Interview

Waliserin Bonnie Tyler: "Gareth Bale ist ein Rock'n'Roller"

Die Rockröhre Bonnie Tyler spricht exklusiv in der AZ über ihre Kindheit in Wales, warum sie mit 70 schwimmen gelernt hat, ihre Abneigung gegen Drogen und Angst vor dem Teufel.
| Matthias Kerber
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"Ich plane auch nicht, in Rente zu gehen. Ich liebe Musik, sie ist mein Leben. Man kann nicht von seiner Liebe oder Leben in Rente gehen", sagt Bonnie Tyler, die gerade 70 geworden ist.
"Ich plane auch nicht, in Rente zu gehen. Ich liebe Musik, sie ist mein Leben. Man kann nicht von seiner Liebe oder Leben in Rente gehen", sagt Bonnie Tyler, die gerade 70 geworden ist. © picture alliance/dpa

EM-Gespräch mit Bonnie Tyler: Die legendäre Rocksängerin ("It's A Heartache") stammt aus Wales, ihr neues Album "The Best Is Yet To Come" ist gerade erschienen, 2022 tritt sie am Tollwood auf.

AZ: Hallo, Frau Tyler, toll diese einzigartige, rauchige Stimme mal am Telefon zu hören - und dazu noch diesen starken walisischen Akzent.
BONNIE TYLER: (lacht) Es ist so funny, ich habe die ganze Welt bereist, habe fast alles gesehen, aber wenn ich den Mund aufmache, klinge ich, als hätte ich nie eine Großstadt gesehen oder jemals einen Schritt außerhalb von Wales gemacht. Dabei bin ich fast nie mehr dort. Den Akzent werde ich sicher nicht mehr los, es ist fast ein Markenzeichen.

Bonnie Tyler: So entstand ihre unverwechselbare Stimme

Genau wie diese Stimme.
Dabei klang die am Anfang meiner Karriere noch ganz anders. Ja, ich hatte ein bisschen Rauheit, die ich einsetzen konnte, aber ich war auch extrem schüchtern, habe mich vieles nicht getraut. Trotzdem: Die Stimme damals war nichts im Vergleich zu dem, was dann daraus wurde. Es liegt an meiner Ungeduld und Redefreude.

Das müssen Sie erklären!
Nun, ich hatte eine OP an den Stimmbändern, und der Arzt hat mir aufgetragen, sechs Wochen nicht zu sprechen, damit alles gut verheilt. Können Sie sich vorstellen, dass ich sechs Wochen nichts spreche? Ich? Ich habe mich natürlich nicht dran gehalten - das Ergebnis war dann diese Stimme. Irgendwo ein Glücksfall. (lacht)

Es gibt viele einzigartige Sänger, die aus Wales stammen: Sie, Tom Jones, Shirley Bassey sind dort geboren, Lemmy Kilmister von Motörhead ist dort aufgewachsen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Mein Gesangslehrer, mit dem ich drei Mal die Woche telefoniere und meine Stimme trainiere, hat die Theorie, dass wir Waliser aufgrund unseres Akzents auch gut singen können, weil unsere Sprache so hüpfend, so singend, so melodisch ist. Vielleicht ist was dran.

Bonnie Tyler: "Wir waren ein sehr musikalischer Haushalt"

Wie war es, im Wales der 50er Jahre aufzuwachsen?
Ich hatte eine wundervolle Kindheit. Ich bin mit drei Schwestern und zwei Brüdern groß geworden. Mein Vater hat in seiner Jugend in den Minen gearbeitet, wir waren oft zusammen auf langen Spaziergängen, haben Wildblumen gepflückt. Wir waren ein sehr musikalischer Haushalt, meine Mutter hatte diese fabelhafte Opernstimme, hat immer Opern gesungen - und wir Kinder hörten alle unterschiedliche Sachen. Es war eine wilde und wunderbare Musik-Mixtur im Haus. Ich habe viel gesungen, bin sieben Jahre in allen möglichen Clubs aufgetreten, bis ich durch Zufall entdeckt wurde. Ein Talentspäher wollte eine andere Band austesten, hat sich aber in der Etage geirrt und hörte dann mir zu. Der Rest ist Geschichte.

