Interview

Türkgücü-Coach Alexander Schmidt: "Wir müssen gar kein Münchner Team fürchten"

Aufsteiger Türkgücü ist stark in die Drittliga-Saison gestartet. In der AZ spricht Trainer Schmidt über das Erfolgsrezept, das Duell gegen seinen Ex-Klub 1860 - und Rassismus gegen den Migranten-Verein.
| Matthias Eicher
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"Wir wollen sportliche Taten sprechen lassen, kein großes Blabla", sagt Alexander Schmidt, Trainer von Türkgücü München.
"Wir wollen sportliche Taten sprechen lassen, kein großes Blabla", sagt Alexander Schmidt, Trainer von Türkgücü München. © imago images/Oryk HAIST

München - AZ-Interview mit Alexander Schmidt: Der Ex-Coach des TSV 1860 hat in diesem Sommer das Amt bei Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München übernommen.

AZ: Herr Schmidt, Zeit für das Zehn-Spieltage-Fazit: 16 Punkte, in Schlagdistanz zur Spitze, sogar ein Spiel weniger. Läuft bei Türkgücü, oder?
ALEXANDER SCHMIDT: Es war ein solider Start. Wir sind gut unterwegs, aber es sind noch so viele Spieltage. Daher werden wir nicht gleich euphorisch, sondern bleiben fokussiert für die kommenden Aufgaben.

Die Aufgabe Meppen muss wegen weiteren Corona-Fällen kurzfristig entfallen.
Schon nervig, dass jetzt das Spiel abgesagt wurde. Natürlich hätten wir gerne gespielt, denn je mehr Spielabsagen, desto enger wird der Terminkalender hinten raus. Dennoch geht die Gesundheit vor.

Schmidt: "Jeder spürt, dass hier etwas entsteht"

Wie die vergangenen Spiele zeigten, haben Sie aus einem neuformierten Team eine funktionierende Einheit gebildet. Ihr Erfolgsrezept?
Wir sind ein Aufsteiger, der viel Qualität dazu bekommen hat. Es herrscht zudem eine gute Harmonie im Team. Alle Spieler ziehen im Training gut mit, obwohl es mit einem so großen Kader immer wieder zu Härtefällen kommt. Aber jeder spürt, dass hier etwas entsteht und will ein Teil davon sein.

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Sprechen wir über Ex-Löwe Aaron Berzel, Sercan Sararer und Petar Sliskovic: Ist es Ihre Spezialität, teils ausrangierte Profis zu Leistungsträgern zu formen?
Petar ist ein herausragender Stürmer, macht Tore mit links, mit rechts, mit dem Kopf. In Duisburg hatte er keine tolle Zeit. Auch Sercan hatte in seiner Karriere nicht besonders viel Glück, war oft verletzt. Aaron hatte bei 1860 keine Zukunft mehr. Wir haben uns schon etwas dabei gedacht, auf solche Spieler zu setzen. Sie sind vielleicht einen Tick hungriger, um allen zu zeigen: "Wir haben es drauf!"

Alexander Schmidt über TSV 1860: "Da drüben wird viel geredet"

Sie sagten kürzlich, Sie wollen weiter kein großes Saisonziel ausgeben, würden aber gerne "oben hinschmecken".
Klar haben wir Ziele, das weiß jeder. Wir wollen alle Spiele gewinnen. Aber warum sollten wir jetzt große Parolen raushauen? Wir wollen uns nicht unnötig unter Druck setzen.

Das Wort "Durchmarsch" dürften Sie aus Ihrer Zeit bei 1860 noch allzu gut kennen.
Absolut. Da habe ich aus meiner Zeit bei Sechzig viel gelernt. Wenn du einen vorderen Mittelfeldplatz ausgibst, sagen alle: "Was ist denn das für Einer? Will der nicht hoch?" Wenn du aber sagst, du willst aufsteigen, sagen sie: "Was hat der denn für eine große Fresse?" Von daher werden wir den Teufel tun und uns festnageln lassen. Wir wollen sportliche Taten sprechen lassen, kein großes Blabla.

