"Sechzig bräuchte mal eine schlagkräftige Mannschaft": Ex-Löwe Böhnlein kritisiert die Transferpolitik des TSV 1860

AZ: Herr Böhnlein, können Sie sich noch an den 20. Juni 2020 erinnern?
KRISTIAN BÖHNLEIN: Der 9. Juni 2020? Puh (überlegt), vielleicht das Spiel mit den Löwen gegen Uerdingen?
Böhnlein erzielte erstes Profitor beim TSV 1860
Korrekt: Beim 3:1-Sieg des TSV 1860 beim KFC Uerdingen ist Ihnen ein Traumtor zum 1:1 geglückt, ihr erstes Tor überhaupt im Profifußball – und ihr einziger Drittliga-Treffer für Sechzig.
Ich kann mich erinnern, das war natürlich ein geiles Gefühl. Leider war das ja die Corona-Saison, bei der keine Fans zugelassen war, wir haben damals in Düsseldorf also in einem leeren Stadion gespielt und keinen Jubel von den Rängen gehört. Das hätte mir noch besser gefallen. Ich erinnere mich trotzdem gerne daran, wir haben nach dem Sieg auch noch mit einem Auge auf den Aufstieg geschielt.
Wir sprechen von der Saison 2019/20, ihrem zweiten Jahr bei Sechzig, kurz nach der Corona-Pause des Spielbetriebs. 1860 hatte unter dem neuen Trainer Michael Köllner eine Serie von 14 Spielen ohne Pleite hingelegt. Wieso hat es am Ende nicht geklappt mit dem Aufstieg?
Als Michi Köllner damals übernommen hat, hat es zwischenzeitlich schon so ausgesehen, als wäre da nach oben noch was möglich. Der Trainer war menschlich top, er hat uns gut abgeholt, konnte Spieler saugut einschätzen und seine taktischen Anpassungen haben oft sehr gut gegriffen: Wir haben guten Fußball gespielt und öfter Rückstände gedreht. Aber der vorherige Rückstand in der Tabelle war am Ende insgesamt einfach zu groß.
Als Michi Köllner damals übernommen hat, hat es zwischenzeitlich schon so ausgesehen, als wäre da nach oben noch was möglich.
Zahlreiche Profis fuhren ohne Vertrag ins Trainingslager
Zwischen 2018 und 2020 haben Sie zwölf Drittliga-Einsätze absolviert, für einen Stammplatz hat es nicht gereicht. War’s 1860 trotzdem wert?
Auf jeden Fall, ich habe Sechzig nicht bereut – erstrecht nicht, weil ich ja selbst Sechzger-Fan bin. Nach dem Absturz aus der Zweiten Liga in die Regionalliga hat 1860 mit Biero (Daniel Bierofka, d. Red.) ja den Aufstieg geschafft, den wohl nur der Biero als absolute Löwen-Legende so hinbekommen konnte: Damals hatte er ja die Spieler wie Sascha Mölders oder Jan Mauersberger zusammengetrommelt und viele Jungs sind ohne Verträge mit ins Trainingslager (Obertraun, d. Red.) gefahren – diese Geschichte haben sie danach oft erzählt, als ich nach dem Aufstieg gekommen bin (lacht). Für mich war es dann am Anfang schwer, in der Dritten Liga mit 28 Jahren die Anpassung vom Amateursport auf Profi-Niveau hinzukriegen: Biero hatte hohe Anforderungen und ich habe da, sagen wir mal, einige eine Zeit gebraucht. Aber ich habe immer Gas gegeben und bin Sechzig nicht böse – und danach bin ich eben zum Schnüdel geworden.
Bevor wir über Schweinfurt sprechen: Sie hatten uns als Löwe mal erzählt, dass Sie eine Ausbildung zum Bank-Kaufmann absolviert haben. Sie kennen die Verhältnisse bei 1860 ja ganz gut. Wenn Sie Geschäftsführer der Blauen wären, wie würden Sie den Laden anpacken – und wie soll die Rechnung mit stets enormen Erwartungen, aber gleichzeitig knappen Kassen aufgehen?
Dazu müsste ich den Ist-Zustand und die Zahlen genauer kennen. (lacht) Aber was man schon sagen kann: 1860 hat als Traditionsverein mit den ganzen Fans schon tolle Möglichkeiten: Die Stadionauslastung ist top, von einem solchen Trikotverkauf kann Schweinfurt wohl nur träumen. Natürlich ist der Knackpunkt, was auch hängenbleibt, natürlich braucht man das nötige Kleingeld und einen guten Etat, um im Liga-Vergleich zu bestehen. Wobei das Geld aber manchmal auch zweitrangig ist: Sechzig bräuchte mal eine schlagkräftige Mannschaft, die ihren Kern behält und sich nur punktuell verstärkt. Bei den Löwen sehe ich da leider öfter Riesen-Umbrüche und eine hohe Fluktuation an Spielern. Sie haben im vergangenen Sommer zwar einige große Namen geholt, aber es bräuchte mal Kontinuität, um etwas aufzubauen.

Böhnlein kann sich Rolle als Funktionär vorstellen
Nun steht am Samstag (14 Uhr, im AZ-Liveticker) das Duell der Schnüdel gegen die Löwen an. Sie dürften sich mehr sportlichen Stellenwert für das Wiedersehen gewünscht haben. . .
Absolut. Ich freue mich auf das Duell, aber ich hätte mir für uns gewünscht, dass wir noch in Schlagdistanz zu einem Nichtabstiegsplatz liegen – und für Sechzig, dass ein Aufstiegsplatz noch in Reichweite liegt. Wir wollen uns bei unseren Fans trotzdem mit einem Fußballfest von der größeren Bühne verabschiede und die tolle Kulisse genießen.
Wie geht es denn bei Schweinfurt und auch bei Ihnen persönlich weiter? Nach dem feststehenden Abstieg hat kürzlich auch noch Boss und Hauptsponsor Markus Wolf nach öffentlicher Fan-Kritik seinen Rückzug angekündigt.
Was die Kritik an Markus Wolf angeht, kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen: Wer weiß, in welchen Gefilden der Verein ohne ihn jetzt wäre. Wie düster es ohne ihn aussieht, lässt sich noch nicht sagen: Ich hoffe, dass der Verein inzwischen so groß und breit aufgestellt ist, dass es geordnet weitergehen kann. Nach der Mitgliederversammlung am Montag sind wir schlauer. Nach meinem Karriereende als Spieler könnte ich mir schon vorstellen, eine Laufbahn als Fußballfunktionär einzuschlagen, aber ich bin nicht auf Teufel komm raus darauf angewiesen. Aber vorher geht es darum, auch nächste Saison noch für die Schnüdel aufzulaufen: Dieser Verein ist für mich ein tolles Kapitel. Ich durfte Schweinfurt als Kapitän zum Aufstieg führen. Meine Kinder sind hier geboren, ich bin hier heimisch geworden. Natürlich kann ich mir vorstellen, mitzuhelfen, dass es wieder vorwärts geht.