Laborversuch: Bundesliga-Auftakt unter scharfer Beobachtung

Kalou in der Kabine, Herrlich im Supermarkt: Die vergangenen Tage dokumentierten deutlich, welche neuen Herausforderungen Spieler und Trainer in der Bundesliga erwarten. Die Verantwortung ist groß, für die Proficlubs gilt ab jetzt: Fußball spielen auf Bewährung.
| dpa
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Ab dem 16. Mai wird die Bundesliga-Saison fortgesetzt.
Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/dpa Ab dem 16. Mai wird die Bundesliga-Saison fortgesetzt.

Frankfurt/Main - Jetzt gilt's! Knapp zehn Wochen nach dem ersten Corona-Stopp wagt die Fußball-Bundesliga mit angepasstem Regelwerk den Sprung zurück in den Alltag - und steht beim Neustart als erste große internationale Sportliga überhaupt unter maximaler Beobachtung.

Das Kabinenvideo von Herthas Salomon Kalou und eine flapsige Einkaufserzählung von Augsburg-Trainer Heiko Herrlich boten schon vor der Wiederaufnahme einen Vorgeschmack, welche Fallhöhe den Beteiligten droht: Die Missachtung der Hygieneregeln hat nicht nur direkte Konsequenzen zur Folge, sondern bringt eine ganze Branche in Verruf und den "absoluten Notbetrieb", so DFL-Boss Christian Seifert, in akute Gefahr.

Von diesem Samstag an soll sich aus Sicht der Deutschen Fußball Liga wieder alles um Fußball drehen, doch so einfach ist das nicht. Der unter strengen Auflagen genehmigte Neustart mit Geisterspielen wird für die ganze Liga zum Stresstest, weil sich der Fokus mit Beginn der Spiele um 15.30 Uhr ganz auf die Aktiven richtet. Tragen die Auswechselspieler den Mundschutz? Benutzt jeder seine eigene Trinkflasche? Wird auf der Bank und beim Torjubel Abstand gehalten? Fragen, die vor Monaten nach Satire klangen, entscheiden nun mit über den Erfolg eines mühevoll ausgearbeiteten Konzepts der DFL-Taskforce.

Auch für die Verantwortlichen ergibt sich so eine Sondersituation. "Ich war fast noch nie so angespannt. Wir wissen sportlich nicht, wo wir stehen. Ich frage mich natürlich, ob alles funktionieren wird, was wir organisatorisch vorbereitet haben", sagte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der "Funke Mediengruppe". Bayerns Trainer Hansi Flick betonte: "Die ganze Welt schaut auf Deutschland, wie wir das machen." Dies könne eine Signalwirkung für "alle Ligen" haben, betonte der Coach.

Ein Punkt des DFL-Konzepts wurde kurz vor dem Spielstart am Freitag offenbar doch noch einkassiert. So müssen die Trainer laut "Bild-Zeitung" nun doch keinen Mundschutz tragen, sondern lediglich den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. DFL-Direktor Ansgar Schwenken sagte dazu: "Für die Trainer ist eine solche ausreichende Abstandswahrung gewährleistet, wenn sie sich mit einem Abstand von mindestens 1,5 Metern losgelöst von den anderen Personen bewegen."

Ob die Saison bis 30. Juni beendet werden kann, ist angesichts vieler ungeklärter Fragen völlig offen. Schon die zügige Erlaubnis von Bund und Ländern ist für die Branche aber ein Teilerfolg, auf dem nun aufgebaut werden soll. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), der den Neustart kritisch sieht, deutete in einem "Spiegel"-Interview bereits an, die komplette Bremer Mannschaft in Quarantäne zu schicken, wenn sich ein Profi mit dem Coronavirus infiziere.

Ein Werder-Spieler befindet sich in einer zweiwöchigen häuslichen Quarantäne, weil eine Person aus seinem direkten Umfeld zuvor positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Das gaben die Bremer am Freitagnachmittag bekannt. Das komplette Werder-Team darf allerdings weiter trainieren und am Montagabend in der Bundesliga auch gegen Bayer Leverkusen antreten, da der Spieler selbst nach Angaben des Vereins seitdem zwei Mal negativ getestet wurde.