Mit Hasan Kivran und Hasan Ismaik stehen zwei Investoren hinter den Klubs. Lässt sich ein Hasan-Vergleich ziehen?
Ismaik ist bei 1860 schon lange dabei. Da drüben wird viel geredet, auch von irgendeinem Löwen-Käfig als eigenes Stadion, den sie bauen wollen. Passiert ist nicht viel. Bei uns läuft es eher andersrum: Es wird nicht viel geredet, dafür packt unser Investor und Präsident die Dinge an. Aber 1860 ist da ein heißes Pflaster. Ich kümmere mich lieber um uns.

Türkgücü-Coach Schmidt schwärmt vom Flair im Olympiastadion

Sie haben kürzlich das altehrwürdige Olympiastadion wieder aufgesperrt. Ein historischer Moment. Aber über die geisterhafte Leere der Corona-Heimspiele dürften Sie weniger glücklich sein.
Ja, ich sehe es zwiegespalten. Es war ein cooler Moment, den Fußball zurückzubringen. Jeder erinnert sich daran, welche prestigeträchtigen Spiele hier einst stattgefunden haben. Bayern, Sechzig, die Nationalelf. Jeder Spieler, der auf den Rasen geht, macht erst einmal ein Foto. Ich selbst habe mir auch welche schicken lassen. Der ganze Olympiapark hat ein brutales Flair.

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Jetzt kommt das Aber.
Um ehrlich zu sein, bin ich noch etwas auf das Grünwalder fixiert. Es ist kompakter, dort waren wir sehr erfolgreich. Man muss sich erstmal an die Dimensionen des Olympiastadions gewöhnen. Aber mit jedem Sieg fühlen wir uns heimischer. Es ist auch bitter, tausenden Leuten absagen zu müssen. Von daher war das 0:0 gegen Wehen Wiesbaden nicht so schön. Mit dem 2:0 gegen Duisburg konnten wir nun ein Erfolgserlebnis feiern. Das ist für einen Trainer das Wichtigste. Wenn ein Spiel mal läuft, bin ich eh im Tunnel - dann ist mir das Zeltdach wurscht. (lacht)

Was Ihnen nicht egal sein kann: Türkgücü wurde zur Zielscheibe rassistischer Anfeindungen. In Mannheim wurde Ihr Spieler Park beleidigt, in Zwickau erklärte eine rechtsextreme Gruppe Ihren Klub als "nicht willkommen". Wie haben Sie reagiert?
Ich versuche, dem keine große Plattform zu geben. So was hat im Fußball nichts verloren. Rassismus ist völlig Banane. In Zwickau habe ich selbst erlebt, dass das zum Glück nur die Ausnahme ist: Dort haben mich einige Leute beim Kaffee trinken darauf angesprochen. Sie waren super freundlich, haben gesagt: "Das ist Blödsinn. Das sind nur 10, 15 Leute, die Alarm machen. Lasst euch nicht provozieren!" Mit Park habe ich ein Gespräch geführt.

Schmidt: Verlorener Pokal-Prozess "ist abgehakt"

Was haben Sie ihm gesagt?
"Hör nicht auf solche Gestalten. Du bist ein Fußballprofi, lass das von Dir abprallen!" Als Trainer wirst du auch ständig beschimpft. Man darf sich von all dem nicht runterziehen lassen.

Wie fühlt sich der Trainer des Vereins, der nach der Klage gegen den Einzug des 1. FC Schweinfurt 05 in den DFB-Pokal nicht nur den Prozess, sondern auch Sympathien verloren hat?
Das ist abgehakt. Als Trainer hätte ich natürlich gerne gespielt, aber wir haben die Entscheidung des Gerichts zu akzeptieren und konzentrieren uns voll auf die Meisterschaft.

Ihnen steht eine Englische Woche bevor - mit dem Kracher gegen die Löwen.
Es kribbelt schon. Ich muss sicher keinen mehr motivieren! Aber vorher müssen wir gegen Saarbrücken bestehen. Das wird schwer genug. Dann wollen wir 1860 schlagen - ich sehe uns nicht schwächer als die Löwen. Ich sage: Wir müssen gar keinen Vergleich mit den anderen Münchner Teams fürchten.

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