Serie "Oktoberfest 1900": Bayerischer Bierkampf

Ab heute kann man die ARD-Serie "Oktoberfest 1900" in der Mediathek anschauen, kommende Woche läuft sie dann im Fernsehen.
| Dominik Petzold
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Das Oktoberfest ist im Jahr 1900 in vollem Gange - und von oben grüßte die Bavaria.
Das Oktoberfest ist im Jahr 1900 in vollem Gange - und von oben grüßte die Bavaria. © Felix Cramer/BR

Auf dem Oktoberfest wird ja ausgiebig die Gemütlichkeit besungen. Aber die Wiesnwirte zeigten sich Anfang August von ihrer ungemütlichen Seite: Die ARD-Serie "Oktoberfest 1900" ließ sie erzürnen - schon Wochen vor der Ausstrahlung. "Auch wenn es eine fiktive Darstellung sein soll, ist diese negative Darstellung schlimm", sagte Festwirt Christian Schottenhamel. "Unsere Gäste werden denken: Das ist heute auch so." Und der zuständige Münchner Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) kündigte gar an, die faktische Grundlage der fiktiven Serie "historisch prüfen" zu lassen. Deutschlandweit griffen sommerloch-geplagte Medien die lustige Posse auf, "Oktoberfest 1900" erhielt somit beste kostenlose PR.

Aufregung um "Oktoberfest 1900"

Ab heute ist die sechsteilige Serie in der ARD-Mediathek zu sehen, eine Woche später im Ersten. Warum die ganze Aufregung? "Oktoberfest 1900" erzählt von erbitterten Kämpfen der Brauer und Wirte um die Jahrhundertwende. Es fließt nicht nur viel Bier, sondern auch viel Blut. Sollten die Zuschauer, wie Wiesnwirt Schottenhamel annimmt, also tatsächlich denken, dass es noch heute so zugeht wie in dieser fiktiven Variante des Jahres 1900 - dann müssten sie den Wirten zutrauen, sich für eine Wiesn-Konzession gegenseitig umzubringen.

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Die Hauptfigur von "Oktoberfest 1900" ist dazu nämlich bereit. Sie basiert auf einer realen Figur, dem Nürnberger Großgastronomen und Brauer Georg Lang, der die Wiesn um die Jahrhundertwende revolutionieren wollte. Bis dahin standen dort viele kleine Bierbuden. 1898 ergaunerte Lang fünf von deren Stellplätzen und baute darauf seine "Bierburg" mit Musikkapelle und Platz für 6.000 Gäste. Außerdem brachte er das Lied "Ein Prosit der Gemütlichkeit" auf die Wiesn und erfand den Zuruf "Oans, zwoa, gsuffa", der bis heute den Zweck erfüllt, dass es meistens nicht bei ein, zwei Maß bleibt.

Die von Mišel Matièeviæ gespielte Serien-Version dieses Georg Lang heißt Curt Prank und ist unübersehbar stark überzeichnet: Er will den Erfolg um jeden Preis - Gewalt, Erpressung, Mord und Totschlag inbegriffen. Damit macht er sich selbstredend Feinde: das Kartell der Münchner Großbrauer samt dem zwielichtigen Anatol Stifter (Maximilian Brückner) und das Giesinger Brauer-Ehepaar Hoflinger (Martina Gedeck und Francis Fulton-Smith). Dann verlieben sich Pranks großbürgerlich erzogene Tochter (Mercedes Müller) und der deftig zupackende Sohn der Hoflingers (Klaus Steinbacher), und die Konfliktlage wird noch komplizierter.

