"Hobschi wäre damals gerne zu uns gekommen": Ex-Boss Pfeifer packt über den Abwerbeversuch aus
AZ: Herr Pfeifer, wie war’s im Trainingslager in der Türkei, sind Sie braun geworden?
MARC-NICOLAI PFEIFER: Entscheidend war, dem Wetterrisiko in Deutschland zu entfliehen und für die Vorbereitung auf die Rückrunde bestmögliche Rahmenbedingungen vorzufinden. Wir haben sehr hart gearbeitet, mit hoher Intensität an den Themen, die wir nach der Hinrunde identifiziert haben. Gleichzeitig gab es abseits der Einheiten viele gute Gelegenheiten, das Miteinander weiter zu festigen. Die Sonne war Mittel zum Zweck für optimale Trainingsbedingungen.
Pfeifer: "Eine emotionale Zeit mit einer sehr steilen Lernkurve"
Sie haben an der türkischen Riviera auch bei 1860 vorbeigeschaut. Welche Erinnerungen werden wach, wenn Sie an Giesing denken, wo Sie am Samstag um 14 Uhr mit RWE den Rückrundenauftakt begehen?
Ich blicke weitestgehend sehr positiv auf meine Zeit bei den Löwen zurück. Wir hatten in großen Teilen eine erfolgreiche Phase: Gemeinsam mit Günther Gorenzel und Michael Köllner haben wir die KGaA sportlich wie wirtschaftlich klar weiterentwickelt. Gerade im Sponsoring konnten wir deutliche Fortschritte erzielen und wichtige Impulse setzen. Auf menschlicher Ebene sind Begegnungen entstanden, die sich vertieft haben und sich teilweise zu Freundschaften entwickelt haben. Und für mich persönlich war es eine intensive und emotionale Zeit mit einer sehr steilen Lernkurve.
Bevor wir darauf konkreter eingehen: Wie blicken Sie aktuell auf das Duell zwischen 1860, vor Saisonbeginn Aufstiegsfavorit und RWE, vielleicht eher als Geheimfavorit angesiedelt?
Wir hatten eine sehr ordentliche Hinrunde, aus der wir sportlich wie inhaltlich viel mitnehmen. In dem ein oder anderen Spiel wäre sicher noch mehr möglich gewesen – auch mit Blick auf die Punktausbeute. Wir haben ambitionierte und zugleich realistische Etappenziele definiert, das schließt sich nicht aus. Der Aufstieg ist für uns eine mittelfristige Vision, an der wir konsequent arbeiten. Nach den ersten Transfers im Sommer war bei Sechzig eine klare Aufbruchstimmung wahrzunehmen, und Verantwortliche haben den Aufstieg oder zumindest das Ziel Aufstieg offen formuliert. Wir bleiben bewusst im Hier und Jetzt und wollen uns Schritt für Schritt weiterentwickeln.

"Die Erwartungshaltung war rund um Sechzig spürbar"
1860 kam durch seine höherklassigen Transfers wie Kevin Volland, Florian Niederlechner und Co. kaum an der Favoritenrolle vorbei, konnte den hohen Erwartungen (noch) nicht gerecht werden. Wie bewerten Sie die Sechzger, die sich mit 30 Punkten auf Rang acht wieder herangepirscht haben?
Nach den genannten Transfers im Sommer war die Erwartungshaltung rund um Sechzig spürbar. Zudem gibt es weitere Vereine wie etwa Hansa Rostock und einem anderen Verein im Westen, die ihre Ambitionen sehr klar formuliert haben. Insofern sehe ich drei, vier Mannschaften mit einer anders gelagerten Zielsetzung als wir. Nach der Verpflichtung von Markus Kauczinski passt es aus meiner Sicht sehr gut zwischen dem Trainer und der Mannschaft. In einer Kauczinski-Tabelle zählt 1860 zu den absoluten Top-Teams.
Dummerweise – zumindest aus Sechzger-Sicht – fehlt Kauczinski aktuell fast eine gesamte Elf. Ein günstiger Zeitpunkt, beim TSV zu eröffnen?
In eine solche Denkweise wollen wir gar nicht erst kommen. Das könnte dazu führen, dass man ein paar Prozentpunkte weniger investiert. Sechzig gehört vom Potenzial her zu den besten Mannschaften der Liga. Unser Fokus liegt klar auf uns, wir wollen uns auf uns selbst konzentrieren.
Pfeifer will TSV 1860 schlagen
. .. und drei Punkte von Giesings Höhen entführen?
Dem ist nichts hinzuzufügen. Die Antwort soll aber nicht bedeuten, dass dabei Genugtuung mitschwingen würde: Wir wollen einfach einen Aufstiegsfavoriten schlagen – das wäre für uns ein großer Erfolg, gerade auswärts.
Beim Thema Winter-Transfers zeichnen sich zwei gänzlich unterschiedliche Wege ab: RWE hat mit Danny Schmidt und Ben Hüning zwei Spieler geholt und laut "Reviersport" weitere Transfers im Auge, Mittelfeldspieler Tom Moustier steht vor dem Abschied. Bei Sechzig stehen die Transferaktivitäten still.
Ich kann und will nicht beurteilen, weshalb sich die Löwen nicht verstärken, ob Coach Kauczinski oder Geschäftsführer Manfred Paula noch nicht lange genug da sind, die finanziellen Mittel fehlen oder es andere Hintergründe gibt. Was uns betrifft, haben wir die Hinrunde klar analysiert. Wir vertrauen unserem Kader, haben aber auch Optimierungspotenziale erkannt. Unser großes Ziel war es, Tom Moustier zu halten. Der Wechselwunsch des Spielers ist jedoch extrem ausgeprägt und das respektieren wir.

