Streitthema Nachverdichtung Illegale Fällung: Verdrängt ein Luxus-Neubau diesen Uralt-Ahorn?

, aktualisiert am 05.09.2019 - 13:44 Uhr
Ingrid Schölderle, Philipp Pamer und Marina Kauf (v.l.n.r.) sorgen sich um den Baum in ihrem Innenhof. Foto: Daniel von Loeper

Schon wieder droht ein Baum einem Neubau weichen zu müssen. Die Anwohner fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

 

München - Ingrid Schölderle liebt den großen alten Ahornbaum in ihrem Hinterhof. Sie schwärmt von den Eichhörnchen, Elstern und Spechten, die sie im Baum direkt vor ihrem Fenster beobachten kann. "Dieser Baum ist ein Biotop", erklärt die Schauspielerin. Doch Schölderle macht sich Sorgen um "ihren Baum".

Denn auf dem Grundstück, auf dem der 100 Jahre alte Ahorn steht, wird gebaut. Hier, in der Ysenburgstraße 18 in Neuhausen wird ein Haus luxussaniert, dahinter soll ein Neubau entstehen. "Ein Einfamilienhaus mit drei Stockwerken und Dachterrasse - mitten in unseren Innenhof - das muss man sich mal vorstellen", ärgert sich Schölderle. "Das Fundament des Hauses wird die Wurzeln des Baums beschädigen", ist sie sich sicher.

Neubau gefährdet 100 Jahre alten Ahorn

Schölderle ist mit ihrer Sorge nicht allein. Auch Marina Kauf, die im Vorderhaus lebt, und Nachbar Philipp Pamer fürchten, dass der Baum in Gefahr ist. "Manchmal wache ich nachts auf, weil ich glaube, eine Säge zu hören", erzählt Pamer. "Dann laufe ich zum Fenster, um mich zu vergewissern, dass der Baum noch steht." Der Baum steht unter Naturschutz, darf also eigentlich nicht gefällt werden. "Das ist der Baufirma doch egal", fürchtet Schölderle. "Wenn die wegen so einem Baum nicht ihr Haus bauen können, dann fällen sie ihn trotzdem und zahlen halt die Geldstrafe. Und unseren Politikern scheint das auch egal."

Baufirma für die AZ nicht zu erreichen

Sie und ihre Nachbarn hätten schon oft gesehen, wie sich Mitarbeiter der Firma den Baum genauer angeschaut hätten. "Einmal war ein Kran da, damit sind zwei Männer in die Baumkrone gefahren", berichten die Nachbarn. "Angeblich wollten sie nur mal nachsehen, ob der Baum noch gesund ist." Die Baufirma, die das Projekt betreut, heißt "Münchner Immobilien Anlagen (MIA)". Der Versuch der AZ, MIA für ein Statement zu erreichen, scheitert: Die angegebenen Telefonnummern führen ins Nichts, und sogar im Büro der Firma in Grünwald öffnet keiner die Tür.

Planungsreferat bestätigt gestellten Bauantrag

All das beunruhigt die Nachbarn. "So etwas zeigt doch, dass das keine seriöse Firma ist", befürchtet Schölderle. Ihre Forderung: Wenn der Baum gefällt wird, sollte MIA die Baugenehmigung entzogen werden. "Nur so bekommt man diese Probleme in den Griff", erklärt sie.

Das Planungsreferat bestätigt, dass ein Bauantrag gestellt wurde. Dieser sei allerdings noch in Bearbeitung. Ob die Genehmigung erteilt werde, sei nicht sicher. Auch die Vorsitzende des Bezirksausschusses (BA) Neuhausen-Nymphenburg, Anna Hanusch (Grüne), betont, dass die Baugenehmigung noch nicht erteilt wurde. "Das wird genau geprüft", erklärt sie.

Allgemein habe sie kein Problem mit der Luxussanierung des Vorderhauses oder dem neuen Einfamilienhaus im Hinterhof. "Der Baum ist ja geschützt, ihm sollte natürlich nichts passieren", erklärt Hanusch. Die Errichtung des Einfamilienhauses sehe sie nicht zwingend als schlecht. "Das schafft Wohnraum, und wir brauchen Wohnraum in München."

Anwohner wollen um alten Ahorn kämpfen

Laurenz Kiefer, der für die CSU im BA sitzt, schätzt die Situation ähnlich ein. Er kritisiert Hanusch dennoch: "Dass Hanusch das so sieht, überrascht mich. Die Grünen tun im BA so, als würden sie sich für den Baum und gegen das Haus einsetzen und sagen öffentlich dann etwas komplett anderes." Kiefer sagt, er verstünde die Anwohner. "Man muss aber auf die Behörden vertrauen. Der Baum darf nicht gefällt werden."

Kritischer sieht das Marianne Kreibich von der Arbeitsgemeinschaft für Neuhausen (AGS). "Das Einfamilienhaus verschattet den gesamten Innenhof und gefährdet auch den einzigen Baum, den es dort noch gibt. So etwas sollte nicht genehmigt werden." Sie sagt, trotzdem deute alles darauf hin, dass das Haus gebaut werden darf. Schölderle und ihre Nachbarn wollen weiterkämpfen. "Wir behalten den Baum genau im Auge und passen auf ihn auf", erklärt sie. "Ich hoffe, dass sich die Stadt endlich mit dem Problem beschäftigt. Bäume sind so wichtig, gerade hier, nahe der Landshuter Allee." Natürlich handle es hier nur um einen Baum. "Aber es geht ums Prinzip. Fälle wie bei uns gibt es überall in München."

Lesen Sie hier den AZ-Kommentar zum Thema: Mehr als bloß ein Baum

Lesen Sie hier: Stadt München - Keine Zunahme illegaler Baumfällungen

Lesen Sie hier: In München verschwinden jedes Jahr 2.000 Bäume

 

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