Mit Stefan Schneider geht Sechzigs große Liebe

Löwen-Schock: Nach 28 Jahren und 602 Spielen hört Stefan Schneider als Stadionsprecher auf. Er macht dem Verein ein großes Abschiedsgeschenk. Die Fans starten eine Petition: "Er muss bleiben!"
| Matthias Kerber
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"Lieber Stefan, Du hast immer einen festen Platz in unserem Herzen. Du und Deine Stimme werden fehlen. Vergelt's Gott!", erklärt der TSV 1860 in einer Pressemitteilung über Stefan Schneider, der als Stadionsprecher aufhört.
"Lieber Stefan, Du hast immer einen festen Platz in unserem Herzen. Du und Deine Stimme werden fehlen. Vergelt's Gott!", erklärt der TSV 1860 in einer Pressemitteilung über Stefan Schneider, der als Stadionsprecher aufhört. © sampics / Stefan Matzke

München - Die Giesinger Halbwertszeit von Spielern, Trainern, Managern, Geschäftsführern und Präsidenten ist meist marginal bis überschaubar. Viele von ihnen waren eher buchhalterische Durchlaufposten, schafften es maximal zur Fußnote in der an Turbulenzen, Streitereien, Machtkämpfen und Intrigen so reichen Vereinsgeschichte des Traditionsvereins. Nur einer, der war immer da: Stefan Schneider, der Stadionsprecher des TSV 1860, die charmant-markante Stimme der Löwen.

Eine Konstante im Löwen-Dunstkreis

Während für das restliche Interieur die Drehtür daueraktiv war, blieb der Mann mit dem Mikro, der so ein sensibles Gespür für die Stimmungen und Emotionen im Stadion hatte, die eine Konstante im Löwen-Dunstkreis. 28 Jahre lang. Eine ganze Generation an Sechzig-Fans kannte nur diesen Stadionsprecher. Bis jetzt.

Bis zu diesem 22. März 2021. Da folgte auf den sportlichen Paukenschlag, dem 1:0-Erfolg der Sechzger über Tabellenführer Dynamo Dresden, der nächste. Ein persönlicher. Ein persönlicher Abschied. Der von Stefan Schneider. Nach dem Schlusspfiff nahm der 58-Jährige das Mikrofon in die Hand. Alles wie immer. Er bedankte sich bei den (coronabedingt) wenigen Fans. Alles wie immer. Er wies auf das nächste Spiel hin. Alles wie immer. Doch dann war nichts mehr wie immer.

Ein überraschender Abschied

"Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir noch zwei persönliche Worte. Ich darf mich nach fast 30 Jahren als Ihr Stadionsprecher bei Sechzig München ganz, ganz herzlich verabschieden", sagte Schneider, "ich möchte mich bedanken für viele großartige Momente und bei den Fans des TSV 1860 für die unheimliche Unterstützung. Es war mir immer eine Ehre, vor diesen Fans zu moderieren. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Vielen Dank bis irgendwann dann hier in der Stadionkurve bei einem Bier. Ihr Stadionsprecher Stefan Schneider."

Dann legte er das Mikro aus der Hand. Der letzte Gruß des Ur-Münchners, des Ur-Löwen, durch dessen Venen mehr (löwen-)blaues Blut fließt als bei nahezu jedem.

Sechzigs Rod Stewart: Schneider im Jahr 2007.
Sechzigs Rod Stewart: Schneider im Jahr 2007. © Rauchensteiner

Die Vereinsbosse wollten ihn umstimmen

Eine Ära ist damit beendet. Nach 28 Jahren voller Tiefen (viele) und Höhen (weniger), voller Emotionen, voll kultiger Sprüche ("andere gehen zur Domina, ich gehe zum TSV 1860"), nach 602 Spielen, in denen Schneider der Einheizer, der Moderator, der Tröster, der Hoffnungsmacher, der Tränentrockner, der Blitzableiter in drei unterschiedlichen Löwengehegen (Grünwalder Stadion, Olympiastadion, Allianz Arena) war, mag der Schneider einfach nicht mehr.

