AZ-Interview OB-Kandidat der Bayernpartei: Richard Progl findet's zu voll

Weißbier, Weißwurst, königsblauer Tranchtenjanker: Richard Progl (40), der OB-Kandidat und Stadtrat der Bayernpartei, beim AZ-Gespräch im Paulaner Bräuhaus. Foto: Bernd Wackerbauer

Münchner Bayernpartei-Stadtrat Richard Progl will bei der Kommunalwahl als OB-Kandidat antreten. Ein Gespräch über Zuzug, die Integrationskraft des Bairischen – und die Debatten übers Radlfahren.

 

München - Er zuzelt, was sonst. Nicht weil der AZ-Fotograf daneben steht und das ein schön folkloristisches Fotomotiv ergeben würde, passend zum königsblauen Trachtenjanker. Sondern weil sich das für Richard Progl (40) immer schon so gehört hat, dass man beim Weißwurschtessen weder Messer noch Gabel benutzt. Brezn und süßer Senf reichen.

"Des ham bei uns die Großeltern aa scho so gmacht", sagt der Bayernpartei-Stadtrat trocken, beißt beherzt in die Wurst, deren Haut zwischen Daumen und Zeigefinger baumelnd übrigbleibt, und spült mit einem Weißbier herunter. Die Vormittagssonne scheint in den Wirtsgarten des Paulaner Bräuhauses am Kapuzinerplatz. Die Würscht schmecken.

Nur noch sieben Monate bis zur Kommunalwahl in München, Progl hat sich von seiner Partei zum Oberbürgermeisterkandidaten küren lassen, und es wird Zeit, dass München das erfährt. Er möchte reden.

AZ: Herr Progl, Sie schreiben im Stadtrat seit Wochen so fleißig Anträge wie nie.
RICHARD PROGL: Wir sind immer fleißig.

Man hat das früher im Stadtrat anders gesehen.
Ah so?

Schon. Jetzt kümmert sich die Bayernpartei gefühlt um alles: Pflegekräfte, Retter, Kreisverkehre, Sonnensegel, temporäre Stadtstrände ...
Alles gute Themen, die für die Münchner wichtig sind.

Bayernpartei will wieder fünf Stadträte

Vor allem müssen Sie jetzt politisch Wind machen, weil Ihre Fraktion aus sechs Stadträten – von denen fünf ja Überläufer waren – nach der Wahl wieder auf einen Mann zu schrumpfen droht. Oder?
Naja, wir hatten knapp ein Prozent bei der Wahl 2014, das hat für einen Stadtrat gereicht.

Das waren Sie.
Im März müssen wir sechs Prozent holen, damit wir zumindest zu fünft weitermachen können. Das wird sportlich.

Dann raus damit: Womit wollen Sie Stimmen sammeln?
Mit dem Einwohnerwachstum. Ich finde, es reicht, dass jedes Jahr 20.000 zusätzliche Leute nach München ziehen. Es ist jetzt voll genug in der Stadt. Ich will das stoppen.

Wie die ÖDP, die keine Gewerbegebiete mehr ausweisen will, damit keine neuen Jobs entstehen?
Nein, anders. In den Erhebungen sieht man: Wir haben jedes Jahr 120.000 Zuzüge. Aber: Wir haben auch 100.000 Wegzüge. Das sind Leute, die verlassen faktisch die Stadt. Wenn man die wegziehen lässt und gleichzeitig die Zuzüge verhindert, kommt man ins Minus. Dann lässt der Druck auf den Wohnungsmarkt nach, und dann werden auch die Mieten und die Immobilienpreise wieder fallen.

Ein Ziel: Zuzug nach München verhindern

Wie wollen Sie den Zuzug denn verhindern?
Ganz einfach, indem man das Geld, das jetzt in die verschiedenen sozialen Problematiken fließt, im ländlichen Raum investiert, damit die Leute dort einen Arbeitsplatz finden.

