Interview

Tuomas Holopainen: "Wir Finnen ziehen aus der Natur unsere Kraft"

Nightwish-Mastermind Tuomas Holopainen, der Mozart des Metals, spricht über seine Heimat und den großen Hang zum Mystischen.
| Matthias Kerber
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Eine kleine Fußball-Sensation: Die finnische Nationalmannschaft qualifiziert sich erstmals überhaupt für eine Europameisterschaft.
Eine kleine Fußball-Sensation: Die finnische Nationalmannschaft qualifiziert sich erstmals überhaupt für eine Europameisterschaft. © picture alliance/dpa/Lehtikuva
AZ-Interview: Nightwish ist eine Symphonic-Metal-Band aus der finnischen Stadt Kitee. Die Band um den Keyboarder Tuomas Holopainen ist eine der erfolgreichsten Metalbands Finnlands und lässt sich vielfach von Filmmusik inspirieren.

AZ: Herr Holopainen, für Finnland ist 2021 ein fast schon sporthistorisches Jahr, die Fußball-Nationalmannschaft nimmt erstmals in ihrer Geschichte an einer Europameisterschaft teil, gewinnt - wenn auch unter tragischen Umständen - das erste Spiel gegen Dänemark, wie wird das in Ihrer Heimat wahrgenommen?
TUOMAS HOLOPAINEN: Als wir die Qualifikation geschafft haben, war das so eine Mischung aus Unglauben und Stolz, diese Kombination führte landestypisch zu einer langen Party, die ein paar Tage gedauert hat. Wir nehmen ja gerne jede Gelegenheit wahr, um etwas zu feiern. (lacht) In diesem Jahr müssen wir Finnen also nicht wie immer viel Eishockey bei der WM schauen, da sind wir Erfolg gewöhnt, sondern auch die Fußball-EM in unser Fernsehprogramm aufnehmen. Wir genießen das, so lange es dauert. Ich fürchte, so schnell werden wir das nicht wieder erleben. Es wird wohl eher das erste und letzte Mal sein. Aber es ist witzig, ich persönlich bin eher Eishockey- und Formel-1-Fan, da sind wir Erfolg gewöhnt, aber jetzt sind wir halt für kurze Zeit auch mal alle Fußball-Fans. 

Holopainen: "Wir sind ganz normale Menschen"

Sie sprachen die finnische Art an, für Außenstehende gelten Finnen oft als still, schweigsam, ein bisschen im Stile von Motorsport-Ikone Kimi Räikkönen, dem Iceman.
Ja, es gibt viele Klischees über uns - aber die meisten treffen nicht zu. Wir sind ganz normale Menschen (lacht). Aber Spaß beiseite, ich würde sagen, dass wir sehr umgänglich sind, aber was uns auszeichnet, ist, dass wir vielleicht erst denken, bevor wir reden - eine Eigenschaft, die ich aber wirklich sehr sympathisch finde.

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"Das Land, die Natur beeinflusst mein Denken, meine Musik"

Wie viel Einfluss hat denn die großartige, überwältigende Natur auf die Finnen an sich - und Sie persönlich?
Nun, die Leute glauben immer, dass wir in Finnland die Sonne nie sehen, dass wir zehn Monate tiefsten Winter haben, durch meterhohen Schnee stapfen und mit Elchen um die Vorfahrt auf den Straßen kämpfen. Das Letzte sind übrigens keine Klischees, sondern das stimmt. (lacht) Es ist so, dass die Natur ein Teil unserer finnischen DNA ist, wir ziehen Kraft aus der Natur. Ich selber gehe sehr, sehr gerne stundenlang in der Natur spazieren. Das sind Momente, in denen ich manchmal die besten Ideen für meine Musik bekomme. Ich bin sicher, dass sich die Musik von Nightwish anders anhören würde, wenn ich nicht Finne wäre. Das Land, die Natur beeinflusst mein Denken, meine Musik, ja.

"Ich schreibe Songs, die ein Teil von mir sind"

Eine Pilzmücken-Art in Lappland wurde sogar nach Ihnen benannt: Sciophila holopaine!
Lachen Sie nicht, das ist eine große Ehre für mich. Ich bin Naturfreak, es hat mich wirklich tief bewegt. Wenn eine Pflanze oder Tier benannt wird, hat man ein kleines Stück Unsterblichkeit.

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Die Fußballer müssen bei dieser EM ohne einen Großteil der Fans auskommen. Wie wichtig ist Ihnen - Sie werden ja aufgrund der Nightwish-Kompositionen als Mozart des Metals bezeichnet - grundsätzlich der Austausch mit den Fans?
Musik ist für mich die Möglichkeit, direkt mit den Menschen von Herz zu Herz zu kommunizieren. Ich schreibe Songs, die ein Teil von mir sind. Es sind Kinder meines Kopfes und Herzens. Aber in dem Moment, wo ein Lied veröffentlicht wird, in dem wir es dem breiten Publikum zugänglich machen, verliert man ein bisschen das Copyright, denn die Hörer machen das Lied auch zu ihrem, übertragen ihre Erfahrungen, Emotionen und Gedanken auf den Song. Es kann sein, dass ein Lied für mich etwas total anderes bedeutet als für den Fan, der es hört und damit irgendwo adoptiert. Selbst die Mitglieder von Nightwish haben unterschiedliche Interpretationen unserer Songs. Ich liebe die Vorstellung, dass unsere Lieder dadurch in einem Prozess des ständigen Wachstums sind, dass sie ein Eigenleben entwickeln. Die Songs sind eben irgendwo meine Kinder, aber jeder Elternteil muss seine Kinder irgendwann ziehen lassen, sie ihren eigenen Weg finden lassen.

"Gute Musik sollte immer ein Hauch von Geheimnis und Mysterium umwehen"

Die Natur, die Evolution spielt in Ihren Texten immer eine große Rolle, ohne dabei aber sehr plakativ zu sein.
Ich bin Künstler, kein Prediger. Ich gebe Anreize, aber wenn die jemand nicht wahrnehmen will, ist das auch gut. Gute Musik sollte immer ein Hauch von Geheimnis und Mysterium umwehen, es sollte nicht das Unerklärliche verlieren. Die Anziehungskraft der Mona Lisa hat auch Jahrhunderte überstanden, hat alle Moden und Trends überlebt, weil sie eben Kunst darstellt, die nicht im Korsett des historischen Kontexts gefangen ist und dann außerhalb dieser Zeitgeschichte ihre Relevanz verliert. Wir sprachen ja zuvor über die Finnen, ich denke, dass der Hang zum Mystischen auch ein Teil der finnischen Volksseele ist. Wer die Kraft, die Macht, die Herrlichkeit der Natur aus nächster Nähe erlebt, der ist vielleicht auch offener für das Magische, das Mystische.

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