Anatol Stifter (Maximilian Brückner, links) besucht Curt Prank (Mišel Matièeviæ) in seiner Bierburg, um ihm unterschwellig zu drohen, den "Bierhahn" zuzudrehen.
Anatol Stifter (Maximilian Brückner, links) besucht Curt Prank (Mišel Matièeviæ) in seiner Bierburg, um ihm unterschwellig zu drohen, den "Bierhahn" zuzudrehen. © Dusan Martincek/BR

"Dramaturgisch ist es natürlich sehr viel interessanter, wenn antagonistische Kräfte aufeinanderprallen, als wenn alle nur zusammen schunkeln", sagt der Münchner Produzent Alexis von Wittgenstein. Er hatte die Idee, eine historische Serie über das Oktoberfest zu drehen. Gemeinsam mit seinem Münchner Mit-Produzenten Felix von Poser und Headautor Christian Limmer entwickelte er sein Konzept weiter, und aus der über 200-jährigen Geschichte der Wiesn wählten sie die Jahre um 1900. "Wir haben versucht, den richtigen Zeitpunkt zu finden, der auch in die Gegenwart wirkt", sagt Christian Limmer. "Und wir entdeckten die Geschichte von Georg Lang."

Wiesn 1900: Aufbruch ins 20. Jahrhundert

Diese war aber nur ein Grund, warum die Macher ihre Oktoberfest-Saga in die Zeit um 1900 legten. "Das war der Beginn der Moderne, wie wir sie kennen, in kapitalistischer, kultureller, gesellschaftlicher Sicht. Es war der Aufbruch ins 20. Jahrhundert", sagt Ronny Schalk, der als Autor zum Projekt stieß. "In den Jahren um 1900 war so viel im Umschwung", ergänzt Christian Limmer. "Da gab es die Anfänge der Frauenbewegung, die Schwabinger Bohème, so viele Themen, die uns in die Hände gespielt haben."

So haben viele historische Figuren Auftritte in "Oktoberfest 1900", darunter Fanny zu Reventlow, Thomas Mann oder das Münchner Biermadl Coletta Möritz, der später der Wiesn-Hit "Schützenliesl" gewidmet wurde. Letztere inspirierte die Macher zu der Figur Colina Kandl, die von Brigitte Hobmeier gespielt wird. "Erst gab es sogar noch mehr Figuren, aber wir mussten reduzieren, sonst hätten wir zehn Folgen drehen müssen", sagt Limmer. "Bei Albert Einstein taten wir das schweren Herzens, weil wir die Geschichte seines Vaters toll fanden." Dessen Elektrotechnische Fabrik erleuchtete das Oktoberfest in den 1890ern mit Bogenlampen.

Um das Projekt mit diesem prallen Stoff voranzutreiben, hatte sich Alexis von Wittgenstein mit dem Kölner Produzenten Michael Souvignier zusammengetan.

Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) hält eine Rede beim Biermadl-Streik gegen die Bierpreiserhöhung auf dem Oktoberfest.
Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) hält eine Rede beim Biermadl-Streik gegen die Bierpreiserhöhung auf dem Oktoberfest. © Dusan Martincek/BR

Der BR sagte 2016 schon beim ersten Meeting zu, aber die Entwicklung und die Finanzierung des Großprojekts dauerten lang. "Man braucht sehr viel Geld, um eine historische Serie zu inszenieren", sagt Wittgenstein. "Und durch die Streaming-Dienste haben wir einen ganz anderen Wettbewerb als noch vor zehn Jahren. Die deutschen Serien wollen sich an internationalen Serien messen lassen." Die Produzenten sammelten das nötige Geld bei vielen Stellen ein: beim BR, bei ARD Degeto, MDR und WDR, bei einer tschechischen und drei deutschen Filmförderungen.

Die internationalen Rechte erwarb Netflix - mit Blick auf den Weltmarkt war es sicher eine kluge Idee, eine Geschichte über das Oktoberfest zu erzählen. "Das ist eine weltweite Marke aus Bayern, die ungeschützt ist", sagt Wittgenstein. "Die Überlegung, wie man aus Deutschland heraus etwas schaffen kann, das Relevanz hat für die Welt, war ein Hintergedanke, aber nicht der Motor."