"Zum Glück haben es nur die Lieder in die Neuzeit geschafft"

Fiebern Sie mit Wales jetzt bei der Fußball-EM mit?
Natürlich! Ich bin zwar nicht der größte Fußball-Fan, den die Welt je gesehen hat, aber ich wünsche dem Team nur das Allerbeste. Es ist für so eine kleine Nation ja schon eine Wahnsinnsleistung, dass wir überhaupt dabei sind.

Superstar Gareth Bale...
...der sieht mit seiner Frisur aus wie ein Rockstar! Er ist cool. Ich glaube, er ist ein echter Rock'n'Roller.

Wales hat bereits vier Punkte im Sack: Beim 2:0-Sieg gegen die Türkei präsentierte sich Gareth Bale (31) in absoluter Topform.
Wales hat bereits vier Punkte im Sack: Beim 2:0-Sieg gegen die Türkei präsentierte sich Gareth Bale (31) in absoluter Topform. © imago images/BSR Agency

Wo wir schon bei Frisuren sind: Ihre Mähne in den 80er Jahren war legendär.
Hilfe, ja. Es war so voluminös, mit Dauerwelle und sooo viel Haarspray. Ich habe damals sicher meinen Teil zum Ozonloch beigetragen, so viel Haarspray habe ich da benutzt. (lacht) Dazu noch die Klamotten mit den wahnwitzigen Schulterpolstern und dann die etwas anzüglichen Lieder. Zum Glück haben es nur die Lieder, nicht die Mode und die Frisuren, in die Neuzeit geschafft.

Bonnie Tyler: "Die Musikindustrie hat in der Pandemie sehr gelitten" 

Ihre neue Platte "The Best Is Yet To Come" - das Beste kommt erst noch - hat in der Corona-Pandemie eine ganz andere Bedeutung erhalten.
Das stimmt. Entstanden ist das Album davor, der Track ist das Eröffnungslied, und eigentlich sollte er nur heißen "Hör' dir auch den Rest an, es wird immer noch besser." Aber jetzt heißt es halt auch, dass wenn wir endlich alle durchgeimpft sind, wir in die Normalität zurückkehren können und mit einer neuen Wertschätzung dieses normale Leben, das manchem vorher vielleicht langweilig erschienen ist, genießen können. Gerade die Musikindustrie hat ja auch in der Pandemie sehr gelitten. Es ist schrecklich, wie viele Menschen durch das Virus ihr Leben, ihre Existenz oder ihre mentale Gesundheit verloren haben. Es ist unfassbar traurig.

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Bonnie Tyler hat mit 69 Jahren endlich schwimmen gelernt

Wie hat Sie diese Krise selber betroffen?
Ich hatte mehr Glück, als man sich vorstellen kann. Wir waren in unserem Haus in der Algarve in Portugal, als der Lockdown kam. Wir sind dort zwar 15 Monate kaum rausgekommen, aber welch Glück, an so einem Ort gefangen zu sein. Für jemanden, der seit seinem 17. Lebensjahr sechs Tage pro Woche und jede Woche im Jahr gearbeitet hat, war es gut, richtig abzuschalten, die Batterien aufzuladen. Ich bin so privilegiert wie kaum jemand sonst in der Beziehung, dessen bin ich mit bewusst. Ich habe jetzt sogar - mit 69 Jahren - endlich schwimmen gelernt.

Spät - aber immerhin.
Ich hatte immer Angst vor der Tiefe, dem Wasser - obwohl ich eine Yacht habe. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich mit neun Jahren fast ertrunken bin. Ich bin auf einer Box gestanden, weggerutscht und ins Meer gestürzt. Zum Glück hat das mein Cousin gesehen, und er hat mich gerade noch zu packen gekriegt, als ich schon am Versinken war, denn ich konnte ja nicht schwimmen.