"Kein Geheimnis, dass Hobschi damals gerne zu uns gekommen wäre"
1860-Stürmer Patrick Hobsch haben Sie – anders als vor einem Jahr – diesmal aber nicht angerufen, oder?
Zumindest nicht, um ihn im Winter-Transferfenster nach Essen zu holen. (lacht) Nein, es ist ja kein Geheimnis, dass Hobschi damals gerne zu uns gekommen wäre, aber vom Verein keine Freigabe erhalten hat. Jetzt stellt sich die Frage nicht: Er ist ein Gewinner des Trainerwechsels, wir haben auf dieser Position bereits nachgelegt.
Beim Thema Kaderplanung sind wir bei Christian Werner angelangt, den Sie bei 1860 installiert haben und der wenige Spieltage nach Saisonbeginn gehen musste. Ein Funktionär, dem aus dem Umfeld gute Arbeit bescheinigt wurde, der sich großer Beliebtheit erfreut hat: Fühlen Sie sich an ihren eigenen Werdegang bei 1860 erinnert?
Christian und ich schätzen uns. Er hat einen tollen Kader zusammengestellt, der von externen Experten wie vereinsintern enorm gelobt wurde. Ich kann nur mutmaßen, das vereinspolitische Gründe zum Bruch geführt haben. Auf meine Zeit bei Sechzig blicke ich gerne und mit Überzeugung zurück. Es freut mich, wenn meine Arbeit und meine Person positiv in Erinnerung geblieben sind. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung. Ich habe immer versucht, als Brückenbauer zwischen den Gesellschaftern aufzutreten und in der internen wie externen Kommunikation wertebasiert zu agieren. Ich denke, Sechzigs größter Gegner ist nicht der FC Bayern, RWE oder Rostock. Sechzigs größter Gegner ist manchmal Sechzig selbst. Dieser Verein hat Riesen-Potenzial, aber größte Herausforderungen bezogen auf die Strukturen. Dabei gilt es, grundsätzliche Themen zu regeln.

RWE gelang Entscheidung für Stadionsanierung ohne Probleme
Etwa das leidige Dauerthema Grünwalder Stadion. Sie hatten 1860 damals im Liga-Vergleich einen Wettbewerbsnachteil attestiert.
Bei Sechzig war es mein Ansatz, einen tragfähigen Kompromiss zu entwickeln: die Sicherung des Standorts Giesing, eine Kapazität, die wirtschaftlich Sinn ergibt, Modernisierung sowie die Erfüllung aller lizenzrelevanten Kriterien. Dieser Prozess wurde angestoßen. Ich drücke für die weitere Entwicklung die Daumen, das wird letztlich auch von rechtlichen und genehmigungsrechtlichen Bewertungen abhängen.
Bei RWE ist die Entscheidung zur Sanierung des Stadions an der Hafenstraße gelungen.
Der große Unterschied zwischen Sechzig und RWE besteht darin, dass es bei uns keine große Diskussion gab, denn die Ausgangslage war eine andere. Hier gab es schnell die gemeinsame Überzeugung, das Stadion zu ertüchtigen und die nächste Ausbaustufe zu realisieren. Stadt und Verein ziehen an einem Strang. Dieses Ergebnis gibt Rot-Weiss Essen Stabilität – und die Möglichkeit, nachhaltig weiter zu wachsen.

