Interview

Arif Tasdelen: "Und das soll Chefsache sein?"

Der neue Generalsekretär der Bayern-SPD über vergessene Jugendliche in der Corona-Pandemie, Partei-Mitglieder mit Migrationsgeschichte und sein Verhältnis zum Ministerpräsidenten.
| Natalie Kettinger
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Der Nürnberger Landtagsabgeordnete Arif Tasdelen.
Der Nürnberger Landtagsabgeordnete Arif Tasdelen. © Lennart Preiss/dpa

München - AZ-Interview mit Arif Tasdelen: Der 46-Jährige war Arbeitsvermittler beim Arbeitsamt und später Zollinspektor. Seit 2013 sitzt er im Landtag, seit April ist er Generalsekretär der Bayern-SPD.

AZ: Herr Tasdelen, Sie waren 2013 der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bayerischen Landtag und sind seit Kurzem der erste türkischstämmige Generalsekretär der Bayern-SPD. Was bedeutet Ihnen das?
ARIF TASDELEN: Für mich ist vieles mittlerweile normal geworden. Aber wenn ich mich mit Freunden, Bekannten oder meiner Mutter darüber unterhalte, merke ich, dass das eigentlich etwas ganz Großes ist, was ich da geschafft habe.

Warum genau?
Mein Vater, der als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist, hat die Familie nachgeholt, als ich acht Jahre alt war. Die Situation damals: beide Eltern Analphabeten, sieben Kinder und im Deutschland der 1980er null Integrationsmaßnahmen.

Von Anatolien nach Bayern

Wie waren Sie bis dahin aufgewachsen?
Wir kommen aus dem tiefsten Südosten der Türkei, aus Anatolien. Meine Eltern hatten nie die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Bis zu meinem achten Lebensjahr hatte ich kein Telefon gesehen, und das einzige Auto, das mal durchs Dorf gefahren ist, war ein Traktor. Es war sehr idyllisch. Wir hatten Ziegen und Hühner, einfach eine schöne Kindheit. Und dann sind wir nach Deutschland gekommen und ins kalte Wasser geschmissen worden, ohne Zeit, uns zurechtzufinden oder die Sprache zu lernen: Ich kam direkt in die vierte Klasse.

Wie ging es weiter?
Meine Eltern hatten aufgrund ihrer eigenen Geschichte wenig Verständnis für Bildung. So lange die Lehrerin nicht zu Hause anrief oder die Nachbarn sich beschwerten, war bei uns alles okay. Wir hatten kein Geld für Nachhilfe und waren komplett auf uns allein gestellt. Ich habe einen guten Hauptschulabschluss gemacht, dann die Mittlere Reife und eine Ausbildung beim Arbeitsamt Bayreuth. Wenn dieser Weg in den Bayerischen Landtag führt und man dann noch Generalsekretär der Bayern-SPD wird, ist das schon was - auf jeden Fall für mein Umfeld. Es gibt türkischstämmige Migranten, die mich anrufen und sagen: Herr Tasdelen, ich kann nachts besser schlafen, seitdem Sie im Landtag sind.

Ihr bislang wohl größter Erfolg als Abgeordneter war die Abschaffung der Sargpflicht in Bayern. Warum war das so wichtig, dass Sie jahrelang dafür gekämpft haben?
Das mag jetzt als kleines Ding erscheinen, aber das ist es nicht. Es war eine der wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahre in Richtung muslimisch geprägter Menschen. Sie zeigt, dass die Politik sich mit ihren Bedürfnissen, Ritualen und ihrer Religion auseinandersetzt.

