Rufschädigend: Wiesnwirte sauer über BR-Serie Oktoberfest 1900

Im September strahlt die ARD eine Mini-Serie über das Oktoberfest zur Jahrhundertwende aus. Die Münchner Wiesn-Wirte fühlen sich auf den Schlips getreten - die Darstellung sei "rufschädigend".
| Robert Braunmüller
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Christian Schottenhamel und Peter Inselkammer: Die Wiesn-Wirte fühlen sich durch die BR-Serie falsch wiedergegeben.
imago/Stefan M Prager 2 Christian Schottenhamel und Peter Inselkammer: Die Wiesn-Wirte fühlen sich durch die BR-Serie falsch wiedergegeben.

München - In unserer Stadt gibt es viele gute Menschen. Die reinsten und edelsten unter ihnen aber sind die selbstlosen Wiesnwirte, die (fast) jedes Jahr Zelte auf der Theresienwiese errichten lassen und den Durst der Münchner mehr oder weniger mit Freibier stillen, um am Ende mit Riesenverlusten dazustehen und von Bürokraten schikaniert zu werden.

Daher ist die obergärige Empörung über die ARD-Serie "Oktoberfest 1900" mit Martina Gedeck, Francis Fulton-Smith und Misel Maticevic nur zu verständlich. Sie wird zwar erst im September ausgestrahlt, Festwirt Christian Schottenhamel nennt den erbitterten Kampf zweier Brauerei-Clans um gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung im München des Jahres 1900 in "Bild" am Donnerstag aber schon jetzt "rufschädigend".

Oktoberfest-Serie "hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun"

Sein Kollege, der Wirtesprecher Peter Inselkammer habe sich vor dem Dreh mit den Filmemachern getroffen. "Ich habe gehofft, dass durch meine Erläuterungen schlimme Darstellungen verhindert werden", sagte er zu "Bild". Michael Souvignier, Produzent der Serie, betonte, es handle sich um eine fiktionale, historische Serie: "Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen."

Die macht sich Schottenhamel trotzdem, weil bei den Zuschauern ja immer was hängen bleibe. "Auch wenn es eine fiktive Darstellung sein soll, ist diese negative Darstellung schlimm", sagte er. "Unsere Gäste werden denken: Das ist heute auch so."

Wo kämen wir da hin, denkt sich die CSU, die immer in der ersten Reihe steht, wenn es ums Bier und ums Verbieten geht. Der dieser ruhmreichen Partei angehörende städtische Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner kritisiert: "Ein Oktoberfest nur auf ein machtbesessenes Milieu zurückzudrehen, um Publikum zu generieren, ist total daneben. Es hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun."

Die Großbrauer des Braukartells tagen in „Oktoberfest 1900“ in den Brauereikatakomben, um darüber zu beraten, wie man mit den neumodischen Bierburgplänen umgeht.
Die Großbrauer des Braukartells tagen in „Oktoberfest 1900“ in den Brauereikatakomben, um darüber zu beraten, wie man mit den neumodischen Bierburgplänen umgeht. © Pick/BR

"Prüfen lassen"

Was Wirklichkeit ist, bestimmt in Bayern die CSU. Und wieso darf die ARD überhaupt erfundene Geschichten senden? Baumgärtner will allen Ernstes "historisch prüfen lassen", ob es den Wirte-Krieg von 1898, auf dem die Handlung der Serie basieren soll, wirklich gegeben hat. "Davon ist uns hier nichts bekannt."

"Prüfen lassen" ist eine schöne Formulierung. Wenn Baumgärtner ein Buch lesen könnte und den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit kennen würde, wäre er nicht Wiesn- sondern Kulturreferent. Wir möchten jetzt ungern eine Historiker-Kommission arbeitslos machen, die für den vielbeschäftigten CSU-Mann den legendären Stadtmuseumskatalog "Das Oktoberfest. Einhundertfünfundsiebzig Jahre Bayerischer National-Rausch" von 1985 durchblättert. Oder auch Abendzeitung online oder die Homepage der Kapelle des Augustiner-Festzelts googelt.

Ein Wirt, der die Wiesn neu erfand

Dort hat man, im Unterschied zur Rathaus-CSU, schon mal von Georg Lang gehört. Um mehr Sitzplätze für die Besucher und Raum für eine Musikkapelle zu schaffen, hatte sich der eigentlich nicht Wiesn-berechtigte Nürnberger "Krokodilwirt" 1898 über Strohmänner fünf Budenplätze gesichert und eine "Bierburg" errichtet.

Davor war das Bier in kleinen Bretterbuden ausgeschenkt worden, in denen maximal 50 Personen Platz fanden. Lang schenkte Augustiner aus und stellte als erster Trachten-Kapellen an. Damit die Gäste mitsingen konnten, verteilte er Texthefte, in denen auch "Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit! Eins, zwei, drei – g’suffa" zu finden war, geschaffen von einem gewissen Bernhard Dittrich – einem Sachsen aus Chemnitz.

Die heutigen Wiesnwirte denken – natürlich – niemals an die Maximierung des Bierkonsums. Andererseits könnte man auf die Idee kommen, dass an dem "machtbessenen Milieu" der Wiesnwirte doch was dran sein könnte. Warum springt eigentlich nach der Aufregung einiger Gastronomen gleich der städtische Wiesn-Referent als beflissener Fernsehkritiker im Quadrat?

Lesen Sie hier: "Wirtshauswiesn" - Münchner Wirte planen Ersatz für Oktoberfest

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