Abschied vom Alt-OB Hans-Jochen Vogel (†94): Der Vater des modernen München

Hans-Jochen Vogel Foto: imago images / Oliver Bodmer

Hans-Jochen Vogel ist tot. Über das Leben eines Mannes, der die Stadt geprägt hat wie kaum ein anderer – und selbst im hohen Alter ein Kämpfer geblieben ist.

 

München - Hans-Jochen Vogel ist alt geworden. Einerseits. Als die AZ ihn im November 2019 noch einmal in der Seniorenresidenz Augustinum besucht, ist er 93 Jahre. Und das sieht man ihm, der den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen muss, auch an. Andererseits ist Vogel jung geblieben, wach und politisch und engagiert wie eh und je. In jenen Tagen ist noch mal ein Buch erschienen, Vogel kämpft darum, dass die Politik die Bodenpreise begrenzt. Es ist eines seiner Herzensthemen.

Sein Körper macht es ihm schon sehr schwer. "Der Herr Parkinson", so drückt er selbst es aus, "ist mein ständiger Begleiter". Aber Vogel hat sich über Monate akribisch in das Thema hineingearbeitet, Politiker empfangen, Bücher gewälzt. Eine ganze Stunde lang spricht er frei darüber, seinen Pappordner klappt er kein einziges Mal auf. Vogel, einst beim politischen Gegner für seine Klarsichtfolien berühmt-berüchtigt, hat alles im Kopf.

München ist Vogels Herzensstadt

Dass ihn die Spekulation mit den Bodenpreisen so umtreibt, hat, natürlich, mit München zu tun. Mit seiner Herzensstadt, die ihn nie losgelassen hat – und die so sehr ächzt unter dem Wahnsinn am Immobilienmarkt. Vogel selbst, Sohn eines Professors für Tierzucht, ist nicht in München aufgewachsen. Der Beruf seines Vaters hat die Familie nach Göttingen und Gießen verschlagen.

Spricht man Hans-Jochen Vogel darauf an, wie bei einem anderen Besuch im Augustinum vor einigen Jahren, fällt der sonst so höfliche Alt-OB einem sofort ins Wort. "Sechs von acht Urgroßeltern!", ruft er und haut auf den Tisch, "liegen auf Münchner Friedhöfen!". Die Vogels, sie blieben immer Münchner, auch im Exil.

Mit 34 Jahren wird Hans-Jochen Vogel Münchner Oberbürgermeister

Und Hans-Jochen Vogel wurde Münchner Oberbürgermeister, mit gerade mal 34. 1960 ist das. Vogel, Jurist und selbst ein junger Mann, hat mit der zunehmend aufmüpfigen Jugend zu kämpfen. Bei den Schwabinger Krawallen 1962 macht er sich selbst vor Ort ein Bild.

Später wird in der Stadt eine Szene verbreitet. Ein junger Mann soll festgenommen worden sein und Vogel um Hilfe gebeten haben. Die angebliche Antwort des OBs: "Auf Früchtchen wie dich haben wir in der Stadt München gerade noch gewartet, die eigens herkommen, um Krawall zu machen. Abführen!" Vogel wird wegen Beleidigung angezeigt, das Verfahren später eingestellt. Vielleicht war alles ganz anders, aber alleine, dass ihm die Wortwahl in jenen Jahren zugetraut wird, sagt etwas über das Verhältnis zu den jungen Münchner Linken. Das übrigens gilt auch innerhalb der SPD. Den OB nerven die verkopften Debatten. Er will Realpolitik machen.

Das gemütliche München wird zu einer modernen Großstadt

Und das tut er durchaus erfolgreich. Manches scheint aus heutiger Sicht abenteuerlich, wie der langfristige Entwicklungsplan aus dem Jahr 1963, der ein Schnellstraßenkreuz mitten in der Stadt vorsieht (das nie umgesetzt wird). Aber Vogel holt auch in Rekordzeit von wenigen Monaten die Olympischen Spiele 1972 nach München. Wie sehr die Stadt in seiner Amtszeit gewachsen ist, das betont er auch im hohen Alter gerne. 300.000 Menschen, davon 80.000 Ausländer, kommen in seinen zwölf Amtsjahren neu in die Stadt – viel mehr als in den Jahrzehnten danach insgesamt. Vogels Infrastruktur hält stand. Er lässt Straßen bauen, die U-Bahn – und 175.000 Wohnungen, sehr viele davon in neuen Wohnblöcken am Hasenbergl und in Neuperlach. Das gemütliche München wird zu einer modernen Großstadt.