Während in der 2. Bundesliga einzelne Spiele wegen einer Team-Quarantäne von Dynamo Dresden verlegt wurden, soll das Oberhaus planmäßig mit allen neun Partien des 26. Spieltags starten. Unklar ist hingegen noch, ob das Montagsspiel zwischen Bremen und Leverkusen im Fernsehen zu sehen ist. Hintergrund des Problems ist ein Streit um den TV-Vertrag zwischen dem Konzern Eurosport/Discovery und der DFL.

Um zumindest die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung von Spielern auf ein Minimum zu reduzieren, ordneten Bund und Länder an, dass Vereine sich vor dem Neustart in ein quarantäneartiges Trainingslager begeben sollen. Dieses sollte sieben Tage dauern. Doch auch damit gab es Schwierigkeiten: Während Gladbach sein Hotel erst am Montag bezog und damit deutlich zu kurz vor dem ersten Spiel in Frankfurt am Samstag (18.30 Uhr), nahm es Augsburgs neuer Coach Herrlich mit der Anordnung nicht so genau. Um Hautcreme und Zahnpasta zu besorgen, ging der frühere Profi zum Supermarkt, wie er am Donnerstag freimütig in einer Presserunde erzählte.

Was der frühere Profi zunächst wie eine Schmonzette schilderte, hat nun schnell Konsequenzen. Herrlich räumte das Fehlverhalten nach wachsender Kritik noch am Abend ein und verordnete sich selbst eine Zwangspause für das Training am Freitag und die Partie gegen den VfL Wolfsburg am Samstag. Sein Debüt verschiebt sich also zunächst um eine Woche. "Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich das Hotel verlassen habe. Auch wenn ich mich sowohl beim Verlassen des Hotels als auch sonst immer an alle Hygienemaßnahmen gehalten habe, kann ich dies nicht ungeschehen machen", sagte Herrlich.

Auch der 1. FC Union Berlin muss gegen den FC Bayern München ohne seinen Trainer bestreiten. Urs Fischer kehrt nach dem Tod seines Schwiegervaters am Samstag aus der Schweiz nach Berlin zurück, wird die Mannschaft aber erst nach zwei negativen Coronavirus-Tests wieder betreuen. Das teilte der Fußball-Bundesligist am Freitag mit.

Sportliche Themen wie der offene Meisterkampf oder das bevorstehende Revierderby blieben auch in der Woche des Neustarts Randaspekte. Bei der Abstiegsfrage wurde weniger über die Qualität von Bremen oder Paderborn diskutiert als mehr über mögliche Wertungsfragen, falls in der derzeitigen Krise doch noch abgebrochen werden muss. Die DFL hat diesen sensiblen Streitpunkt zunächst vertagt und geht ohne Abbruchlösung in seinen Laborversuch, der die Beteiligten des Milliardenbusiness für mehrere Wochen so gut wie möglich von der zuletzt immer weiter geöffneten Gesellschaft abschotten soll.

Das große Ziel der Proficlubs ist: Fertigspielen - irgendwie! An den TV-Millionen hängt nicht nur die Existenz einiger Clubs, sondern laut DFL-Chef Seifert auch der Fortbestand der Bundesliga in ihrer derzeitigen Form. Mit dem Hygienekonzept hat die DFL die Politik zwar vom schnellen Neustart überzeugt, doch auch bei Fußball-Fans wie dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ("Ein Wochenende mit Fußball ist deutlich erträglicher als ein Wochenende ohne Fußball") bleiben Restzweifel.

Die breite Akzeptanz aus der Bevölkerung hat der Fußball für sein Pilotprojekt jedenfalls nicht. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen eine Fortsetzung zum jetzigen Zeitpunkt. Demnach kritisieren 56 Prozent der Befragten den Saison-Neustart am kommenden Wochenende, wie aus dem "Deutschlandtrend" im ARD-"Morgenmagazin" hervorgeht. 31 Prozent der Befragten sind für die Fortführung. Auch zahlreiche Fangruppen sind in Anbetracht der aktuellen Umstände gegen einen Neubeginn mit Geisterspielen.

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