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Bonnie Tyler: "Drogen gaukeln dir Genialität vor"

In Portugal haben Sie einen sehr berühmten Nachbarn.
Cliff Richard, ja! Er ist zwar gerade in New York, aber es ist sehr schön dort. Er produziert da auch Wein. Und ich muss zugeben: Ich bestelle dort viel. Vielleicht zu viel. (lacht)

Also heißt es bei Ihnen Sex, Wine and Rock'n'Roll statt Sex, Drugs and Rock'n'Roll.
(lacht) Das stimmt wohl, zwei von drei ist gut genug. Ich mag keine Drogen. Sie machen dich fertig, und du merkst es nicht mal. Sie gaukeln dir eine Genialität vor, die du in dem Moment ganz sicher nicht hast.

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Bonnie Tyler über Janis Joplin und Tina Turner

Ihre große Heldin Janis Joplin ist an Drogen gestorben.
Ich liebte sie, ihre Stimme, nicht ihren Lebenswandel. Sie hätte der Welt noch so viel geben können. Sie starb mit 27, alles, was sie uns hinterlassen hat, hat sie in den wenigen Jahren erschaffen. Ich hatte meinen ersten Hit, als ich 27 war. Von mir gäbe es gar nichts, hätte ich so früh gehen müssen.

Ihre andere große Heldin ist Tina Turner.
Was für eine Stimme, welch Ausdruckskraft. Ich bin in meinem Kinderzimmer mit der Haarbürste als Mikro in der Hand rumgehüpft und habe ihre Lieder gesungen. Ich werde nie vergessen, als ich sie das erste Mal bei einem Fernsehauftritt in Deutschland getroffen habe. Ich war so aufgeregt, habe mich aber dann doch in das Zimmer, in dem sie geprobt hat, getraut. Sie dreht sich um, kreischte fast: "Bonnie Tyler!" Und fängt an "It's A Heartache" zu singen. Was für ein Moment für mich!

Tina Turner musste in Ihrem Leben häusliche Gewalt erleben, der frühere walisische Fußballer Ryan Giggs, der das Team bei der EM leiten sollte, wurde wegen derartiger Vorwürfe nicht auf den Posten gehoben. Auf Ihrer neuen Platte sendet der Song "Stronger Than A Man" eine klare Botschaft.
Ich will nur ganz grundsätzlich zu der Problematik was sagen. Es ist eine Schande, dass Frauen in der heutigen Zeit - und leider hat das ja in den Zeiten des Lockdowns noch mal zugenommen - immer noch um ihre körperliche und seelische Unversehrtheit bangen müssen. Es darf keinen Platz für toxische Männlichkeit in dieser Gesellschaft geben. Wie es in dem Lied heißt: Der Platz einer Frau ist dort, wo sie sein will. Das Recht kann ihr keiner streitig machen. Ich bin so froh - und dafür danke ich Gott wirklich aus tiefstem Herzen, dass ich in meinem persönlichen Leben so etwas nie - nicht einmal im Ansatz - erleben musste. Ich glaube nicht, dass man sich als Außenstehender vorstellen kann, welches Martyrium da durchlitten wird.

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Bonnie Tyler: "Ich plane nicht, in Rente zu gehen"

Sie dankten gerade Gott. Dieter Bohlen, mit dem Sie in Ihrer Karriere ja auch mal zusammengearbeitet haben, erzählt, dass Sie sich geweigert hätten, Lieder zu singen, in denen die Worte Hell oder Devil - also Hölle oder Teufel - zu singen. Stimmt das?
Ich mag den Teufel nicht. Ich will nicht mal seine Existenz dadurch anerkennen, dass ich seine Namen in den Mund nehme. Wenn es sich vermeiden lässt, singe ich keine Lieder, in denen diese Worte vorkommen. Ich sehe es so: Wenn man sich mit einer Sache und einer Person nicht auseinandersetzen will, dann diese.

Teufel und Hölle.
Genau.

Kaum zu glauben, aber Sie sind gerade 70 geworden.
Es ist nur eine Zahl. Wenn wir darüber reden, fühlt es sich an, als würden wir über eine andere Person und ihren Geburtstag reden. Es ist ein schönes Alter. Ich plane auch nicht, in Rente zu gehen. Ich liebe Musik, sie ist mein Leben. Man kann nicht von seiner Liebe oder vom Leben in Rente gehen.

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