwölf Trinkbrunnen der Stadt, von denen neun ganzjährig laufen, kosten im Jahr etwa zusätzlich 106.000 Euro. 20.000 bis 30.000 Euro kostet die Beschaffung und Montage eines neuen Brunnens, der Betrieb etwa 9.600 Euro im Jahr. 55 weitere Brunnen in der Stadt wären theoretisch möglich. Sie sollen stufenweise folgen, wenn der jeweilige Standort als sinnvoll erachtet wird.

Wie schön wären Brunnen in den vielen Parks – Vorbild New York – an der Isar, an der Uni oder in großen Bahnstationen. Gibt es in Vierteln den Wunsch danach, können die Bezirksausschüsse entsprechende Anträge stellen.

Kein Trinkwasser im Englischen Garten

Im Englischen Garten allerdings wird es wohl keine Trinkbrunnen nach Central-Park-Vorbild geben. Die Schlösser- und Seenverwaltung winkt ab: Der Englische Garten sei ein "herausragendes Gartendenkmal". Jeder zusätzliche Eingriff müsse im Hinblick auf dessen Erhalt kritisch geprüft werden. "Das denkmalpflegerische Ziel besteht darin, das von Friedrich Ludwig von Sckell und Rumford geprägte Erscheinungsbild für künftige Generationen möglichst authentisch zu erhalten", so Sprecherin Franziska Wimberger. Da in deren Konzept keine Trinkbrunnen überliefert sind, würden diese in der gegenwärtigen Gestaltung nicht berücksichtigt. Für die Verpflegung der Besucher stünden im Englischen Garten derzeit vier Gaststätten und vier Kioskbetriebe zur Verfügung.

Lokale in München: Selten Gratis-Leitungswasser

Dort gibt es, wie die Münchner wissen, selten kostenloses Wasser. Da machen es andere Städte anders. Geht man etwa in New York in ein Lokal, egal ob klassisches Diner oder schickes Restaurant, egal ob zum Frühstück oder Abendessen, steht ungefragt mindestens ein großes Glas, meist aber eine Karaffe Leitungswasser auf dem Tisch. In München hingegen traut man sich selten, nach einem Glas Wasser zu fragen. Hier sperren sich die Gastronomen, fürchten Einbußen beim Umsatz. Oft gibt’s daher nur Mineralwasser, das dann gerne mal teurer als Alkoholisches ist. Dabei ist das Münchner Leitungswasser so gut. Was Stadtvertreter und der Gastronomieverband dazu sagen, lesen Sie in den Kästen links und rechts.

Evelyne Menges (CSU): "Die Sommer werden heißer"

"Der Brunnen am Rindermarkt wurde gut angenommen, die Leute haben Durst, die Sommer werden immer heißer. Die Stadt kann diese Brunnen natürlich nur auf ihren Flächen anbieten. Wir sind in der Erprobungsphase und beurteilen die Orte nach Notwendigkeit. Wir wollen erst einmal in der Stadtmitte verdichten. Die Kosten dafür sind verschmerzbar. Gratis-Wasser im Restaurant würde ich außerordentlich begrüßen. München hat ja eines der besten Trinkwasser Europas, das ist ein tolles Angebot. Man sollte aber vermeiden, dass dann Gedeckkosten auf uns zukommen. Das machen die Amerikaner wunderbar, da steht immer "iced water" auf dem Tisch. Die Wirte dort wollen ja auch Umsatz machen, also ist es machbar. Oder die Wiener Kaffeehaustradition, da bekommt man automatisch ein Glas Wasser dazu."

Martin Glöckner, Green City: "Gut für Umwelt und Gesundheit"

"Kostenloses Trinkwasser im öffentlichen Raum hat mehrere positive Effekte – für Umwelt und Gesundheit. So wird damit sicher öfter auf Plastikflaschen und Einwegverpackungen verzichtet und die Leute würden weniger zuckerhaltige Getränke kaufen und bei Hitze kann man schon von Prävention sprechen. Die neuen Brunnen sind für München schon angebracht, in Berlin gibt es 50, in Wien und Rom sind sie auch üblich. Sie machen natürlich an hochfrequentierten Plätzen wie in der Innenstadt Sinn, aber auch in Parks, oder der Nähe von Schulen oder auf Schulgeländen sollte es welche geben. Gratis-Wasser im Lokal würde ich als Verbraucher natürlich begrüßen. Ich weiß aber auch, dass ein nicht unbedeutender Teil des Umsatzes über die Getränke kommt, deshalb würde ich das tatsächlich der Freiheit des einzelnen Wirtes überlassen."