Die Vereinsbosse versuchten noch, am Abend Stefan Löwenherz umzustimmen. Vergeblich. Der Mann, der aus seinem Löwenherzen nie eine Schlangengrube gemacht hat, hatte sich seinen Entschluss lange - sehr lange - und gut - sehr gut - überlegt.  "Es gibt keinen guten Zeitpunkt, um Abschied zu nehmen. Egal, wann man es macht, es wird immer der falsche Zeitpunkt sein", sagte Schneider, der am Morgen bereits mehrere hundert Nachrichten von entgeisterten Fans und Freunden erhalten hatte, der AZ.

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Seit 30 Jahren kein freies Wochenende

"Es gibt keinen besonderen Grund. Man hat mir nichts getan. Ich hatte nur fast 30 Jahre kein freies Wochenende, ich war Stadionsprecher bei den Löwen und bin es noch beim EHC Red Bull München. Ich wollte nie dahin kommen, dass sich die Leute fragen: 'Wer sagt ihm jetzt, dass er einfach alt geworden ist?'", sagte Schneider: "Die Entscheidung tut mir selber weh. Aber ich bleibe den Löwen treu. Fast 30 Jahre durfte ich nie ein Bier im Stadion trinken, jetzt freue ich mich drauf, bald mal als Fan ins Stadion zu gehen, im Stehplatzbereich zu sein. Und mir ein Bier und eine Wurst zu gönnen."

Zurück zu den Wurzeln. Dorthin, wo alles anfing. Als Klein-Stefan sechs Jahre alt war, nahm ihn der Opa das erste Mal mit zu den Löwen. Er war auch mal bei den Bayern. Doch die gewannen immer, Sechzig verlor. "Da wusste ich, die Sechzger brauchen meine Unterstützung. Ich habe der Oma gleich gesagt, sie soll mir bitte einen Schal von den Löwen stricken", sagte Schneider.

Köllner unterstützt die Petition

Mit Schal und Fahne fuhr er mit der Straßenbahn den Giesinger Berg nauf. Am Trittbrett, weil die Tram immer voll war. Er stand dann im Block J. "Ich war immer Fan der Löwen, hatte 25 Jahreskarten am Stück. Sechzig war immer in meinem Herzen, daran wird sich nichts ändern", sagte Schneider, den EHC-Geschäftsführer Christian Winkler mal als den "wahren Monaco Franze" beschrieben hat, der mit Oberbürgermeister Dieter Reiter befreundet ist, der in München längst Kultstatus genießt.

Schneider, hier mit Maurer, ist leidenschaftlicher Koch.
Schneider, hier mit Maurer, ist leidenschaftlicher Koch. © Stefan Matzke / sampics

Aber wird sich an Schneiders Entschluss noch was ändern? Die Fans starteten umgehend eine Petition "Stefan Schneider muss bleiben". Die wurde auch sogleich von Trainer Michael Köllner, einem engen Freund von Schneider, unterstützt. Der Verein erklärte in einer Pressemitteilung: "Lieber Stefan, Du hast immer einen festen Platz in unserem Herzen. Du und Deine Stimme werden fehlen. Wir wünschen Dir alles erdenklich Gute und danken Dir für eine unvergessliche Zeit. Vergelt's Gott, Stefan."

"Münchens große Liebe": Schneider geht, der Slogan bleibt

Und Investor Hasan Ismaik erklärte auf Facebook: "Mit Bedauern habe ich die Nachricht aufgenommen. Ich hoffe, wir können Stefan Schneider von diesem Schritt noch abbringen. Er ist ein Urgestein des TSV 1860- und muss bleiben."

Bleiben wird viel vom Schneider bei den Löwen, seinen Löwen - das ist klar. Er war für viele das Gesicht dieses Vereins, bei dem man sich ständig an neue Gesichter gewöhnen musste. Und bleiben wird vor allem ein großes Geschenk, eine große Geste. Schneider war bisher der alleinige Inhaber der Markenrechte des Slogans "Münchens große Liebe". Diese Rechte übertrug er zusammen mit seinem Abschied vollumfänglich und kostenlos an den Verein.

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