13,4 Millionen Übernachtungen Warum München bei Touristen so beliebt ist

Die Stadt hat eine immense Strahlkraft, sie lockt immer mehr Menschen an – ob zum Urlaub machen oder zum Für-immer-bleiben. Foto: dpa

München ist eine Reise wert – und auch für die Einheimischen ein Genuss, erst recht in den Ferien. Wir haben uns unter auswärtigen Gästen umgehört, was sie an unserer Stadt so anziehend finden.

Der Fischbrunnen am Marienplatz. Es ist früher Nachmittag. Es weht und nieselt. Alexandra Maffeis rote Locken wollen in alle Richtungen gleichzeitig wegfliegen. Ein schöner Tag zum Sightseeing ist es vielleicht nicht – aber gleich wird Maffei acht internationale Gäste durch die Stadt führen. Das ist ihr Job. Sie weiß: „Es kommt irgendwas mit Osteuropa.“

Irgendetwas muss diese Stadt an sich haben, dass so viele Touristen hierher strömen. In Zahlen: 13,4 Millionen Übernachtungen allein im letzten Jahr. Das sind so viele Gäste wie noch nie und mehr als eine halbe Million mehr als 2013. Im europäischen Vergleich ist das Platz 10 – hinter London, Paris, Istanbul oder Barcelona, und weltweit Platz 57. Das ist allererste Liga. Doch wer kommt uns da besuchen? Und vor allem warum?

Eine davon ist die Griechin Iliana. Sie zieht an ihrer extra-dünnen Zigarette und versucht, mit ihrer Führerin Maffei Schritt zu halten. Die überquert gerade die Straße zum Alten Peter, bleibt in der Mitte stehen und ruft in die Gruppe: „Cyclists! Cyclists!“. Offenbar werden an dieser Stelle viele unschuldige Gäste von Radlern angefahren.

Iliana mag München. „Es ist authentisch“, sagt sie. „Nicht so wie in Griechenland, wo man erst aufs Land fahren muss, um echte Griechen zu treffen.“ Die Kultur, sagt sie, sei hier stark genug, um dem Touristen-Ansturm standzuhalten. Klar, die Architektur sei sehr schön, aber die gibt es ja auch in anderen europäischen Städten.

Den Zahlen lässt sich entnehmen: München ist der Hit in den arabischen Golfstaaten. Allein 613 000 der Übernachtungen kommen hierher. Ungeschlagen sind aber nach wie vor die US-Touristen: 750 000 Mal haben sie im letzten Jahr in München geschlafen. Dann kommt lange nichts und irgendwann die Italiener und schließlich Gäste aus dem Vereinten Königreich.

Die Bedienungen? „Hatten vielleicht nur einen schlechten Tag“

Und sonderlich lange verweilt man auch nicht in München. Der Durchschnitts-Tourist bleibt gerade einmal zwei Nächte, am kürzesten übrigens die Südafrikaner mit 1,8 Nächten und mit Abstand am längsten die Inder mit 3,8 Nächten im Durchschnitt. Die Gruppe, welche die Fremdenführerin Maffei gerade durch die Innenstadt lotst, bleibt drei Tage. Die acht Damen sind Mitarbeiter eines großen Software-Herstellers, verbinden hier Geschäft und Sightseeing. Rein, raus, Foto: Jeder Bordstein wird abgelichtet. Betti, eine stark geschminkte Ungarin, sinniert über die bayerische Gastfreundschaft, während die Gruppe im Hintergrund lernt, dass der Alte Peter 306 Stufen hat. Naja, erzählt Betti, die Restaurant-Bedienungen seien nicht unbedingt die freundlichsten: „Aber vielleicht hatten die einfach nur einen schlechten Tag.“

Im Vergleich zu anderen Großstädten würden hier aber wenig Menschen Englisch sprechen. Das mache ihr das Leben in den letzten Tagen ein wenig schwer. Keine zwei Minuten später wird ihre Stadtführerin Maffei sagen, dass Touristen oft begeistert von den Englischkenntnissen der Einheimischen sind. Die Wahrheit mag irgendwo dazwischen liegen.

