TSV 1860 München: Daniel Bierofka über Ismaik, Pereira, Regionalliga

1860-Trainer Daniel Bierofka lebt von seiner Leidenschaft. Im Interview mit dem kicker spricht der einstige Spieler über den bitteren Absturz in die Regionalliga, seine Aufbauarbeit bei 1860, seine Trainer-Vorbilder und sein großes Ziel - seine Emotionalität könne er dabei nicht immer unterdrücken.
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Es sieht so aus, als würde Pereira ohne Bierofka planen - explizit gesagt hat er das aber noch nicht.
Rauchensteiner/Augenklick/AZ Es sieht so aus, als würde Pereira ohne Bierofka planen - explizit gesagt hat er das aber noch nicht.

München - Acht Spiele, 19 Punkte, Tabellenführer. Daniel Bierofka und sein TSV 1860 liegen nach dem Absturz in die viertklassige Regionalliga Bayern an der Spitze, mussten zuletzt aber ein mageres 0:0 bei Schlusslicht Seligenporten hinnehmen.

Trainer Bierofka spricht im Interview mit dem kicker über den Absturz seines Herzensklub unter Ex-Trainer Vitor Pereira, seinen Amtsantritt inmitten größtem Chaos und sein Vorhaben mit den Sechzgern.

Bierofka über...
den Absturz in die Regionalliga:
"Ich hätte das nie gedacht. Der Abstieg war schon brutal, die ersten Tage danach waren extrem. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich so etwas erlebte. Und dann wurde es nach einigen Tagen nochmal extremer mit dem Absturz in die Regionalliga. Ich habe da realisiert, wie schwer es werden wird, wieder in den Profifußball zurückzukehren. Meister werden, dann die Aufstiegsspiele gegen Top-Teams - das wird eine ganz harte Nuss. Das kann man überhaupt nicht mit dem letzten Jahr vergleichen. Da waren wir der nette Löwen-Nachwuchs und spielten vor ein paar hundert Leuten."

Abstiegstrainer Vitor Pereira: "Am Anfang hatte ich ein tolles Gefühl, als Vitor Pereira kam. Ich habe eine Menge von ihm gelernt, viele Sachen mitgenommen. Bis heute muss ich sagen, dass er ein toller Trainer ist, aber sein System hat einfach nicht funktioniert. Es war keine Mannschaft auf dem Platz, es war kein Miteinander da, kein mannschaftliches Gefüge. Gegen Ende wurde es immer schlimmer. Und selbst ein erfahrener Trainer wie Pereira kann mit dem Druck nicht mehr so klar."

einen Trainerwechsel kurz vor dem Abstieg: "Es wäre gut gewesen, wenn der ein oder andere Entscheidungsträger näher an der Mannschaft gewesen wäre, um ein Gefühl für die Situation zu bekommen. Aber Ian Ayre kam erst Ende April, hatte viele andere Dinge zu tun. Er konnte noch nicht richtig einschätzen, was in der Mannschaft passiert. Er war einfach zu weit weg. Vielleicht hätte man nochmal eingreifen müssen, aber selbst dann wäre es schwierig geworden. Es war einfach keine Mannschaft mehr da. Es waren Einzelspieler, der unbedingte Wille, in der Liga zu bleiben, fehlte. Den hat man auch im Training nicht mehr richtig gespürt. Jeder versuchte, sein eigenes Süppchen zu kochen. Wir sind am Ende völlig verdient abgestiegen. Es war eine sehr lehrreiche Zeit für mich. Ich habe gesehen, dass der Charakter mit das Wichtigste bei einem Spieler ist, die Qualität nicht an erster Stelle steht."

die Tage nach dem Lizenz-Entzug: "Abstieg ist nie etwas Gutes. Man muss sich mal die Situation vor Augen führen: Alle Verantwortlichen waren weg, es gab keine Spieler mehr. Kein Ansprechpartner war da. Was macht man da? Wir standen vor dem Nichts. Wir wussten nicht, welche Spielerverträge überhaupt noch gültig waren. Dazu die Insolvenz, die uns lange Zeit bedrohte. Etliche Spieler konnten und durften wochenlang keinen Vertrag unterzeichnen. Die Lichter hätten wirklich ganz ausgehen können. Es war eine Mammutaufgabe."

Daniel Bierofka: auf dem Papier noch U21-Trainer

seinen eigenen Vertrag: "Es ging alles so schnell. Ich habe gar nicht über meine Position nachgedacht. Ich glaube, in meinem Vertrag steht immer noch U21-Trainer. Für mich war es erst mal wichtig, alles andere zu regeln."

die Rückkehr ins Grünwalder Stadion: "Die Stimmung derzeit bei den Heimspielen ist außergewöhnlich. Das sind englische Verhältnisse, wir leben Fußball pur. Und dem Verein, den Fans tut es einfach gut, dass wir zu unseren Wurzeln zurückgekehrt sind und im Moment den Fußball in aller Einfachheit leben. Das alles trägt dazu bei, dass sich die Menschen wieder mit der Mannschaft identifizieren können."

sein Verhältnis zu Hasan Ismaik: "Wir waren immer im Austausch. Er hat früher auch die U21 verfolgt und gratulierte mir zu den Erfolgen. Nachdem ich vor zwei Jahren interimsweise den Verein in der Liga halten konnte, hat sich ein ganz normales Verhältnis entwickelt. Wir hatten Kontakt nach dem Doppelabstieg, und er äußerte mir gegenüber den Wunsch, dass ich die Mannschaft übernehme. Momentan reden wir weniger miteinander, aber er sieht selbst, dass es derzeit gut läuft."

Emotionen und Leidenschaft: "Wenn man vom Spieler zum Trainer wird,  dann muss man auch erstmal lernen, gewisse Situationen einfach hinzunehmen. Ich bin ruhiger, aber ab und an kommt es einfach raus. Emotionen auf und neben dem Platz gehören dazu. Aber meine Spieler wissen, dass ich es nie böse meine. Ich lebe alles mit. Ich freue mich mit meinen Spielern, ich leide mit ihnen. Jeder hat seine Macken und ich denke, dass man nicht zu aalglatt sein darf. Diego Simoene sagte mal: 'Eine gewisse Persönlichkeit des Trainers findet man in der Struktur seiner Mannschaft.' Das ist ein Satz, den man so stehen lassen kann."

seine Trainer-Vorbilder: "Ich verfolge alle Trainer. Teilweise auch die Pressekonferenzen, um zu sehen, was sie sagen und wie sie sich geben. Gerade Nagelsmann und Tedesco machen einen tollen Job. Aber nicht jeder Trainer passt zu jedem Verein. Es gibt ja schon Trainerscouts in den Klubs, die sich umschauen und potenzielle Kandidaten beobachten. Das finde ich gut. Auch zu 1860 passt nicht jeder Trainer. Wenn hier einer mit dem Anzug draußen steht und sich nicht fannah gibt, dann könnte das zum Problem werden. Klar ist, dass ich hier etwas hinterlassen will. Mein Nachfolger soll eine intakte Mannschaft, eine gute Struktur vorfinden. Das ist mein großes Ziel."

seinen Vater Willi Bierofka: "Wir tauschen uns viel aus und streiten uns auch oft. Er ist bei jedem Spiel vor Ort, schaut beim Training zu, und wir können sehr lebhaft über Taktik und Spielordnungen diskutieren. Er lebt alles mit. Von ihm kommen oft Denkanstöße, die mich weiterbringen."

Lesen Sie hier: Wie das Bierofka-Team an der Chancenverwertung scheiterte

Die Einzelkritik zur Nullnummer in Seligenporten

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