Unterschiedliche Drehorte bei "Oktoberfest 1900"

Um nicht bereits für das deutsche Publikum untertiteln zu müssen, sprechen die Figuren Hochdeutsch oder bestenfalls mit bairischer Färbung. Gedreht wurde von Mai bis August 2019 unter der Regie von Hannu Salonen. In den Bavaria Filmstudios wurden das Interieur einer Schwabinger Bohème-Wohnung und einer Haidhausener Arbeiterwohnung gebaut, in Dachau Wirtshausszenen inszeniert. Gedreht wurde außerdem im Münchner Rathaus und in den Isarauen, und die unterirdischen Gewölbe, in denen sich die Großbrauer treffen, fanden die Location Scouts in Katakomben unter Landshut.

Außerdem wurde in Nordrhein-Westfalen gedreht und in Tschechien. "Wir mussten zwangsläufig dorthin ausweichen, weil 2019 extrem viel gedreht wurde und es sehr schwierig war, in Deutschland für so einen langen Zeitraum ein komplettes Team zusammenzustellen. Der Fachkräftemängel war eine richtig große Hürde", sagt Wittgenstein. Zudem fand man in Tschechien eine unsanierte Brauerei mit Sudhaus. Auf einem stillgelegten Bahnareal in Prag wurde eine Oktoberfestgasse gebaut, und in einem Studio die Innenszenen des Festzelts gedreht. Der Rest dieses historischen Oktoberfests ist mit visuellen Effekten am Computer entstanden.

Die feiernden Menschen aber waren aus Fleisch und Blut. "Wir haben drei Tage lang mit 300 komplett ausstaffierten Komparsen gedreht", sagt Wittgenstein. "Die Drehtage fingen morgens um 2 Uhr an und dauerten den ganzen Tag." Bekamen die Komparsen wenigstens Bier, um bei passender Laune zu bleiben? "Nur Alkoholfreies, sonst wären sie nach zwei Stunden eingeschlafen", sagt Wittgenstein. "Die Armen hatten auch tolles Essen vor sich stehen und durften es nicht essen."

Inspiration: "Peaky Blinders und "Der Pate"

Das Ergebnis wirkt nicht historisch, sondern ziemlich heutig, auch in der Sprache. "Es ist weniger ein Historienfilm, sondern ein Familienepos, das vor historischem Setting stattfindet. Wir wollten uns nicht sklavisch an historische Gegebenheiten halten, sondern in einer mikroskopischen Welt eine Geschichte erzählen, die jetzt noch interessant ist", sagt Ronny Schalk.

Fragt man nach fiktiver Inspiration, nennen die Macher die Gangster-Serie "Peaky Blinders" oder "Der Pate", vor allem aber betonen sie ihr Ziel, etwas Eigenes zu schaffen. "Es sollte sich abheben von dem, was wir sonst so sehen", sagt Limmer. "Ich wollte nichts machen, was wie ,Boardwalk Empire' aussieht, aber ich wollte das Gefühl haben, mit ,Boardwalk Empire' mithalten zu können."

Die jüngere Wiesn-Geschichte hat immerhin dazu geführt, dass die Macher ihren Blick auf die interessante Welt hinter den Kulissen lenkten. "Was mich auch inspiriert hat, war die Geschichte von Sepp Krätz, der die Konzession für das Hippodrom verloren hat", sagt Alexis von Wittgenstein beim Interviewtag. "Es war spannend: Wer bekommt dann die Konzession? Ohne die Hintergründe genau zu kennen, fühlt es sich schon ein wenig danach an, als ob das ein innerer Kreis ist."

Der fiktive Personenkreis seiner Serie soll länger als nur für sechs Folgen auf dem Bildschirm zu sehen sein - die erste Staffel endet offen. "Wir hoffen, dass die Serie in den kommenden Jahren dann parallel zum Oktoberfest läuft", sagt Wittgenstein. Falls das Publikum den Daumen hebt und tatsächlich eine zweite Staffel gedreht wird: Ob die Macher dann nächstes Jahr wieder auf die (unfreiwillige) PR-Unterstützung der Wiesn-Wirte zählen können?

Ab Dienstag in der ARD Mediathek. An diesem Tag findet ab 19 Uhr "Oktoberfest 1900 - Der Live-Filmtalk" mit den Machern statt, unter DasErste.de oder bei Facebook unter ARD-Mediathek. Ab 15. September läuft die Serie im Ersten.

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