München will übrigens noch mehr Touristen locken. Im letzten Jahr startete die Kampagne „Genusskultur und Kulturgenuss“. Bürgermeister und Wirtschaftsreferent Josef Schmid will damit vor allem in den schwachen Monaten mehr Gäste locken – also im Januar, Februar und März.

Irgendwie seltsam: Im August übernachten in München 200 000 Menschen mehr als im September – trotz Wiesn. Aber was schätzen die Menschen nun wirklich an dieser Stadt? Die AZ hat sich bei Menschen umgehört, die tagtäglich mit Gästen zu tun haben.

„Nicht einfach Souvenirs – sondern was Gscheits“

Birgit Handtke, Geschäftsführerin, Kaisers Geschenke: „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten. Nicht, dass Touristen viele Souvenirs kaufen, sondern dass es auch was Gscheits sein sollte. Manche Kunden verstehen, dass auf einem Mitbringsel aus Deutschland auch ,Made in Germany’ drauf stehen sollte – viele aber nicht. Das finde ich schade.

Unsere besten Kunden sind Italiener – und dann praktisch alle englischsprachigen Länder: Amerika, Großbritannien oder Australien. Der Renner sind bei denen die bunten Bierkrüge. Auch wenn manch ein Asiate daraus dann Tee trinkt – alles schon vorgekommen.

Aber wir wollen alles, was wir hier verkaufen, auch erklären. Wer bei uns arbeiten will, muss also mindestens Englisch können und eigentlich auch eine weitere Sprache. Ich persönlich spreche auch noch ziemlich gut Italienisch. Das hilft mir sehr weiter.“

„Sie lieben die Stadt, sie ist so gemütlich

Alexandra Maffei, Stadtführerin, spezialisiert auf internationale und vor allem brasilianische Touristen: „Wenn ich brasilianische Gäste vom Flughafen abhole, haben viele noch ihre Flip-Flops an. Es ist hier dann doch etwas kälter als in Südamerika. Eine Hochsaison gibt es aber nicht, Brasilianer kommen das ganze Jahr über. Ganz wild sind sie natürlich auf das Hofbräuhaus und das Münchner Bier.

Vor Fahrradwegen muss sie Auswärtige immer wieder warnen Worüber ich immer wieder schmunzeln muss, ist, wie sehr sie sich bemühen, die deutsche Pünktlichkeit einzuhalten. Ich muss auch immer wieder erklären, dass es in München Fahrradwege gibt, auf denen man fast umgefahren wird, wenn man nicht aufpasst.

Und die Sache mit den Öffnungszeiten: Nicht jeder versteht, dass in München die Läden um 8 Uhr schließen und es am Sonntag nichts zu kaufen gibt. Trotzdem: Meine Gäste lieben München, weil es so gemütlich ist. Viele von denen bereisen ganz Europa in zehn Tagen und sind sehr froh, wenn es mal ein wenig langsamer zugeht.“

„Die Stadt hat einfach wenig Fettnäpfchen“

Karen Pelak, Rezeptionsmanagerin, Euro Youth Hotel: „In unser Hostel kommen vor allem junge Leute. Vor allem bei Koreanern sind wir sehr beliebt. Das liegt vielleicht an einer witzigen Anekdote: Wir hatten vor sieben Jahren mal einen Manager, der mit einer Koreanerin verheiratet war und fließend Koreanisch sprach. Noch heute kommen Gäste und fragen nach ihm, weil das wohl für koreanische Touristen sehr ungewöhnlich ist.

Man entwickelt irgendwann ein gutes Gespür, wie man mit Nationalitäten umzugehen hat. Deutsche sind manchmal stressig, Südamerikaner gelassen – doch am genügsamsten sind Asiaten. Bevor der Japaner sich über etwas beschwert, denkt er stundenlang nach, wie er es formulieren soll – und lächelt dich bei seiner Beschwerde noch höflich an.

An München mögen die Touristen, dass so viele Englisch sprechen können. Die Stadt hat einfach wenig Fettnäpfchen, in die man hineintreten kann. Viele überschätzen vielleicht den Wert ihrer Kreditkarte. Die ist in Deutschland einfach nicht so verbreitet wie anderswo. Und natürlich stellt jeder Gast zuerst die Frage nach dem Wifi-Passwort.“

 

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