So, Jogi, jetzt musst du dich entscheiden

Nach dem 3:0 Sieg gegen Urgarn kehr Bundestrainer Jogi Löw mit gemischten Gefühlen ins WM-Trainingscamp nach Südtirol zurück. Am Dienstag muss Löw zwei Spieler bekannt geben, die nicht mit nach Südafrika fahren.
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Bundestrainer Jogi Löw.
dpa Bundestrainer Jogi Löw.

BUDAPEST/EPPAN - Nach dem 3:0 Sieg gegen Urgarn kehr Bundestrainer Jogi Löw mit gemischten Gefühlen ins WM-Trainingscamp nach Südtirol zurück. Am Dienstag muss Löw zwei Spieler bekannt geben, die nicht mit nach Südafrika fahren.

Jetzt geht's richtig los, frohlockte Joachim Löw nach dem geglückten WM-Probelauf in Ungarn – aber der Bundestrainer muss nun auch „weh tun“. Voller Tatendrang kehrte der hin- und hergerissene Chef der deutschen WM-Mission nach dem 3:0 (1:0) im ersten Spiel nach dem Ballack-Ausfall aus Budapest ins Trainingscamp nach Südtirol zurück. Denn nur noch zwei Wochen vor dem Ernstfall gegen Australien kann er endlich auch das Schonprogramm für seine Bayern-Asse beenden und den Feinschliff für Südafrika starten.

„Diesen Tag habe ich jetzt schon eine ganze Weile herbeigesehnt, dass endlich alle zusammen trainieren. Es ist wichtig, dass jetzt ab Montag auch Schweinsteiger, Müller, Lahm einsteigen. Jetzt geht es darum, gesamtheitlich einige Dinge einzustudieren“, erklärte Löw, der am Tag nach dem Ungarn-Spiel nur eine Fitness-Einheit ansetzte.

Dass die neuen Anführer Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger am 20. Tag (!) der WM-Vorbereitung endlich voll das Kommando übernehmen, soll dem jungen Team nochmals einen Schub geben. „Jetzt kommen noch die Bayern – da werden wir eine starke Elf finden für die WM“, meinte Lukas Podolski nach dem Warm-up im Ferenc-Puskás-Stadion, das kein Maßstab für das kommende Kräftemessen mit den Weltbesten war. „Die WM wird etwas ganz anderes als dieses Spiel“, warnte auch Löw.

Sein Mut, Lahm und Schweinsteiger sowie auch Startelf-Kandidat Müller eine letzte Pause zu gönnen, erwies sich gegen Sparringspartner Ungarn als richtig. „Wenn wir verloren hätten, wären die Diskussionen wieder losgegangen“, bemerkte Elfmeterschütze Podolski (5. Minute), der zusammen mit Mario Gomez (69.) und Cacau (73.) die Tore schoss. So liefert die endgültige Kader-Nominierung am Dienstag den heißesten Diskussionsstoff.

Wen trifft's? Wen streicht Löw? „Es können nur 23 Spieler mit, das wird wehtun für zwei Spieler“, sagte Löw: „Wir werden im Trainerstab überlegen, wie die beste Zusammensetzung ist.“ Einige müssen bangen - nicht nur anfängliche Top-Kandidaten wie Andreas Beck oder Dennis Aogo – und alle rätseln. „Kein Spieler weiß, wer gesetzt ist und wer zittern muss. Das ist wie bei der Torwart- und Kapitänsfrage. Das entscheiden nur die Trainer“, schilderte Podolski die Anspannung.

Löw steht vor einer kniffligen Entscheidung. Vor allem zweifelt er immer noch bei Linksfuß Marcell Jansen, den er dabei haben will, aber über dessen absolute WM-Fitness er sich auch nach dem 30-Minuten-Test in Ungarn nicht im Klaren ist. „Eine WM ist ein hohes Level an Belastung. Da muss ich auch nochmal mit den Ärzten sprechen und mit ihm reden. Er konnte noch keine 90 Minuten spielen“, schilderte Löw seine Überlegungen. Der Hamburger Jansen selbst geht nach seiner überstandenen Fußverletzung fest davon aus, in Afrika dabei zu sein, „sonst hätte ich das alles hier nicht versuchen müssen“.

Das Streichkonzert ist zwar spannend, aber für die WM nicht entscheidend. Löw hat nach wie vor wichtigere Baustellen. „Viel Positives“ hatte er in Budapest gesehen, viele Trainingsinhalte wurden gut umgesetzt. Aber die WM bleibt ein Projekt zwischen Hoffen und Bangen. Am meisten verärgerte Löw die Abschlussschwäche. „Wir haben drei, vier oder fünf Riesen-Chancen vergeben“, schimpfte der Bundestrainer. Vor allem der Bremer Mesut Özil, der mit Technik und Spielwitz begeisterte, tat sich in der Beziehung negativ hervor. „Ich weiß, dass ich mindestens zwei Tore machen muss“, stöhnte Özil.

Immerhin: Gleich drei Stürmer trafen, aber ausgerechnet Miroslav Klose konnte nicht jubeln. „Es wird harte Arbeit werden für ihn und uns alle“, kommentierte Löw. Aber der WM-Torschützenkönig von 2006 sei ein Wettkampftyp und steigerungsfähig. „Er hat das immer dann bewiesen, wenn er abgeschrieben wurde“, sagte der Bundestrainer und erinnerte an Kloses Dreierpack in der WM-Qualifikation gegen Finnland (3:3) und das goldene Tor im entscheidenden Spiel in Russland (1:0). „In diesen harten Kämpfen hat er immer zugeschlagen“, betonte Löw.

Die WM-Elf schält sich nach Ungarn mehr und mehr heraus. Neuer, Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger, Podolski, Özil und immer noch Klose bilden das Gerüst, zu dem nun auch Sami Khedira endgültig zählt. Der Stuttgarter überzeugte Löw bis zum vorzeitigen Stopp durch muskuläre Probleme 45 Minuten lang als Ballack-Ersatz. „Er ist in der Lage, diese Position auszufüllen, auch anstelle von Michael Ballack“, lobte der Bundestrainer, der in Budapest in Toni Kroos zudem eine neue, offensivstarke Sechser-Alternative aus dem Hut zauberte.

Völlig offen ist, ob Lahm hinten rechts oder links dringender gebraucht wird und wer zweiter Außenverteidiger wird. Arne Friedrich sammelte Punkte als möglicher Partner von Abwehrchef Per Mertesacker im Deckungszentrum. Und auf dem rechten Flügel streiten Müller und Piotr Trochowski um den vakanten Platz, Marko Marin machte in Ungarn als Joker Druck. Egal mit wem, Deutschlands Youngster-Truppe wird eine Wundertüte bleiben, die einiges verspricht, aber nichts garantiert. „Wie die jungen Spieler in Extremsituationen reagieren bei einer WM, das ist nur schwer vorhersehbar“, räumte Löw ein.

dpa

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