An seinem letzten, dem 4.444. Amtstag, eröffnet Vogel die Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz. Seine Münchner verabschieden ihren großen OB. 30.000 Menschen kommen. Vogel zieht es nach Bonn, um seiner SPD – und seinem Freund, Kanzler Helmut Schmidt, zu helfen. Er wird Bauminister, später Justizminister in Zeiten des RAF-Terrors. Schmidt betont später, welch große Unterstützung Vogel in jenen Jahren gewesen sei.

Hans-Jochen Vogel diskutiert bis zuletzt mit

Vogel bleibt ein prägender Mann der SPD – noch viele Jahre als aktiver Politiker und bis ins hohe Alter als Ratgeber. Er wird 1981 vorübergehend Regierender Bürgermeister von West-Berlin, tritt 1983 als Kanzlerkandidat (erfolglos) gegen Helmut Kohl an, ist bei der Deutschen Einheit SPD-Bundesvorsitzender, viele Jahre Fraktionschef im Bundestag.

Was für eine Karriere! Und als sie Anfang der 90er Jahre zuende geht, verschwindet Vogel noch lange nicht. In der Bundespolitik, aber auch daheim in München, beteiligt er sich bis zuletzt an den Diskussionen, wirbt etwa auch für den Tunnel durch den Englischen Garten.

Vor allem aber arbeitet er im Hintergrund, seine Briefe sind unter Politikern legendär. Gerhard Schröder etwa sagt bei einem Besuch zu Vogels 90. im Jahr 2016 im Alten Rathaussaal, wenn er nicht weiter gewusst habe als Kanzler, habe er Vogel angerufen. Sigmar Gabriel, damals Vize-Kanzler, berichtet von regelmäßigen Briefen. Und die Oberbürgermeister Christian Ude und Dieter Reiter sind sowieso stets im Austausch.

"Keine Mail, kein Handy"

Und das, obwohl man sich auf den Rhythmus und Stil des Hans-Jochen Vogel in diesen hektischen Zeiten erst einstellen muss. "Ich lebe in einer analogen Welt", so sagt er es selbst noch im November. "Keine Mail, kein Handy." Man faxt also, schreibt einen Brief – und Vogel schreibt zurück oder ruft an und lädt den Besucher zu einem ernsthaften Gespräch ein.

Wie groß der Respekt, wie warmherzig die Dankbarkeit in der Münchner SPD für ihn ist, das kann man über all die Jahre erleben, wann immer Vogel doch noch auftaucht.

Zur Größe dieses Hans-Jochen Vogels gehört wohl auch, dass ihm die Verklärung der großen Alten der SPD ein bisserl zuwider ist. Ob Typen wie er und Helmut Schmidt der Politik inzwischen fehlen? "Ich weigere mich, zu sagen, dass die, die heute politische Verantwortung tragen, der alten Generation nicht das Wasser reichen können", sagt er 2016. "Sie machen Fehler, weil Menschen eben Fehler machen. Das war zu unserer Zeit nicht anders." Gegenüber den heutigen Politikern zeigt Vogel sogar ein bisserl Mitleid. Es mache ihm Sorgen, dass kleine Gruppen heute Maßnahmen verzögern, die Hunderttausenden helfen könnten", sagt er. "Sowas war in den 60ern nicht üblich."

Beim Festakt zu seinem 90. Geburtstag 2016 ist Vogel im Alten Rathaussaal am Ende noch auf den Herrgott zu sprechen gekommen. "Der Gedanke, dass sich der Mensch irgendwann noch vor ihm verantworten muss, hat für mich eine Rolle gespielt", hat er gesagt.

Öffentliche Auftritte werden die Ausnahme

Öffentliche Auftritte waren für Vogel in den vergangenen zwei, drei Jahren gesundheitlich nicht mehr möglich gewesen. Ganz selten macht er eine Ausnahme, dann, wenn es ihm wirklich wichtig ist. Zum Beispiel, an die Reichspogromnacht zu erinnern (2018) oder sein Buch vorzustellen (2019).

Beim Besuch der AZ im November kommt noch die Frage auf, wie es weitergeht, was das nächste Projekt wird. Da hat Hans-Jochen Vogel schon eine Stunde engagiert wie eh und je referiert. Jetzt wird er leise, beinahe sanft. "Das war es", sagt Vogel. "Mehr geht nicht mehr."

Wie seine Frau Liselotte Vogel mitteilt, ist Hans-Jochen Vogel am Sonntag 94-jährig gestorben.

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