TSV 1860: Die zwei Gesichter des Dennis Erdmann

Sechzigs Raubein polarisiert. Coach Michael Köllner hält seinen Defensivmann für einen "reflektierten, intelligenten Jungen". Kult-Trainer Karsten Wettberg: "Er hat schon öfters die Grenze überschritten".
| Matthias Eicher
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Kein Spieler der 3. Liga hat in dieser Saison mehr Gelbe Karten gesehen wie Dennis Erdmann.
Kein Spieler der 3. Liga hat in dieser Saison mehr Gelbe Karten gesehen wie Dennis Erdmann. © imago images / Eibner

München - Dennis Erdmann ist zweifellos ein außergewöhnlicher Typ. In eine Schublade stecken lassen will sich der 29-Jährige nicht.

"Das hat auch was mit freier Meinungsäußerung zu tun. Wenn du heute politisch was hinterfragst, wirst du gleich als doof, rechts, Aluhutträger oder Verschwörungstheoretiker abgestempelt", sagte der gebürtige Frechener kürzlich in einem Interview mit der "Bild" - und erklärte, nach seiner Karriere als Profifußballer vielleicht Politiker zu werden. Irgendwie der ganz normale Erdmann-Wahnsinn.

Dennis Erdmann hat sich ein bestimmtes Rollenbild zugelegt

Auf der einen Seite ist da der Fußball-Profi Dennis Erdmann, den die breite Öffentlichkeit nur aus dem Stadion und dem Fernsehen kennt. Über die Jahre hat er sich ein ganz bestimmtes Rollenbild zugelegt: Das des grimmig-martialischen Abwehr-Raubeins, des rustikalen Kartensammlers (zuletzt drei Verwarnungen in Folge) und streitsuchenden Provokateurs, der auch in Interviews gerne mal mit derber Wortwahl Klartext spricht. Legendär sein Spruch: "Zur Not foule ich auch den Papst."

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Der Mann mit "Spitznamen "Erde" lässt auch gerne seinen Frust ab: So geschehen nach der jüngsten 1:2-Pleite am Sonntag bei seinem Ex-Klub Dynamo Dresden. "Wir beschweren uns so oft über fehlende Courage und freie Meinungsäußerung - und das nicht nur im Fußball. Und wir äußern uns, dass in den NLZ nur noch gleiche Typen ausgebildet werden", sagte 1860-Coach Michael Köllner nach der Niederlage und verteidigte den Wutausbruch des ganz und gar nicht weichgebügelten Löwen: "Jetzt haut der nach dem Spiel gegen den Stuhl und die Bande und alle denken wieder: 'Klar, passt genau.' Ich bin aber froh, dass er so ist, wie er ist."

Erdmanns "Kopf-ab-Geste" sorgte für Negativ-Schlagzeilen

Im Umfeld der Sechzger sind längst nicht alle froh um Erdmanns Wirken. Auch bei den Fans polarisiert der Ex-Dresdner, sorgte kürzlich mit seinem Torjubel beim 1:1 in Rostock und der "Kopf-ab-Geste" für Negativ-Schlagzeilen, die der Verein etwas unglücklich mit den Worten relativierte, sie sei "nahe an seiner Persönlichkeit."

Wie Kult-Trainer Karsten Wettberg erklärt, hat sich Erdmann mit seinem Auftreten keinen Gefallen getan. "Emotionen gehören zum Fußball dazu, aber Dennis Erdmann hat da schon öfter Grenzen überschritten. Dadurch lebst du gefährlich", sagt der 79-Jährige der AZ über das erdmannsche Auftreten, das es ihm auf den Rasen auch manchmal erschwert: "Schiedsrichter kennen ihn, schauen genauer hin. Von den Gegenspielern und Fans wird so einer mit Sicherheit provoziert. So ein schlechtes Image kriegst du so schnell nicht wieder los."

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Köllner traut Erdmann politische Karriere zu

Auf der anderen Seite steckt da noch der Mensch Dennis Erdmann dahinter. Und den verteidigte Coach Köllner schon vor dem Spiel: "Am TV siehst du einen Kerl, der rumbrüllt, mit dem Schiedsrichter oder Gegenspielern diskutiert. Aber für mich ist Dennis ein vollkommen anderer Spieler."

Erdmann sei "ein reflektierter, intelligenter Junge" und ein "klasse Mensch", mit dem man sich "über alles unterhalten" könne.

Der 50-Jährige würde seinem Schützling daher auch eine politische Karriere zutrauen und hofft, "dass er sich nie verbiegen" lasse. Wettberg sieht es anders: "Das muss er selbst wissen, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen. Als Fußballer gefallen mir Typen", so Wettberg, wobei Erdmann "eher einer zum Fürchten" sei: "Er sollte lieber Schauspieler werden, so gefährlich, wie er schauen kann." In der Politik müsse man eher mit Bedacht handeln, was wohl nicht unbedingt zu Erdmanns größten Stärken zählt.

Fragt sich nur, was unter seiner harten Schale wirklich steckt: Um dies zu beurteilen, sagt der "König von Giesing" nicht zu Unrecht, müsse man "ihn persönlich kennen."

"Er sollte sich erstmal auf den Fußball konzentrieren"

Aus aktuellem Anlass hat Wettberg einen Ratschlag an Erdmann, der sich zuletzt gleich mehrfach durch Wort und Tat vom Wesentlichen ablenken ließ: "Er sollte sich erstmal auf den Fußball konzentrieren, denn vom Namen her müsste er eigentlich Stammspieler sein."

Seit seinem Wechsel zu 1860 im Sommer 2019 pendelte Erdmann häufiger zwischen Startformation und Ersatzbank, als ihm lieb sein kann. Auch jetzt hat er in seinen acht Einsätzen nur 334 Spielminuten gesammelt.

Vielleicht würde ihm ja ein bisserl mehr Nächstenliebe gemäß des Glaubens- und Werte-Kompass' seines Trainers gut tun, denn: Courage geht auch ohne Aggressivität.

 

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