Wie stellen Sie sich das vor?
Ich kenne Leute aus dem Bayerischen Wald, die in München bei BMW als Ingenieure Arbeit gefunden haben. In ihrer Heimat gab es keine Arbeit. Als dann das Unternehmen Knaus Tappert im Bayerischen Wald 600, 700 Arbeitsplätze geschaffen hat, sind diese Münchner jubelnd wieder nach Hause gezogen und arbeiten jetzt da.

So etwas kann aber nicht die Stadtpolitik regeln.
Richtig, aber wir können etwas anderes tun in München: Wir hören auf, diese großen Neubaugebiete wie die SEM Nord und Nordost zu entwickeln. Wir stoppen die Planung jetzt. Wenn wir nicht bauen, kann auch keiner mehr zuziehen. Und zwar solange, bis dort zuerst mal U- oder S-Bahnanschlüsse fertig sind.

Sie wollen Zehntausende Wohnungen wieder aus der Planung ausradieren?
Genau. Und stattdessen da nachverdichten, wo schon was ist. Wir könnten 25.000 Wohnungen in der ganzen Stadt bauen, wenn wir nur die Dachgeschosse aufstocken. Das wäre viel klüger, als wie jetzt in Baumkirchen-Mitte 5.000 Wohnungen reinzuklatschen und damit die Bevölkerung zu belasten, die schon dort wohnt. Diese Leute haben ja auch ein Recht, das darf man nicht vergessen.

Wohnen Sie nicht auch da in der Nähe, in Berg am Laim?
In der Nähe vom Michaelibad. In meiner Straße habe ich als Bub in Weizen- und Erdbeerfeldern gewohnt. Da ist auf jedem der 20 Grundstücke ein kleines Einfamilienhäusl gestanden. Meine zwei Töchter haben diese Freiheit heute nicht mehr. In jedem Grundstück steht jetzt ein Trumm mit zwölf bis 16 Wohnungen.

Sie wohnen im Elternhaus?
Nein, aber in einer Doppelhaushälfte Baujahr 1954 gegenüber. Meine zwei Brüder sind auch nur ein paar Meter weg von den Eltern gezogen. Die Familie ist eng beieinander.

Geplant: Gelder im Sozialbereich deckeln

Was meinten Sie eben mit Ihrem Vorschlag, bei den "verschiedenen sozialen Problematiken" Geld einzusparen?
Die Stadt München gibt viel zu viel Geld im ganzen Sozialbereich aus. Da gibt es viele freie Träger, die dasselbe anbieten, und jeder finanziert mit den Fördergeldern noch seinen eigenen Wasserkopf mit.

Wo denn?
Im Bereich Flüchtlinge und LGBTI, nur so als Beispiel. Man könnte da ganz einfach mal drei, vier Jahre deckeln, die müssten dann halt kostenoptimierter arbeiten. Wenn dann mal eine Einrichtung aus der Kurve fliegt, dann ist es halt so. Im Sozialbereich kann man problemlos 300 bis 400 Millionen Euro im Jahr einsparen und das Geld stattdessen in die Infrastruktur stecken. Wie in den U-Bahn- und Straßenbau.

Nur für einen Radlring und überhaupt mehr Radwege wollen Sie kein Geld ausgeben. Warum eigentlich?
Weil diese Radlwegdebatte völlig übertrieben ist, das ärgert mich. Nur fünf Prozent der Kilometer in München werden mit dem Rad gefahren. Dafür streicht die Stadt jetzt Hunderte Parkplätze wie an der Fraunhofer- oder Leopoldstraße und riskiert noch mehr Autostaus. Das steht in keinem Verhältnis.

Sie sind Chef des Kurierdienstes "Minicar" mit 85 Kurierautos, die täglich durch die ganze Stadt kurven. Ist Ihre Sicht auf das Thema da nicht sehr persönlich motiviert?
Ich habe nichts gegen Radler, aber die können auch auf Nebenstrecken fahren. Der Oberbürgermeister hätte zum Radlbegehren alle Bürger entscheiden lassen sollen, anstatt sich von den Grünen treiben zu lassen.

