Interview

"Oktoberfest 1900"-Star Hobmeier: "Diese Frauen haben nichts verdient"

Brigitte Hobmeier über ihre Vergangenheit als Herzl-Verkäuferin auf der Wiesn und ihre Rolle im TV-Sechsteiler "Oktoberfest 1900".
| Redaktion Kultur
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Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) hält eine Rede beim Biermadl-Streik gegen die Bierpreiserhöhung auf dem Oktoberfest.
Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) hält eine Rede beim Biermadl-Streik gegen die Bierpreiserhöhung auf dem Oktoberfest. © Bayerischer Rundfunk

München - Seit die Schauspielerin Brigitte Hobmeier als Studentin auf der Wiesn Lebkuchenherzen verkauft hat, weiß sie, wie anstrengend der Job im Bierzelt ist, vor allem, wenn Männer bei steigendem Alkoholpegel übergriffig werden.

Einbringen konnte die 44-Jährige ihre Erfahrungen in eine Rolle als Biermadl in der sechsteiligen TV-Serie "Oktoberfest 1900", zu sehen in der ARD-Mediathek und ab Dienstag im Ersten.

Frau Hobmeier, Sie sind gebürtige Münchnerin. Was sind ihre frühesten Erinnerungen ans Oktoberfest?
BRIGITTE HOBMEIER: Ich stand vor diesem großen Löwen auf dem Löwenbräu-Zelt, und eigentlich war das die viel größere Attraktion als alles andere. Dieser Löwe, der seinen Maßkrug hochhält und brüllt, zählt zu meinen allerfrühesten Erinnerungen.

Was hat sich seitdem verändert?
Es war früher nicht so, dass sich alle Trachten angezogen haben. Das ist erst in den letzten zehn, 15 Jahren passiert. Die Münchner haben sich schick gemacht fürs Oktoberfest. Sich für 15 Euro ein Billigdirndl oder eine Billiglederhose zu kaufen, das gab es nicht.

Hobmeier: "Ich kaufe dem ersten Herzlmadl, das ich sehe, ein Herzl ab"

Während Ihres Studiums haben Sie ja auch mal auf der Wiesn gearbeitet. Wo war das?
Ich habe als Herzl-Verkäuferin gearbeitet. Das war einschneidend, die andere Seite dieses bacchantischen Festes kennenzulernen und zu erfahren, wie du als Ware gesehen wirst, als Produkt. Ich hatte zum Glück das Dirndl von meiner Mama an. Die Mädls, die kein Dirndl hatten, hatten so kurze Plastiklederhosen bekommen, da war eine weiße Hand auf dem Hintern drauf.

Wie haben die Männer reagiert?
Natürlich wirst du angelangt, angeflirtet sondersgleichen, und alle denken, wenn du da arbeitest, hast du darauf Lust. Und je mehr der Alkoholspiegel steigt, desto rabiater und brachialer wird das Ganze. Das war alles andere als lustig, und es haben auch einige früher aufgehört. Seitdem gehe ich jedes Jahr hin und kaufe dem ersten Herzlmadl, das ich sehe, ein Herzl ab.

Ihre Figur der Colina Kandl macht auch so ihre Erfahrungen: erst als Anstandsdame einer reichen, jungen Frau, dann als Biermadl, also als Wiesn-Hilfskellnerin. Was hat Sie an der Rolle fasziniert?
Sie ist eine starke Persönlichkeit. Als ich die erste Szene gelesen habe, habe ich gedacht, diese Frau will ich spielen. Sie hat eine Frechheit, eine Liebe, sie ist gewitzt und gewieft. Sie weiß, wie sie überleben kann und alles aus der Liebe zu einem Menschen: Sie will ihrem Sohn ein besseres Leben schenken als das, was sie hat. Natürlich will sie auch aus diesem Halbprostituierten-Milieu heraus, das man so als Biermadl mit sich trägt. Sie gräbt sich raus aus den Abhängigkeiten und spürt: Den Augenblick, in dem ich einen Funken Entscheidungsfreiheit habe, den nutze ich.

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Wie modern ist sie in dieser Hinsicht?
Sie ist eine absolut moderne Frau. So viele Frauen haben für uns gekämpft. Das ging alles nur durch immenses Leid. Das ging nicht durch change.org im Internet, einfach auf dem Handy klicken. So kann man leicht Widerstand leisten. Diese Frauen haben sich unter extremen Entbehrungen und Druck gefordert, dass es besser wird und dafür gewütet, dass sie endlich eine Gleichberechtigung erfahren. Heutzutage würde es gut tun, daran zu denken, wie stark für uns Frauen gekämpft wurde.

Was war das Schwierige an der Lage der Biermadl?
Diese Frauen haben nichts verdient. Nur das Trinkgeld war ihres und dann gab es die Nebenjobs, dass man mal mit einem Herrn raus ging in den Schuppen. Die Jobs der Biermadl waren trotzdem heiß begehrt. Aber als der Bierpreis erhöht wurde, haben die Leute den Bedienungen das Trinkgeld gekürzt oder sogar vorenthalten. Dadurch kam es zu Widerstand und einem großen Streik auf dem Oktoberfest.

Die Kostüme sehen sehr aufwendig aus, vor allem, wenn sie die Anstandsdame spielen. Wie lange hat es gedauert, bis sie drehfertig waren?
Ich habe allein schon eine halbe Stunde gebraucht, bis ich meine Kostüme anhatte. Das Biermadl ging schneller, aber als Anstandsdame hat es lange gedauert, mit Korsage, Unterkleid, Unterrock und den falschen Popos, die man hinten angeschnürt bekommt. Bis ich angezogen, geschminkt und frisiert war, sind zwei Stunden vergangen.

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Hatten Sie danach beim Auskleiden auch wieder eine Hilfe?
Man hat keine Chance, da wieder alleine rauszukommen aus diesem Geschnüre. Das waren die feinen Damen, die das trugen, und die hatten Ankleiderinnen. Aber das macht schon Spaß.

Was sagen Sie dazu, dass das Oktoberfest dieses Jahr wegen der Coronapandemie ausfällt?
Dieses Jahr sind wir mit unserer Serie "Oktoberfest 1900" die einzige Wiesn, die es gibt. Ich habe die Absage der Wiesn als die einzig richtige Entscheidung empfunden. Jedes Jahr geht eine gemeine Erkältungswelle durch München während und nach der Wiesn. Das Oktoberfest ist die Virenschleuder schlechthin. Das wäre Ischgl hoch 100 geworden, nicht auszudenken, was das bedeutet hätte im Kampf gegen diese Pandemie.

"Oktoberfest 1900" im Ersten am 15., 16. und 23. September jeweils ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen

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