Trainer-Legende Rohr im AZ-Interview "Tolisso kann der kleine Matthäus werden"

Corentin Tolisso steigt am Montag ins Bayern-Training ein. Gernot Rohr traut ihm vieles zu. Foto: dpa/AZ

Am Montag steigt Bayerns Rekordeinkauf Corentin Tolisso ins Training ein. Frankreich-Experte Gernot Rohr erklärt im AZ-Interview, was er vom 22-Jährigen hält – und was ihm fehlt: "Er ist noch kein Anführer."

 

Gernot Rohr aus Mannheim spielte von 1972 bis 1974 beim FC Bayern. Seine größten Erfolge als Profi feierte er bei Girondins de Bordeaux. Der Trainer (u.a. Bordeaux, Nizza, Nantes) lebt in Frankreich.

AZ: Herr Rohr, an diesem Montag steigt Neuzugang Corentin Tolisso ins Training des FC Bayern ein. Der 22-Jährige kam für 41,5 Millionen Euro von Olympique Lyon. Auf was für einen Spieler dürfen sich die Fans freuen?
GERNOT ROHR: Hier in Frankreich denken wir, dass der Wechsel zu Bayern zu diesem Zeitpunkt überraschend kam, für so viel Geld. Lyon war in einer kleinen Krise in der vergangenen Saison, das hat ihm nicht geholfen. Das Besondere an Tolisso ist seine Vielseitigkeit. Er spielt in der Defensive und in der Offensive sehr wirkungsvoll, ist bedingungslos im Einsatz, kampfstark.

Und torgefährlich: 14 Treffer und sieben Vorlagen gelangen ihm in der vergangenen Saison. Eine gute Quote für einen Mittelfeldspieler.
Carlo Ancelotti wird verschiedene Möglichkeiten haben, ihn einzusetzen. Er kann Sechser oder Achter spielen. Tolisso ist durchaus in der Lage, etwas defensiver zu spielen und Xabi Alonso zu ersetzen.

An welchen Spieler erinnert Sie Tolisso?
Lothar Matthäus!

Das sind große Fußstapfen.
Stimmt. Aber an Matthäus kann er sich ein Beispiel nehmen. Tolisso hat eine gute Aggressivität, eine gute Übersicht, er kann nach vorne und hinten entscheidend sein. Wenn er gut arbeitet, kann er der kleine Lothar Matthäus werden. Ein Anführer ist Tolisso noch nicht, aber einer, der mental in der Lage ist, dem Druck bei Bayern standzuhalten. Er muss sich durchbeißen.

In der vergangenen Saison sah Tolisso nach einer üblen Grätsche gegen St. Etienne die Rote Karte. Muss er noch an seiner Disziplin arbeiten?
Diese Sache war im Derby, wo es immer heiß ist. Dafür hat er sich entschuldigt, das zeugt von seiner menschlichen Größe. Er muss so etwas natürlich in Zukunft vermeiden, das kann er sich in großen Vereinen nicht erlauben. Er muss die Nerven besser in den Griff kriegen.

In der Nationalmannschaft hat er bislang noch keinen Stammplatz. Warum?
Die Konkurrenz auf seinen Positionen ist groß. Ich traue ihm aber eine große Karriere zu, weil er jung und ehrgeizig ist. Er kann Stammspieler werden, bei Bayern und in der Nationalelf.

Wie kamen die Bayern eigentlich auf Tolisso?
Willy Sagnol kennt Tolisso von der französischen U20, die er ja trainiert hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass er Bayern den Tipp gegeben hat, ihn zu holen.

Sie erwähnen Sagnol. Wie bewerten Sie seine Rückkehr zu Bayern?
Das hat mich sehr gefreut. Es ist eine gute Sache, dass die Bayern ihn geholt haben. Erstens haben sie dadurch einen ehemaligen Spieler an den Verein gebunden, der intelligent ist und internationale Erfahrung hat. Zweitens haben sie nun einen Zutritt zum französischen Markt, auf dem gerade sehr viele Talente zu finden sind. Für ihn ist es super, ein Freund von mir stößt zu Bayern.

Was trauen Sie Kingsley Coman in der kommenden Saison zu?
Er muss stabiler werden, in seiner Leistung ausgeglichener, mental stärker. Bisher hat er Hoch- und Tiefphasen bei Bayern. Vom Talent her müsste er viel mehr spielen. Er hatte ein paar Probleme. Wenn er die in den Griff kriegt, wird er bei Bayern eine große Rolle spielen können.

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