Ein harter Weg in den Landtag

Es fällt auf, dass in den Parteien zunehmend Menschen für höhere Ämter gehandelt werden, die Chebli, Güler oder eben Tasdelen heißen. Ist das schlicht ein Abbild der Wirklichkeit oder ein strategisches Manöver, um sich diese Wählergruppe zu erschließen?
Weder noch. Es ist ein sehr harter Kampf. Ich habe 2013 als erster türkischstämmiger Direktkandidat überhaupt in Mittelfranken den Stimmkreis Nürnberg Nord bekommen, den kein anderer wollte. Die Sozis wussten: Da gibt's nichts zu holen. Und als Belohnung dafür habe ich noch den letzten Listenplatz bekommen, den ein Direktkandidat dort haben kann, Platz 12. Das Direktmandat habe ich um 1,8 Prozent knapp verfehlt. Aber am Ende hatte ich so viele Stimmen, dass ich mich auf der Liste vorgearbeitet habe und in den Landtag eingezogen bin. Und bei der Wahl zum Generalsekretär hat meine Migrationsgeschichte vermutlich weniger Stimmen gebracht als die Tatsache, dass sich die Parteichefs Ronja Endres und Florian von Brunn für mich ausgesprochen haben und ich in Mittelfranken mittlerweile relativ bekannt bin.

Es geht also nicht um neue Wählerschichten?
Nein, so schlau sind die Parteien nicht. Zuerst geht es um Personen, um glaubwürdige Biografien. Wobei Vielfalt auch ein Stück DNA unserer Partei ist und immer mehr Mitglieder sich Parteifunktionäre mit einer Migrationsgeschichte wünschen. Dass Menschen mit Migrationshintergrund auch ein interessantes Wählerpotenzial sind, dämmert den meisten Parteien - auch unserer - erst nach und nach.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Generalsekretär?
Nach innen nehme ich den Sekretär wörtlich: Ich halte den Kontakt zu den Mitgliedern, versuche, das verstaubte Image der Partei aufzupolieren, und arbeite meine Termine ab. Nach außen wiederum möchte ich der General sein: Wenn die anderen politischen Mitbewerber uns angreifen, bekommen sie es von mir zurück. Langfristig wäre ich glücklich, das Ziel der Bundes-SPD zu erreichen, dass 15 Prozent unserer Kandidierenden Migrationsgeschichte haben. Wobei: In Bayern müssten es eigentlich 25 Prozent sein, weil ein Viertel der Bevölkerung im Freistaat einen Migrationshintergrund hat.

Das SPD-Trio ist gut befreundet

Ihr Vorsitzender Florian von Brunn ist nicht gerade ein Leisetreter. Ist es da nicht schwer, in Ihrer Rolle Profil zu zeigen?
Überhaupt nicht. Wir sind alle drei gut befreundet. Ich freue mich, wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, und etwas über die Bayern-SPD lese. Ich könnte sein Pensum gar nicht erfüllen, weil ich drei kleine Kinder habe, die Jüngste ist gerade vier Monate alt. Wenn ich nach Hause komme, bekomme ich das Baby in den Arm gedrückt und meine Frau sagt, wo's langgeht.

Es ist Bundestagswahlkampf. Wie wollen Sie es schaffen, dass der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in Bayern mehr als sieben Prozent der Stimmen erhält?
Glaubt man den jüngsten Erhebungen, haben wir uns im vergangenen Monat bereits von acht auf zehn Prozent gesteigert. In diese Richtung kämpfen wir weiter. Mit unseren klassischen Themen soziale Gerechtigkeit, Arbeit und Umwelt. Transformation ist in Bayern ein ganz großes Thema: Audi will sich vom Verbrenner verabschieden und elektrisch werden. Das wird eine große Herausforderung: Was macht man mit diesen Arbeitsplätzen? Wie macht man diese Menschen fit für die neuen Aufgaben?

Wir haben aktuell so viele Menschen im Niedriglohnsektor wie noch nie. Wieso kann die SPD hier nicht punkten? Das ist doch Ihre Klientel.
Genau für diese Menschen wollen wir den Mindestlohn auf mindestens 12 Euro erhöhen. Aber ja: Wir haben tatsächlich das Problem, dass wir die sehr gute Politik, die wir bisher gemacht haben, irgendwie nicht an die Frau und den Mann bringen. Das schafft man nur, wenn man medial wahrgenommen wird - was bei uns in Bayern ja jetzt der Fall ist.

