AZ-Interview TSV 1860: Löwen-Legende Wettberg - "Die Gefahr ist riesengroß"

„Wenn Sechzig absteigt, fällt die Mannschaft komplett auseinander“, warnt Wettberg, der König von Giesing. Foto: sampics, Rauchensteiner

Vereins-Legende Wettberg macht sich Sorgen um seine Löwen. In der AZ spricht er über die neue Saison, den Konsolidierungskurs, Trainer Bierofka und die "Lebensversicherung" Mölders.

 

München - Der jetzt 77-jährige Karsten Wettberg trainierte die Löwen von 1990 bis ‘92 und gilt als der "König von Giesing".

AZ: Herr Wettberg, eine Woche noch, dann startet der TSV 1860 in die Saison. Verspüren Sie Vorfreude – oder muss einem Angst und Bange werden?
KARSTEN WETTBERG: Im Verein sollte man abwarten und die Ruhe bewahren. Was den sportlichen Erfolg anbelangt, wird man nach 10 Spielen eine vernünftige Aussage machen können. Aber ich will ehrlich sein: Ich mache mir große Sorgen. Die Liga wird immer besser, die Löwen konnten sich kaum verstärken. Der Klassenerhalt wird mit Sicherheit schwieriger als letztes Jahr – und da war es schon bis zum Schluss ganz eng.

Mit Dennis Erdmann konnte man einen einzigen Neuzugang verpflichten. Was halten Sie vom Ex-Magdeburger?
Es ist zu früh, ein Urteil zu fällen. Als Neuzugang wird man bei 1860 traditionell schnell hochgejubelt. Ich sag mal so: Wenn er so gut spielt, wie er Sprüche klopfen kann, hat Sechzig einen Top-Transfer getätigt. Manchmal wäre aber Schweigen besser. Wenn es nicht läuft, wird einem das sofort aufgerechnet. Ich hoffe, dass er die Abwehr stabilisieren kann, aber ein Simon Lorenz wird er nicht.

"Der Ausfall von Nico Karger wiegt schwer"

Zudem freut sich Daniel Bierofka über junge Talente, die er notgedrungen hochziehen musste. Wer hat eine Chance, schnell Fuß zu fassen?
Ich hoffe schon auf den ein oder anderen jungen Spieler und dass sie gerissene Lücken schließen können. Der Ausfall von Nico Karger wiegt schwer, er war einer der wenigen torgefährlichen Spieler. Ein Fabian Greilinger hat Talent, gute körperliche Voraussetzungen und Biss. Da stimme ich mit Bierofka überein. Auch von Leon Klassen halte ich viel, ein Top-Talent! Aber wenn die Fans glauben, dass ein oder mehrere Spieler sofort zu Leistungsträgern werden: Die sind blutjung, jeder einzelne wird Zeit brauchen und Fehler machen. Wenn man den Kader anschaut, hat der ein oder andere diese Zeit nicht. Man darf auch nicht vergessen, dass wichtige Stützen verletzt fehlen.

Wie Spielmacher Quirin Moll.
Genau, er wäre gerade jetzt in einer jungen Mannschaft wichtig. Aber auch hier gibt’s viele Fragezeichen: Wie schnell wird er nach einem Kreuzbandriss fit? Wann hat Stefan Lex die Form, mit der er weiterhelfen kann? Wann kommt Karger zurück? Gerade in der Offensive fehlen Optionen.

"Einem Adriano Grimaldi trauere ich enorm nach"

Bierofka und Gorenzel haben mehrfach auf den Bedarf eines Stoßstürmers hingewiesen. Was ist Sascha Mölders noch zuzutrauen?
Mölders ist Sechzigs Lebensversicherung. Aber er wird auch nicht jünger, sondern im März 35. Wenn ein Leihstürmer kommen würde, könnte man ruhiger schlafen. Der täte 1860 sehr, sehr gut. Einem Adriano Grimaldi trauere ich – zumindest sportlich – enorm nach. Das war ein Super-Stürmer. Selbst Prince Owusu würde weiterhelfen, obwohl er von Champions League gefaselt hat und kaum in die Zweikämpfe gegangen ist. Trotzdem hat er ein paar wichtige Tore geschossen. Wenn ich immer höre, Bierofka müsse kreativ sein: Ich brauche eine gewisse Qualität.

Sie sprechen die Aussagen von Präsident Robert Reisinger an und klingen nicht so, als wären Sie vom Konsolidierungskurs überzeugt.
Natürlich nicht. Ich möchte eins sagen: Respekt an Bierofka, dass er geblieben ist und dieses Risiko eingeht. Die Oberen sagen, dass es kein Geld gibt – am Ende wird Bierofka am Erfolg gemessen. Als Trainer bist du bei einem Abstieg tätowiert. Alle Leute bei Sechzig müssen darüber nachdenken, was es bedeutet, so viel Risiko zu gehen. Das ist eine sportliche Insolvenz, wenn man so will. Es gibt keine Vertragsverlängerungen. Wenn 1860 absteigt, fällt die Mannschaft komplett auseinander. Das darf man gar nicht zu Ende denken. Die Gefahr ist riesengroß. Man kann nur hoffen, dass Sechzig einen guten Start hinlegt und sich von keinem auseinanderdividieren lässt. Der Klassenerhalt mit dieser Truppe, diesem schmalen Kader und unter diesen Voraussetzungen – wäre für mich mehr wert als der Aufstieg vergangene Saison.

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