AZ-Interview zum Confed Cup Dieter Hoeneß: "Ich traue Deutschland alles zu"

Der frühere DFB- und Bayern-Angreifer Dieter Hoeneß hält große Stücke auf den deutschen Kader beim Confed Cup in Russland. Foto: GES, Rauchensteiner/Augenklick

Dieter Hoeneß zieht vor dem Halbfinale des Confed Cups gegen Mexiko eine erste Bilanz: "Die Mannschaft wächst immer mehr zusammen." Der Ex-Stürmer nimmt Timo Werner in Schutz.

 

Der ehemalige Stürmer (64) spielte für Aalen, Stuttgart und den FC Bayern. 1986 wurde er mit der deutschen Nationalmannschaft Vizeweltmeister.

AZ: Herr Hoeneß, die deutsche Perspektivmannschaft ist ziemlich souverän ins Halbfinale des Confed Cups eingezogen. Hätten Sie Joachim Löws Team eine solche Leistung zugetraut?
DIETER HOENESS: Die zweite Hälfte gegen Kamerun war sehr überzeugend, die deutsche Mannschaft überrascht bislang bei diesem Turnier. Es sind ja gar keine Eckpfeiler aus der Stamm-Mannschaft dabei, mal von Julian Draxler abgesehen. Die komplette Achse fehlt, das ist fast durchweg eine zweite Besetzung. Deshalb: Hut ab vor der bisherigen Leistung!

Im Halbfinale geht es nun gegen Mexiko. Eine lösbare Aufgabe?
Da ist alles möglich für die deutsche Mannschaft. Sie hat jetzt natürlich auch das Selbstbewusstsein. Vor dem Turnier wussten die Spieler selbst nicht, wie es funktionieren wird. Nun wächst die Mannschaft immer mehr zusammen. Deutschland ist alles zuzutrauen, auch der Titel.

Vor Turnierbeginn wurde der Sinn des Confed Cups in Frage gestellt. Für Joachim Löw dürfte sich die Reise nach Russland gelohnt haben. Er hat nun mehr Optionen.
Das Turnier gibt dem Bundestrainer wichtige Aufschlüsse. So wie es die deutsche Mannschaft gemacht hat, ist es sehr vernünftig. Die anderen Teams sind zum großen Teil mit Bestbesetzung angereist. Das halte ich für eine unzumutbare zusätzliche Belastung. Für die Jungen im deutschen Team ist es eine Bewährungsprobe, eine tolle Möglichkeit, sich zu zeigen und zu empfehlen. Es war richtig, die Arrivierten zu schonen.

Und trotzdem steht Deutschland wieder im Halbfinale. Liegt das auch an Löws Qualitäten als Turniertrainer?
Absolut. Löw kann aus einzelnen Spielern eine Mannschaft bauen, dafür gebührt ihm ein großes Kompliment. Man muss aber auch die Bundesliga loben. Es werden einfach gute Spieler ausgebildet in Deutschland. Es gibt ein großes Reservoir, auf das Löw zurückgreifen kann.

"Klassischer Mittelstürmer nicht ausgestorben"

Wie stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung bei der WM 2018?
Wie bei der EM wird Deutschland einer der Favoriten sein. Ob man den Titel holt, ist abhängig von der Tagesform. Von der Besetzung her, der Kaderstärke, ist Deutschland top. Aber es gibt mehrere Nationen, die Chancen haben werden: Frankreich, Italien, Spanien. Deutschland wird Mitfavorit sein, nach den Eindrücken des Confed Cups sowieso. Löw hat die Qual der Wahl, das ist ein gutes Zeichen. Der erhöhte Konkurrenzkampf steigert die Qualität.

Wie sieht es denn bei den Stürmern aus, wer darf mit zur WM?
Es ist die Frage, ob Löw auf den klassischen Stoßstürmer setzt. Dann wird er sich möglicherweise für Mario Gomez entscheiden und gegen Sandro Wagner. Beide werden nicht mitfahren, da glaube ich nicht dran. Der klassische Mittelstürmer ist nicht ausgestorben, er bleibt eine taktische Option, auch für Löw. Stand heute hat Gomez die Nase vorne, ich bin überzeugt, dass Löw das von dem Verlauf der Saison abhängig macht.

Timo Werner hat sich mit zwei Toren gegen Kamerun in den Vordergrund gespielt. Kann er seine Kritiker, die ihn nach seiner Schwalbe noch immer auspfeifen, damit ruhigstellen?
Werner hat mal einen Fehler gemacht, aber irgendwann muss es gut sein. Seine Leistungen sind überzeugend. Gerade, wenn man auf Konter spielt, ist Werner eine fantastische Option für die WM. Er kann den Ball in höchstem Tempo mitnehmen, das hat man gegen Kamerun gesehen. Er ist unheimlich geschickt und schnell mit dem Ball. Er hat das Gefühl für den Raum. Werner wird in der Nationalmannschaft seine Tore machen.

Und Lars Stindl?
Stindl ist ein guter Spieler, weil er mehrere Positionen ausfüllen kann. Das ist toll für einen Trainer. Stindl kann zur Not ganz vorne spielen, hinter einer Spitze oder noch etwas weiter zurückgezogen.

Im Abwehrbereich überzeugt Neu-Bayer Niklas Süle bislang.
Er ist in der kurzen Zeit seiner Karriere schon sehr gereift. Süle bringt ein sehr ausgeprägtes Selbstvertrauen mit, das ist wichtig für Bayern. Aber du musst auch die Lernwilligkeit haben, das bringt Süle alles mit. Ich bin total überzeugt, dass er seinen Weg bei Bayern machen wird. Er wird sich durchsetzen, im Laufe der Zeit Stammspieler werden und Leistungsträger.

Serge Gnabry wechselt ebenfalls zu den Bayern – und könnte gleich wieder ausgeliehen werden. Eine sinnvolle Option?
Man muss schauen, was mit Douglas Costa passiert und ob die Bayern noch einen weiteren Offensivstar holen. Franck Ribéry und Arjen Robben sind weiter gesetzt, dazu hat man noch Kingsley Coman. Wenn Costa bleibt, macht eine Leihe für Gnabry Sinn.

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