"Was junge Menschen angeht, sind wir in Bayern mit allem viel zu spät dran"

Sie sind auch jugendpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Gerade hat das Kabinett beschlossen, dass Grundschüler im Unterricht keine Maske mehr tragen müssen. Zufrieden?
Nein. Was junge Menschen angeht, sind wir in Bayern mit allem viel zu spät dran. Die Regierungsfraktionen haben junge Menschen immer nur als Schüler, Azubis oder Studierende wahrgenommen - wenn überhaupt. Und selbst im Bildungssektor haben sie so ziemlich alles falsch gemacht. Aber wir haben überhaupt nicht darüber gesprochen, was ist, wenn diese jungen Menschen mittags aus der Schule kommen.

Ministerpräsident Markus Söder hat Kinder und Jugendliche doch zur Chefsache erklärt.
Die SPD-Fraktion hat die Situation junger Menschen zum Gegenstand einer Aktuellen Stunde im Parlament gemacht. Als einzige. Und das soll dann Chefsache sein?

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Was genau kritisieren Sie?
Ein konkretes Beispiel: In der letzten Kabinettssitzung ging es um Beherbergung. Da wurden junge Menschen nicht angesprochen. Wenn Markus Söder von Beherbergung spricht, spricht er von Hotels und Ferienhäusern - aber nicht von Jugendfreizeiten, Zeltlagern, oder Jugendherbergen.

Eine Zeit lang war all das kaum möglich, weil nur ein Haushalt pro Zimmer oder Zelt untergebracht werden durfte. Aber das hat sich doch geändert.
Richtig, es können jetzt bis zu zehn Personen sein. Aber das Interessante ist ja, dass so etwas über das Rahmenkonzept Beherbergung geklärt und das Wort Jugend gar nicht erwähnt wird. Und wie geht es denn jetzt weiter? Uns liegt immer noch kein Konzept der Staatsregierung vor, was mit den Millionen vom Bund für die Jugendförderung passiert - trotz Brandbriefen etwa vom Kreisjugendring, der Planungssicherheit fordert und eine Unabhängigkeit von den Inzidenzen oder zumindest einen Puffer. Wie soll das sonst gehen, wenn bei einer Inzidenz von 49 zehn Kinder in ein Zimmer oder Zelt dürfen - und bei einer Inzidenz von 51 nur noch drei?

Nun könnte man natürlich sagen, es gibt aktuell wichtigere Dinge als Zeltlager…
Viele Eltern schaffen es finanziell oder zeitlich nicht, mit ihren Kindern in den Urlaub zu fahren. Für sie sind solche Angebote immens wichtig. Hinzukommt: Wir diskutieren jetzt in vielen Großstädten über Ansammlungen von jungen Menschen, von denen sich Anwohner gestört fühlen. Wir müssen das steuern - indem man den jungen Menschen andere Plätze oder Freiräume gibt. Sie haben in der Pandemie sehr gelitten und tun es weiterhin. Wir müssen ihnen endlich die Hand ausstrecken und sagen: Wir verstehen eure Lebenssituation und sind euch total dankbar, dass ihr solidarisch wart.

Geringe Impfbereitschaft in bestimmten Communities

Die Situation vieler Kinder und Jugendlicher verschärft, dass sie sich kaum impfen lassen können. Viele Menschen aus der Migranten-Community wollen sich hingegen nicht impfen lassen. Warum nicht?
Weil man diese Menschen vernachlässigt und nicht ausreichend - etwa in der jeweiligen Muttersprache - aufgeklärt hat. Anfang März habe ich bei der Staatsregierung angefragt, warum das Impfportal BayImco nur auf Deutsch angeboten wird. Die Antwort: Mehrsprachigkeit sei ein Riesenaufwand. Dabei habe ich mittlerweile viele Zuschriften von Programmierern, die sagen, die Plattform gebe das her, es sei überhaupt kein Aufwand, Fremdsprachen dazu zu nehmen. Dadurch denken viele, das Impfen sei wohl nicht so wichtig. Außerdem sehen sie die Zweifel in der Mehrheitsbevölkerung. Selbst in meiner Familie war die Skepsis zunächst hoch, vor allem bei meiner Mutter.

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Letzte Frage: Sie kommen aus der Nähe von Nürnberg, Markus Söder direkt aus der Stadt. Wie gut kennen Sie sich?
Wir sind per Du. Nürnberg ist klein.

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