Thomas Berthold: "Es gab die übelsten Gesänge"

AZ-Serie zur WM 1990: Heute spricht Thomas Berthold im AZ-Interview über die Titelfeier, den Udo-Jürgens-WM-Song und mit wem er in Unterhosen feiert.
| Julian Buhl
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„Die Studioauftritte mit Udo Jürgens (vorn) waren legendär, 25 Jahre danach aber eher was für ,Versteckte Kamera’“, sagt Berthold (Mitte hinten) über den WM-Song.
dpa „Die Studioauftritte mit Udo Jürgens (vorn) waren legendär, 25 Jahre danach aber eher was für ,Versteckte Kamera’“, sagt Berthold (Mitte hinten) über den WM-Song.

AZ: Herr Berthold, am 8. Juli feiern Sie das Jubiläum des WM-Titels von 1990. Was fällt Ihnen dazu ein?

THOMAS BERTHOLD: (lacht) Dass schon viel Zeit vergangen ist. Das glaubt man gar nicht. 25 Jahre, das ist schon ein Wort. Ein Vierteljahrhundert.

Sie haben damals zusammen mit Rudi Völler beim AS Rom gespielt, Lothar Matthäus, Andy Brehme und Jürgen Klinsmann waren damals bei Inter, Thomas Häßler bei Juventus Turin.

Die Serie A war damals die stärkste Liga in Europa und wir sechs Italiener der Kern der Nationalmannschaft. Wir hatten das Glück, fünf Spiele in Mailand zu spielen, wo die deutschen Fans in der Mehrheit waren. Das Finale war in meinem Heimstadion in Rom.

Wie lief das mit Franz Beckenbauer als Teamchef so ab?

Ansprachen oder Sitzungen gab es eigentlich keine. Es wurde auch nicht viel über den Gegner oder unsere Aufstellung, die ja fast immer die gleiche war, gesprochen. Franz hat gesagt, dass wir uns nur selbst schlagen können, und das war die Message für das ganze Turnier.

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Im Endspiel haben Sie auf der rechten Abwehrseite gespielt, bis zur K.o.-Runde ja noch als Innenverteidiger.

Ich war eher so ein Joker-Spieler, der auch rechts oder in der Mitte spielen konnte. Das war nichts Ungewohntes für mich. David Alaba spielt aktuell beim FC Bayern ja auch mal linker Verteidiger, mal im Mittelfeld.

In der ersten Halbzeit hatten Sie eine Kopfballchance.

Die Flanke kam von Brehme. Ich bin leider etwas zu spät abgesprungen und habe den Ball nicht voll mit der Stirn erwischt. Aber zu meiner Verteidigung: Ich hatte beide Ischiasnerven eingeklemmt. Ich wusste von Anfang an, dass ich das komplette Spiel sowieso nicht schaffe. Ich war deshalb beim Laufen, bei Drehungen und schnellen Bewegungen etwas eingeschränkt.

Wie war das, gegen Maradona zu spielen?

Ich kannte ihn aus den Duellen mit Neapel. Diego war ein einmaliger Spieler, unvergleichbar. So einen wird es nicht mehr geben. Nichts gegen Messi, aber Diego war noch mal etwas Anderes. Du musstest versuchen, ihn so zuzustellen, dass er gar nicht angespielt werden konnte. Er konnte den Ball unheimlich gut an- und mitnehmen – alles in einer Bewegung. Weil er so klein war, war er viel beweglicher als größere Spieler, gerade auf den ersten Metern. In dem Finale kam er aber eigentlich gar nicht zur Geltung.

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Wie haben Sie das geschafft?

Wir hatten einen hohen Ballbesitzanteil. Wer den Ball kontrolliert, kontrolliert das Spiel, so ist das heute ja auch. Deshalb ist ja Barcelona zum Beispiel so stark. Mir war von Anfang an klar, dass es in diesem Spiel nur einen Sieger gibt. Wir waren in dieser Konstellation zu stark für die Argentinier.

Waren Sie überrascht, dass Andy Brehme den entscheidenden Elfmeter dann geschossen hat und nicht Lothar Matthäus?

Ein bisschen schon. Warum, da müssen Sie mal den Lothar fragen. Wenn man sich nicht sicher fühlt, ist es auch legitim zu sagen: „Komm, Andy, übernimm das Ding.“ Brehme war eh unser bester Elfmeterschütze. Er war da eiskalt.

Wie wurde nach dem Triumph gefeiert?

Direkt nach dem Abpfiff hatten wir einen Umtrunk in der Kabine. Dann kam Helmut Kohl da reingeschlappt. Der ist auch gleich bespritzt worden und es gab die übelsten Gesänge. Da ging schon ganz schön die Post ab. Zurück in unserem Camp gab es einen kurzen offiziellen Teil, und dann ging es bis morgens um halb zehn weiter. Am Ende saß ich noch zusammen mit Sepp Maier da: Nur noch in der Unterhose und mit Weißbierglas am Frühstückstisch. Dann hieß es, wir müssten uns mal anziehen, weil es jetzt an den Flughafen geht.

Es hätte offenbar auch damals genug Stoff für eine kleine Dokumentation wie 2006 oder 2014 gegeben, oder?

Da hätte man auf jeden Fall einen Kinofilm drehen können. Am Flughafen ging es weiter. Wir waren ein bisschen angetrunken und relativ laut. Dann hat eine Frau zu Sepp Maier gesagt: „Herr Maier, sorgen Sie doch mal dafür, dass die Spieler ein bisschen leiser sind. Der Botschafter möchte eine kleine Ansprache halten.“ Dann hat er zu ihr gesagt: „Wir sind Weltmeister und der ist Bademeister.“ Nur wusste der Sepp nicht, dass das die Frau des Botschafters war.

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Gab es auch während des Turniers irgendwelche Eskapaden?

Ich war an einem freien Tag zusammen mit Brehme und Matthäus mal Wasserskifahren auf dem Gardasee. Da haben die Leute ein bisschen komisch geschaut, als plötzlich ein paar deutsche Nationalspieler auf dem Boot saßen.

Sind Sie in Verbindung geblieben?

Mit Karl-Heinz Riedle bin ich gut befreundet und unternehme viel privat mit ihm, zum Beispiel Skifahren, Skitouren oder Wandern. Rudi Völler und Andy Brehme treffe ich ab und zu, auch Bodo Illgner.

Zum 25-jährigen Jubiläum ist nun ein Treffen der Weltmeister geplant. Es wird dort stattfinden, wo wir uns damals vorbereitet haben und alles anfing: in Kaltern in Südtirol. Alle, die können, werden kommen. Jürgen Klinsmann muss da leider mit den USA spielen.

Vielleicht lassen Sie auch den WM-Song von 1990 „Wir sind schon auf dem Brenner“ wieder aufleben, den die Nationalelf vor dem Turnier mit Udo Jürgens aufgenommen hatte.

Ja, sagenhaft. Die Platten von damals, also von ‘86, ‘90 und ‘94, waren alle recht erfolgreich und haben Platin geholt. Das war eh alles mit richtigen Sängern aufgenommen. Wir haben für den Clip dann eigentlich nur etwas die Lippen bewegt. Die Studioauftritte waren schon legendär. Wenn ich mir das 25 Jahre danach so anschaue, war das eher was für „Versteckte Kamera“.

Oder ein Vierteljahrhundert danach eben für Youtube.

Ich kann mir vorstellen, dass es dort ein Brüller ist.

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