Frank-Ulrich John, Dehoga Bayern: "Völlig andere Voraussetzungen"

"In Italien beispielsweise wird vom Gast ein ,Coperto’ verlangt, das zum Beispiel eine Familie ganz schön teuer kommen kann. Da tue ich mich leichter, dem Gast Leitungswasser hinzustellen. In Deutschland sind die Grundvoraussetzungen völlig unterschiedlich. Bezahlt wird nicht der Inhalt der Karaffe, sondern die Dienstleistung von Kellner, Schankkellner, Spüler. Und die ist immer die gleiche, egal welches Getränk. Und wir wollen ja, dass die Leute gescheit bezahlt werden. In Deutschland ist es den Wirten freigestellt, wie sie es machen. In New York funktioniert die Bezahlung der Kellner ja ganz anders, da ist das deutsche System schon das viel sozialere."

Constanze Söllner-Schaar (SPD): "Das Angebot wird wachsen"

"Ich bin ja auch Ärztin, der Beschluss für die Brunnen im vergangenen Jahr war mir ein Herzensanliegen. Wasser trinken ist einfach ideal. Wenn in Schulen ausreichend Trinkwasser angeboten wird, wirkt das präventiv für Gewichtszunahme bei Kindern. Das haben Studien gezeigt. Ich bin sehr glücklich, dass diese elf weiteren Brunnen angenommen wurden. Das Thema geht nun in die Bezirksausschüsse, das Angebot wird wachsen. Ich bin ja im BA in Pasing-Obermenzing, da hätten wir gerne den ehemaligen Hochzeitsbrunnen vor dem Rathaus als Trinkbrunnen. Da ist ein schöner neuer Spielplatz, da sind viele Eltern mit Kindern, der wäre also sehr gut geeignet. Ich finde dieses Angebot im öffentlichen Raum wichtiger als Gratis-Wasser im Lokal. Wenn ich zum Cappuccino noch ein Glas Wasser möchte, hatte ich in München noch nie Probleme. Als Stadträtin würde ich sagen, es ist nicht Aufgabe der Politik, das aufzutragen. Persönlich finde ich so ein Angebot aber schon schön. Man kennt das ja auch aus Frankreich."

Herbert Danner (Grüne): "Noch jede Menge Standorte"

"Es hat gedauert, aber wir haben jetzt eine breite Mehrheit für die Trinkwasserbrunnen und es gibt noch jede Menge geeignete Standorte. Im Westpark bieten sich viele an, auch im Ostpark oder Riemer Park. Der Riemer BA hat gerade einen Trinkwasserbrunnen für den Willy-Brandt-Platz beantragt. Mir ist da gar nicht bange, dass das groß ausgeweitet wird. Gratis-Leitungswasser im Lokal würde ich begrüßen, ich mache das immer so, dass ich mir zum Wein oder Kaffee ein Glas bestelle. In der Regel wird es auch bei uns ohne Murren gewährt, aber man muss halt fragen. In Österreich ist das gang und gäbe und es wäre auch bei uns eine tolle Geschichte. Ein Service, der bei den Gästen sicher sehr gut ankommt. Normalerweise müssten Gastronomen da selber drauf kommen. Wir haben da natürlich überhaupt keinen Zugriff."

Zukunft Stadt - eine Serie der Abendzeitung

Lesen Sie hier Teil eins der Serie: Vorbild Florenz mit einer autofreien Innenstadt - Was Gegner und Befürworter sagen

Lesen Sie hier Teil zwei der Serie: München, eine Stadt für Cykeler?

Lesen Sie hier Teil drei der Serie: Mehr Sicherheit am Gleis - Warum hat München keine Bahnsteigtüren?

Lesen Sie hier Teil vier der Serie: Braucht München einen Party-Bürgermeister?

 

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