Was fahren Ihre Kurierautos herum? Packerl für Amazon?
Nein, da wollten wir nicht mitspielen, die Bedingungen waren nicht gut. Wir fahren Schriftverkehr, Blutkonserven oder Maschinenersatzteile.

Im Wahlprogramm: Bairisch-Unterricht in Kindergärten

Kommen wir zu Ihrem Lieblingsthema, dem Erhalt der bairischen Sprache. Was kommt denn da in Ihr Wahlprogramm?
Ich will Bairisch-Unterricht an allen Münchner Kindergärten. Weil das ein enormer Integrationsfaktor ist, wenn die Kinder gemeinsam die Sprache unserer Heimat sprechen, egal was ihre Muttersprache ist.

Ist da Deutschunterricht nicht erstmal wichtiger, gerade für die vielen Kinder mit ausländischen Wurzeln?
Sicher ist Deutschunterricht wichtig. Aber schauen Sie mal, ein Kind aus Berlin fühlt sich einem Kind aus Syrien sprachlich überlegen. Wenn wir aber alle in einen Bairisch-Kurs stecken, sind alle auf demselben Level, nämlich auf Null. Wenn alle einen gemeinsamen Nenner haben, ist das identitätsstiftend. Dann muss sich keiner mehr auf die Rübe hauen.

In allen über 1.000 Münchner Kitas wollen Sie das? Was darf das kosten?
Egal. Da bin ich jetzt mal ein bissl ideologisch. Jeden Tag eine Stunde Bairisch, überall.

Wer soll das unterrichten?
Erzieherinnen aus dem bayerischen Raum. Oder man kann Eltern einbinden oder irgendwen. Es gibt zig Leute, die das ehrenamtlich machen würden. Wenn man das wollen würde, wenn die Münchner SPD-Bildungsreferentin das zur Pflicht macht, würde das auch funktionieren. Macht sie aber nicht.

Die Wähler der Bayernpartei

Wo in München leben die Wähler der Bayernpartei?
Eher in den Gartenstadtbereichen wie bei uns in Berg am Laim und Waldtrudering oder in ländlicheren Gegenden wie Feldmoching und Altaubing.

Könnten Ihre Wähler nicht einfach auch CSU wählen?
Nein. Die CSU hat das konservative Spektrum lange verlassen und macht sich schön für die Grünen. Beim Radlverkehr, bei der autofreien Altstadt, auch im Sozialen. Die versuchen jetzt alles so massentauglich zu verkaufen, dass sie gleichzeitig dafür und dagegen sein können.

Ein Koalitionspartner wäre es aber schon?
Da machen wir uns jetzt vor der Wahl keine Gedanken. Klar ist nur, dass es mit den Grünen nicht geht, die sind mir zu ideologisch. Mit der AfD und der Linken geht es auch nicht.


0,9 Prozent – das reicht nicht für fünf Stadträte

Nur noch sieben Monate bis zur Kommunalwahl in München am 15. März 2020. Und die Bayernpartei (BP) hat ein Problem. Bei der letzten Wahl 2014 hat es – mit 0,9 Prozent der Münchner Wählerstimmen – nur ein einziger Bayernpartei-Stadtrat ins Rathaus geschafft, das war Richard Progl. Dann sind während der Amtsperiode fünf Stadträte anderer Parteien zur Bayernpartei übergelaufen: Johann Altmann (von den Freien Wählern), Mario Schmidbauer und Eva Caim (von der CSU), Josef Assal (von SPD) und zuletzt André Wächter (LKR). Die Fraktion hat nun sechs Stadträte, von denen außer Assal alle weitermachen wollen. Dafür bräuchte es sechs Mal mehr Wählerstimmen als 2014. Ihre Stadtratsliste hat die Bayernpartei schon aufgestellt. Platz 1 hat Progl, gefolgt von Altmann, Schmidbauer, Caim und Wächter.

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