Sebastian Kehl: "Warum sollte Deutschland das Turnier nicht sogar gewinnen?"

Der Ex-Nationalspieler spricht im AZ-Interview über das Halbfinale der DFB-Mannschaft gegen Mexiko und die Entwicklung der Löw-Truppe beim Confed Cup. Kimmich und Süle traut er viel zu.
| Julian Buhl
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Traut Deutschland alles zu: Sebastian Kehl.
dpa Traut Deutschland alles zu: Sebastian Kehl.

Mit Borussia Dortmund wurde Kehl dreimal Deutscher Meister, gewann den DFB-Pokal und erreichte das Champions-League-Finale. Mit der Nationalmannschaft wurde er 2002 Vize-Weltmeister.

AZ: Herr Kehl, Deutschland trifft am Donnerstag (20 Uhr/ARD) im Halbfinale auf Mexiko - als Gruppensieger. Überrascht Sie das?
SEBASTIAN KEHL: Es hat uns alle positiv überrascht, wie die Jungs auftreten, wie engagiert sie sind, mit welcher Motivation sie rangehen und welch große Begeisterung sie geweckt haben. Auch bei Jogi Löw konnte man das deutlich spüren. So wird dieses Turnier für die Beteiligten dann auch sportlich zu einem deutlichen Mehrwert. Zum achten Mal in Folge im Halbfinale zu stehen, ist zudem schon eine große Leistung. Das zeigt, dass wir in Deutschland sehr, sehr viel richtig machen und keine Angst vor der Zukunft haben müssen.

Wie stark sind die Mexikaner einzuschätzen?
Beim 2:2 in der Vorrunde gegen Portugal konnte man sehen, wie gefährlich sie sein können. Der Sieg gegen den Europameister war möglich. Die Mexikaner sind eine sehr erfahrene Mannschaft, die ähnlich wie die Chilenen einen starken Ballbesitz und tolle Fußballer in ihren Reihen haben. Wie gefährlich Leverkusens Chicharito sein kann, wissen wir ja aus der Bundesliga. Sie werden sich nicht verstecken und ihre Chance suchen. Es wird für unsere Mannschaft also die nächste große Herausforderung. Aber ich glaube, dass sie auch diese Hürde nehmen und hoffentlich am Ende im Finale stehen wird. Und warum sollte dieses Team das Turnier dann nicht sogar gewinnen?

Das deutsche Perspektiv-Team hat beim Confed Cup eine erstaunliche Entwicklung genommen, oder?
Dass diese Mannschaft Qualität besetzt ist, daran habe ich nicht gezweifelt. Die Spieler, auch die vielen Neulinge, waren hochmotiviert, sich auf dieser Bühne zu beweisen. Spieler wie Draxler oder Kimmich haben die Möglichkeit, in eine Führungsrolle hineinzuwachsen. Die Konstellation dieser Mannschaft ist sehr spannend. Sie ist lernwillig und bereit, sich auf das Turnier komplett einzulassen. Die Spielphilosophie von Jogi Löw wurde sehr schnell verinnerlicht, und sie treten als Team auf!

Wie wichtig kann der Confed Cup mit Blick auf 2018 werden?
Jeder versucht, die Chance zu nutzen, sich in den Fokus zu spielen. Aber man darf nicht vergessen, wie viele Spieler noch zu Hause sitzen und sicherlich auch 2018 den Stamm bilden werden. Die WM ist noch weit weg und da wird noch einiges passieren. Aber man konnte zum Beispiel bei Stindl oder Goretzka sehen, dass sie einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht haben. Das wird sicherlich auch bei Jogi Löw hängenbleiben.

Als Spieler haben Sie nie am Confed Cup teilgenommen. Wie ist es für Sie, jetzt als TV-Experte dabei zu sein?
Ich war ja schon für das ZDF bei der EM 2016 in Frankreich dabei. Es macht sehr viel Spaß und ist für mich ein spannender Perspektivwechsel.

