AZ-Interview Jochen Behle: "Die Fans werden Nübel nicht verzeihen"

Schalkes Torwart Alexander Nübel. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Langlauf-Legende und königsblau durch und durch: Jochen Behle spricht im AZ-Interview über Biathlon im Stadion, Schalke-Boss Clemens Tönnies und den umstrittenen Wechsel von Alexander Nübel zum FC Bayern.

 

Der Ex-Skilangläufer Jochen Behle (59) und langjährige Bundestrainer wurde vor allem dank des ZDF-Reporters Bruno Moravetz bekannt, der bei den Olympischen Spielen 1980 mehrfach fragte: "Wo ist Behle?". Heute arbeitet der glühende Schalke-Fan als Experte bei Eurosport.

AZ: Herr Behle, beginnen wir mit dem Klassiker: "Wo ist Behle" am heutigen Samstag? In München etwa, um sich dort das Spiel Ihrer Schalker beim FC Bayern anzuschauen?
JOCHEN BEHLE: Leider nicht. Ich würde mir das Spiel sehr gerne live im Stadion anschauen. Aber ich muss an diesem Tag für Eurosport, wo ich als Experte tätig bin, den Langlauf-Weltcup in Oberstdorf kommentieren. Ich werde es aber sicher nebenher im Liveticker verfolgen.

"Gegen Bayern ist es ein außergewöhnliches Spiel"

Zweiter gegen Fünfter, bei nur drei Punkten Abstand. Endlich ist dieses Duell mal wieder ein echtes Spitzenspiel.
Gegen die Bayern ist es immer ein außergewöhnliches Spiel. Aber diesmal mit Vorzeichen, mit denen man als Schalke-Fan nicht unbedingt rechnen konnte. Drei Pünktchen sind ja wirklich nicht viel. Selbst mit einem Unentschieden hätte man die Bayern schon ziemlich geärgert, weil die müssen ja dringend Punkte auf Leipzig aufholen. Und ich glaube, das wird noch schwer genug für sie.

Im Ruhrgebiet steht neben dem Fußball seit einiger Zeit auch der Wintersport im Fokus. Die Biathlonrennen in der Arena auf Schalke haben sich zum Zuschauer-Magnet entwickelt. Haben Sie sich bereits für die neugegründete Ski-Abteilung von S04 angemeldet?
Nein, noch nicht. Aber natürlich war ich bei diesen Biathlon-Rennen in der Arena schon mehrfach zu Gast. Aber es ist ja nicht so, dass es solche Veranstaltungen in München nicht auch schon gegeben hätte. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Skilanglauf-Weltcup im Olympia-Stadion.

Nicht jeder ist von diesem Spektakel begeistert. Tonnenweise Schnee in eine Arena zu karren, empfinden angesichts des Klimawandels viele Menschen als nicht zeitgemäß.
Stimmt, der Schnee muss in die Arena geschafft werden. Aber das sind vielleicht 30 LKWs, und auf deutsch gesagt, machen diese 30 LKWs den Kohl doch auch nicht mehr fett. Das andere ist: Wenn du eine Veranstaltung wie in Ruhpolding oder Oberhof hast, da fahren dann aus dem Ruhrgebiet Tausende Autos hin. Ich denke, das ist fürs Klima noch deutlich schädlicher. Bei jeder Großveranstaltung bewege ich Massen, das macht der Fußball jedes Wochenende. Die 75.000 Zuschauer am Samstag in der Allianz Arena müssen ja auch irgendwie da hinkommen und viele fahren eben mit Bussen oder dem eigenen PKW.

"Die Vereinsführung sollte die Integration unterstützen"

Leidenschaftlich diskutiert wird auf Schalke stets auch über die handelnden Personen. Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies hatte letzten Sommer mit rassistischen Aussagen verbal danebengegriffen und damit weit über den Verein hinaus für Aufregung gesorgt.
Das hat dem FC Schalke 04 mit Sicherheit nicht gutgetan. Wenn eine Person in so einer Position solche Aussagen tätigt, das hinterlässt kein gutes Gefühl. Das war mehr als unglücklich von ihm. Gerade auch, weil der Fußball so eine große integrative Aufgabe hat. Deshalb sollte die Vereinsführung die Integration unterstützen und nicht mit solchen Aussagen dagegen arbeiten.

Ist er nach seinen drei Monaten Auszeit vom Amt als Schalke-Boss für Sie rehabilitiert?
Rehabilitieren für so etwas kannst du dich nicht, nur weil du jetzt mal drei Monate schweigst. Clemens Tönnies hat sehr viel für diesen Verein getan, aber er muss es jetzt selber einschätzen, ob diese Aufgabe noch das Richtige für ihn ist. Allerdings gibt es solche Fragen ja auch bei anderen Vereinen. Ich denke da zum Beispiel an Bayern und Uli Hoeneß. Niemand bestreitet die Verdienste von Uli Hoeneß für den FC Bayern, aber dass er nach seiner Steueraffäre einfach so zurückgekehrt ist – schwierig. Und genauso ist es jetzt bei Tönnies. Vielleicht braucht es manchmal dann doch mehr Konsequenzen.

"Nübel wurde ganz schlecht beraten"

Der bekannteste Schalker Profi ist derzeit einer, der gar nicht spielt: der Rot-gesperrte Torhüter Alexander Nübel. Sein Wechsel zu Bayern spaltet nicht nur die S04-Anhänger. Macht der Schritt für Sie Sinn?
Nein, überhaupt nicht! Manuel Neuer ist der beste Torhüter der Welt – er will immer spielen und wird sich nicht freiwillig zurücknehmen. Aber als junger, guter Torwart, wie Alexander Nübel, muss ich doch Spiele machen. Hier bei Schalke war er die Nummer eins, da wäre er immer im Tor gestanden und dann in fünf, sechs Jahren hätte er immer noch wechseln können.

Hat sich Nübel verwechselt?
Ich finde, der Junge wurde ganz schlecht beraten. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Nübel auf Schalke in dieser Saison kein Spiel mehr machen wird. Sein Nachfolger Markus Schubert macht das gerade sehr ordentlich und insofern gibt es für Trainer David Wagner ja gar keinen Grund, Nübel noch mal aufzustellen. Und dann darf man auch die Fans nicht vergessen, die werden Nübel den Wechsel bestimmt nicht verzeihen.

Er ist ja nicht der erste Schalker, der nach München geht, steckt dahinter ein System?
Die Schalker sind ja mittlerweile so eine kleine Filiale für die Bayern. Wenn jetzt noch Leroy Sané kommt – und den Leon Goretzka haben sie auch geholt. Das spricht natürlich für die Schalker Nachwuchsarbeit. Andererseits kann man es, wenn man auf die finanziellen Möglichkeiten blickt, die die Bayern haben, jungen Spielern wie Goretzka ja auch nicht verdenken, dass sie nach München gehen. Das ist schon extrem, was da an Kohle bezahlt wird.

Der deutsche Langlauf steht aktuell nicht gut da und im nächsten Jahr ist die WM in Oberstdorf. Was ist wahrscheinlicher, eine deutsche Goldmedaille beim Heimspiel oder dass Schalke den Titel holt?
Also, ich sach’ mal: Unwahrscheinlich ist beides. (lacht) Aber die Chance in Oberstdorf ist ein Stückchen größer, denn da geht es um Tagesentscheidungen, dann kann auch das Wetter eine große Rolle spielen. In der Bundesliga mal ein Spiel zu gewinnen, ist das eine, aber nach 34 Spieltagen der Erste zu sein – da wird so schnell niemand an Bayern vorbeikommen.

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