Sehen Sie die Spiele also mit anderen Augen als zu Ihrer aktiven Zeit?
Ich blicke schon ein bisschen differenzierter auf das Spiel, lasse dabei Erfahrungen einfließen, die ich über knapp 20 Jahre als Profifußballer gesammelt habe. Das wird ergänzt durch die Trainerausbildung, die ich parallel derzeit absolviere. Analysen und taktische Veränderungen spielen heutzutage eine immer größere Rolle, jedoch ist die Körpersprache und das Verhalten der Spieler noch wichtiger. Der Mensch bleibt im Fußball für mich im Fokus. Und diese Nähe und das Gefühl, was auf die Jungs alles einprasselt und wie sie sich verhalten, werde ich auch weiterhin besonders beobachten.

Sind Sie als Experte kritischer oder nachsichtiger mit den ehemaligen Kollegen?
Als Experte gehört es dazu, auch Dinge kritisch anzusprechen, wenn es angebracht ist. Ein Experte kann mahnende Haltungen einnehmen, aber genauso lobende und verständnisvolle. Die Bandbreite sollte groß sein. Mir persönlich ist es wichtig, nie beleidigend zu werden. Da gibt es für mich eine klare Grenze.

"Kimmich hat auch beim FC Bayern eine große Karriere vor sich"

Wie gefällt Ihnen Joshua Kimmich bei dem Turnier?
Ich bin großer Fan von Joshua, das war ich schon bei der EM. Er ist ein Spieler mit wahnsinnig guten Anlagen, toller Mentalität und noch dazu ein guter Typ. Bei der Nationalmannschaft und auch beim FC Bayern ist er jetzt rechts hinten fest eingeplant. Dort wird er Spielpraxis bekommen und sich jetzt weiterentwickeln. Er hat eine schwierige Saison bei Bayern hinter sich, aber die jetzige Phase wird ihm viel Auftrieb und Selbstvertrauen geben.

Ist er für Sie also ein würdiger Nachfolger von Philipp Lahm?
Einen Spieler mit Philipp Lahm zu vergleichen, ist nicht ganz fair. Philipp hat über Jahre hinweg Weltklasseleistungen gezeigt. Joshua Kimmich ist zudem ein etwas anderer Spielertyp. Auch wenn er das auf der Außenbahn hervorragend umsetzt, kann ich mir auch vorstellen, dass er im zentralen Mittelfeld ebenfalls seine Stärken einbringen kann. Um seine Entwicklung mache ich mir keine Sorgen. Er hat eine große Karriere vor sich, auch bei Bayern München.

Niklas Süle ebenfalls? Er muss sich bei Bayern jetzt gegen Boateng, Hummels und Martínez behaupten.
Süle hat eine tolle Saison bei Hoffenheim gespielt, nun einen starken Confed Cup, ist unheimlich zweikampfstark und zudem sehr schnell. Er bringt vieles bereits in jungen Jahren mit. Aber der Konkurrenzkampf bei Bayern wird ihn auch mental sehr fordern. Da gilt es, sich zu beweisen und geduldig auf seine Chance zu warten. Das wird für ihn ein spannendes Jahr werden. Wenn er bei Bayern die Spielpraxis nicht bekommt, kann das im Hinblick auf die WM für ihn zu einem Problem werden.

Bayern muss die Abgänge von Lahm und Xabi Alonso verkraften. Macht sie das in Zukunft angreifbar?
Der Abschied von Alonso kam zum richtigen Zeitpunkt. Zudem haben die Bayern bereits jetzt schon den ein oder anderen Spieler wieder verpflichtet. Ihr Kader wird also definitiv nicht schlechter sein. Wenn die Mannschaft ihr Potenzial komplett abruft und gierig bleibt, wird es schwer, sie an der sechsten Meisterschaft in Folge zu hindern.

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